Revolte in Crostwitz

Lausitz Weil das sächsische Kultusministerium darüber nachdenkt, eine Schule zu schließen, steht nun eine ganze Region auf den Barrikaden. Die Sorben sind aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Seit einigen Tagen kursieren in der Oberlausitz Anstecker mit den sorbischen Nationalfarben Blau-Rot-Weiß, darauf der Schriftzug »Chróscan zbezk 2001«. »Crostwitzer Revolte 2001« heißt das. Mit der wollen die Crostwitzer jetzt in die Geschichte eingehen. »Wir waren immer lieb und friedlich«, beschreibt Handrij Brezan, ein fünfunddreißigjähriger Schornsteinfeger aus Prautitz/Prawocicy, die sorbische Minderheit. Doch jetzt aufzugeben sei Verrat. Verrat am sorbischen Volk.

Es ist eine Entscheidung des sächsischen Kultusministeriums, die die Oberlausitzer Sorben auf die Barrikaden getrieben hat. Denn das Ministerium weigert sich, in diesem Schuljahr wieder eine fünfte Klasse in der Crostwitzer Mittelschule einzurichten. Statt der geforderten zwanzig Kinder für eine Klasse haben sich nur siebzehn angemeldet. Zu wenig Schüler, argumentiert das Ministerium, schließlich müssten die Crostwitzer eigentlich sogar vierzig Schüler auf die Beine stellen. Mittelschulen, erläutert Steffen Große vom Sächsischen Kultusministerium, müssten nach den gesetzlichen Bestimmungen mindestens zweizügig sein. Nur so könne unter einem Dach ein Hauptschul- und Realschulbildungsgang eingerichtet werden, nur so könnten Gruppen mit Wahlfächern gebildet werden. In Crostwitz/Chrósc´iey ist an solche Klassengrößen nicht zu denken. Die Schülerzahlen, prognostiziert Große, gehen weiter zurück. In zwei Jahren rechnet er mit nur noch acht Anmeldungen. Für das Ministerium ein klarer Fall: Der Standort in Crostwitz ist nicht mehr haltbar, die Schule muss geschlossen werden.

Die Crostwitzer denken nicht daran, diese Entscheidung zu akzeptieren. Seit Beginn des Schuljahres, dem neunten August, machen sie Schule auf eigene Faust. Jeden Morgen Punkt sieben Uhr dreißig gehen die siebzehn Kinder unter dem Beifall aller umliegenden Dörfer zu ihrer Schule. Sorbische Fahnen wehen im Wind, sorbische Lieder werden gesungen und Reden gehalten. In der Schule warten pensionierte sorbische Lehrer, die unentgeltlich den Unterricht halten. Das soll, verspricht Handrij Brezan, so lange gehen, bis das Kultusministerium nachgibt und die fünfte Klasse einrichtet.

Noch im Juli hofften die Crostwitzer auf eine gerichtliche Eilentscheidung und renovierten auf eigene Faust ihre Schule, die Mittelschule »Jurij Chezka«. Sie ist fast hundert Jahre alt. »Eine Schule mit Tradition, ein kulturelles Zentrum«, schwärmt Brezan. Es ist eine von zwei Mittelschulen im Landkreis Kamenz, in denen allein sorbisch gesprochen wird - nicht nur in eigens dafür eingerichteten Kursen. Auf dem Schulweg, in jedem Unterrichtsfach, in der Pause - die Kinder sprechen hier ihre Muttersprache. Doch die Gerichte haben dem Kultusministerium Recht gegeben. Erst das Verwaltungsgericht in Dresden, und letzte Woche auch das Sächsische Oberverwaltungsgericht in Bautzen. Die Klage der Crostwitzer Gemeinde ist abgelehnt. Nach Auffassung der Verwaltungsrichter kollidiert das nicht mit dem in der Landesverfassung garantierten Minderheitenschutz: Ersatzschulen mit einem vergleichbaren Unterrichtsangebot existierten in zumutbarer Entfernung. Das stimmt. In Räckelwitz, in eineinhalb Kilometern auf dem Radweg erreichbar, gibt es eine Mittelschule mit muttersprachlichen Angeboten. Auch in Panschwitz-Kuckau, etwa vier Kilometer weiter, könnten die Kinder zur Schule gehen. Und die Ralbitzer Mittelschule, rein sorbisch wie Crostwitz, liegt sechs Kilometer entfernt.

