Revision

Linksbündig Wie die Schleichwerbung unsere Wahrnehmung verändert

Wie schauen Sie Ihren Tatort jetzt eigentlich: Fragen Sie sich noch, wer der Mörder ist oder stellen Sie sich lieber der viel spannenderen Aufgabe herauszufinden, wer alles bezahlt hat dafür, dass seine Autos, Joghurtbecher oder Heizungssysteme vorkommen? Oder spielen Sie gar auf dem höchsten Level und suchen nach den Stellen, an denen vormaliges Product Placement durch Nachbearbeitung wieder getilgt worden ist?

Das Problem der Schleichwerbung ist so groß, weil die Schleichwerbung keine Grenzen hat. Das muss vor allem die ARD erfahren, obwohl die ARD, wie es sich für einen richtigen Skandal gehört, nicht allein betroffen ist. Analog zu den Aufregern vergangener Jahre und verschiedener Disziplinen - Stasi, Doping, BSE - erreichen uns täglich Meldungen von der Ausweitung der Problemzone. Die Sender forsten alte Bestände durch, um bei deren Wiederholung sich nicht weitere Vorwürfe einzuhandeln. Aus der Schweiz wurden Anfang der Woche erste Fälle bekannt, in denen Product Placement auch dort aufgetreten ist. Es ist ein Sumpf mit der Schleichwerbung - und das sicherste Mittel zur Trockenlegung scheint noch immer eine alarmierte Öffentlichkeit zu sein.

Obwohl die Öffentlichkeit, sofern damit die Zuschauer gemeint sind, sich an dem zwielichtigen Gebaren der mit Werbung getunten Drehbücher offenbar wenig stört. Als sich WDR-Intendant Fritz Pleitgen in einem zumindest prinzipiell respektablen Akt von Aufklärungsbereitschaft in einer hauseigenen Sondersendung der Kritik des Schleichwerbungsaufdeckers Volker Lilienthal und den Fragen der Zuschauer stellte, wurde deutlich, dass letztere mit dem Zuschussgeschäft keine moralischen Bedenken hätten, wenn dadurch nicht Serienproduzenten etwas dazu verdienen würden, sondern die Rundfunkgebühren gesenkt werden könnten.

Auf einen solch pragmatischen Lösungsansatz kann die heilende Wirkung des Skandals keine Rücksicht nehmen. Die Produktivkraft des Eklats besteht ja darin, dass ein Missstand offensichtlich wird, auf dessen Behebung in einem Land wie dem unseren, in dem "alles von Leitzordnern dirigiert" wird (Thomas Bernhard), gern mit einem Gesetz hingearbeitet wird. Das zu den juristischen Folgen. Die mentalen Auswirkungen liegen tiefer, sie verändern unsere Weltwahrnehmung. So wird sich der aufmerksame Leser im Kontext dieses Beitrags fragen, ob Thomas Bernhard nicht vielleicht von einem großen deutschen Büroausstatter dafür bezahlt worden sei, dass er dessen Ordner zur Metonymie des Beamtenwesens gewählt hat und nicht die der Konkurrenz. Oder schlimmer noch: Ob der Autor dieser Zeilen womöglich von dem Verlag Thomas Bernhards (gerade erscheint das Gesamtwerk!) und dem großen deutschen Büroausstatter dafür Geld bekommen hat, beide an prominenter Stelle zu erwähnen. Letzteres ist nicht der Fall. Bei Thomas Bernhard könnte nur die Sichtung des Nachlasses endgültige Sicherheit geben, die wahlweise der Verlag oder die Innenrevision des WDR übernehmen könnte, wenn man dort mit allen Tatort-Folgen durch ist.

So wie Paranoia und Kritik siedeln Gut und Böse nahe beieinander. Nach dem Unschuldsverlust im Marienhof sind die Sinne geschärft und der aufgeschlossene Zeitgenosse hat seinen Wahrnehmungsapparat neu justiert: Worum geht es? Das kann man sich etwa fragen, wenn man die Schwimmweltmeisterschaften im ZDF verfolgt hat, wo jedes Finale der Weltbesten mit deutscher Beteiligung gerade so kommentiert wurde, als handele es sich um deutsche Meisterschaften. Das kann man sich wiederum fragen, wenn das zweite deutsche Fernsehen in den Nachrichten ein Hamburger Radrennen mit keinem Wort erwähnt, das im ersten deutschen Fernsehen übertragen worden war. Das kann man sich weiterhin fragen, wenn Rennfahrer Kimi Raikkönen auf seinem Rennanzug genau dort einen Schriftzug mit seinem Vornamen hat, wo vorher typengleich der Name eines großen Zigarettenherstellers stand, was nebenbei bemerkt eine schöne Volte im Zeitalter der Markenpiraterie ist, da sich Großkonzerne freiwillig der Methoden ihrer Raubkopierer bedienen.

Worum es geht, kann man schließlich auch in der Politik fragen, wenn Gerhard Schröder durch ein bestelltes Misstrauensvotum seine Macht abgibt. Wer steckt dahinter? Die CDU, die sich das Gewarte in der Opposition mit einer großzügigen Spende verkürzen will? Doris Schröder-Köpf, die emotionale Mittel locker gemacht hat, um ihren Mann häufiger zu sehen? Oder doch Oskar Lafontaine? Bleiben Sie dran. Die Innenrevision unserer Gesellschaft hat gerade erst begonnen.


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00:00 05.08.2005

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