Schornsteinfeger Brezan interessiert das herzlich wenig. Er will seine Kinder, von denen hat er immerhin sechs, nicht woanders hinschicken. Seine ältesten, die elfjährigen Zwillinge Jadwiga und Jakub, sollen nach Crostwitz. »Wer will, dass Kinder die Muttersprache gut beherrschen, schickt sie in diese Schule.« Brezan will seine Kinder im sorbischen Sprachmilieu aufwachsen sehen. Deutsch, erzählt er, hätten sie erst im Kindergarten gelernt.

Handrij Brezan wurde in Nucknitz/Nuknica geboren, einem Dorf, gerade fünfhundert Meter weiter von Prautitz/Prawocicy, wo er heute wohnt. Er hat immer in dieser Gegend gelebt, alle seine Vorfahren stammen von hier. Sorben, wie fast alle in seinem Dorf. Hier kaufen sie die Brötchen auf sorbisch, und auch die Busfahrkarte, mit der sie nach Kamenz/Kamjenc in die Stadt fahren. Handrij Brezan findet das schön. Und er hofft, dass auch seine Enkel noch sorbisch sprechen. Für diese Hoffnung steht die Schule in Crostwitz, die er auch selbst zehn Jahre lang besucht hat. Für Brezan ist sie eine letzte Bastion der sorbischen Kultur, die nicht fallen darf. »Wir sind nicht mehr so viele«, sagt er traurig.

Mutterland Lausitz

Das Siedlungsgebiet der Sorben liegt in der sächsischen und der brandenburgischen Lausitz. Die kleine slawische Minderheit ist dort seit anderthalb Jahrtausenden ansässig und hat im Gegensatz zu anderen nationalen Minderheiten (z.B. Dänen in Schleswig-Holstein) kein »Mutterland« außerhalb der deutschen Grenzen. Sorben leben in den Lausitzer Kreisen der Bezirke Cottbus und Dresden und konnten sich über Jahrhunderte ihre nationale Eigenart, Sprache und Kultur erhalten. Sorbisch oder auch Wendisch ist eine westslawische Sprache und teilt sich in zwei Sprachgruppen, dem Nieder- und dem Obersorbisch, mit den Zentren Cottbus und Bautzen.

Dass das kulturelle Erbe der Sorben noch so lebendig ist, ist auch der Kulturpolitik der DDR zu verdanken, die sich mit einem eigenen so genannten Sorbengesetz schützend vor das Sorbentum stellte, für die sorbischen Organisationen jedoch um den Preis der weitgehenden Einvernahme in die SED. Obwohl die Sorben bereits Jahrhunderte im Gebiet zwischen Elbe und Oder zusammen mit den Deutschen leben, wurden sie immer wieder bedrängt, ihre Identität aufzugeben. Von den Nationalsozialisten wurden sie verfolgt und an der Ausübung eigener literarischer und kultureller Tätigkeiten erheblich gehindert.

Heute wird an über 50 Schulen in Sachsen und Brandenburg die sorbische Muttersprache gelehrt. In der Lausitz fallen einem die zweisprachigen Ortsschilder auf und einige Traditionen wie das alljährliche Osterreiten in Bautzen entwickelten sich zu beliebten touristischen Attraktionen, die Tausende von Besuchern Jahr für Jahr anlocken.

In Sachsen und Brandenburg leben heute nach offiziellen Angaben noch rund 60.000 Sorben.

Etwa 60.000 Sorben leben nach offiziellen Angaben noch in der Lausitz. Die wird immer mehr zum Altersheim, die jungen Leute gehen in die Städte, wenn sie Arbeit finden wollen. Nur ein Drittel der Sorben, die meisten gehören der älteren Generation an, sprechen die Muttersprache noch aktiv, und können sorbisch schreiben. Diese Sorben leben vor allem in der Oberlausitz, in der Niederlausitz dagegen spricht kaum noch jemand sorbisch. »Zwischen Kamenz, Bautzen und Hoyerswerda«, weiß PDS-Abgeordneter Heiko Kosel, Sprecher für Europa- und Minderheitenpolitik seiner Fraktion, »gibt es noch mehrere Dörfer, in denen Sorbisch die Verkehrssprache ist.« Heiko Kosel, selbst Sorbe, teilt die Ängste der Crostwitzer Eltern: Die Mittelschule »Jurij Chezka« sei schließlich einer der wenigen institutionellen Sprachräume, der noch geblieben sei, ein Garant für die Weitervermittlung von Sprache und Kultur. Die zu schützen und zu fördern, ärgert sich Kosel, sei Auftrag der sächsischen Verfassung. Für ihn steht fest: »Der Kurs des Ministers ist verfassungswidrig.« Das Engagement der Crostwitzer Eltern hält er für ein ermutigendes Zeichen: »Die Sorben haben den Schutz, der ihnen von der Verfassung zugesagt worden ist, selbst organisiert.«

Unterstützt werden die Crostwitzer Eltern vor allem von der sächsischen PDS, die ihre Presseerklärungen neuerdings auch auf sorbisch herausgibt. PDS-Fraktionschef Peter Porsch war vor Ort, auch die Leipziger Bundestagsabgeordnete Barbara Höll erschien zum morgendlichen Protest auf dem Schulhof. Die PDS, hört man aus Crostwitz, habe in dieser erzkatholischen Region noch nie soviel Beifall bekommen wie in den vergangenenTagen.

Auch die Domowina, der Interessenverband der Sorben, ist aktiv geworden. Deren Vorsitzender Jan Nuk räumt schon ein, dass die Domowina aus einer Art Dornröschenschlaf erwacht sei. Natürlich, so Nuk, hätte man sich nicht darauf verlassen dürfen, dass die Schulpolitiker in Dresden bei der Minderheit andere Maßstäbe anlegen würden als bei der Mehrheitsbevölkerung. Viel früher hätte die Domowina eingreifen müssen. Doch jetzt soll alles anders werden. Die Domowina hat eine Expertenrunde eingerichtet, die über eine mögliche freie Trägerschaft für die sorbischen Schulen beraten soll. Noch in diesem Jahr soll eine Realisierbarkeitsstudie vorliegen und ein Vorschlag für ein sorbisches Schulnetz, das den Erwartungen der sorbischen Eltern entspricht. Offenbar will sich Nuk dabei nicht auf die Verhandlungsbereitschaft der Landesregierung verlassen. Für diesen Freitag hat die Domowina alle Schüler der Grund- und Mittelschulen und des sorbischen Gymnasiums zum Streik aufgerufen.

Außerdem ist Nuk auf höherer Ebene aktiv geworden. Mit der Bitte um Hilfe hat sich der Sorbenvertreter an den Europarat gewandt. Ursprünglich, führt er in seinem Schreiben aus, habe das sorbische Schulnetz aus zwölf Schulen bestanden. Schon die Schulbehörden der DDR hätten schrittweise sechs Schulen zugunsten so genannter Zentralschulen geschlossen. Nachweislich seien dadurch große Verluste an sorbischsprachiger Substanz in den betroffenen Ortschaften aufgetreten. Das noch bestehende Schulnetz, schreibt Nuk, sei für das Überleben der sorbischen Sprache unentbehrlich: »Jede Schließung einer sorbischen Schule oder Klasse suggeriert im Bewusstsein der Bevölkerung die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Minderheitensprache zugunsten der Sprache der Mehrheitsbevölkerung.«

Massive Kritik am Vorgehen der deutschen Kultusbehörden kommt derweil aus Tschechien. Petr Uhl, früher Menschenrechtsbeauftragter der Regierung, hat seinen Außenminister Jan Kavan aufgefordert, das Thema Crostwitz bei seinem Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder anzusprechen. Der aber sagte: »Der Bund fördert die sorbische Kultur mehr als jede Minderheit in Deutschland«, als ihn etwa siebzig Sorben mit Gesang und Protestplakaten empfingen.

Im europäischen Ausland dagegen stoßen die Vorgänge in Crostwitz auf Interesse. Nicht nur die Tschechen, die das Kulturpatronat für die sprachverwandten Sorben übernommen haben, sind empört. Unverständnis für die Haltung der sächsischen Landesregierung zeigt der Rat der Kärntner Slowenen in Österreich: »Ein Minderheitenschulsystem ist für die Existenz der Volksgruppe von zentraler Bedeutung.« Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen in Budapest sieht das genauso. Solidaritätsbekundungen kommen aus Russland, England, Polen, auch aus Rumänien. »Unseres Wissens«, schreibt Wolfgang Wittstock, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, »hat die Bundesrepublik Deutschland das Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ratifiziert und auf diese Weise auch die Verpflichtung übernommen, das sorbische Volk in seinen Bemühungen um die Erhaltung seiner sprachlich-kulturellen Identität zu unterstützen.« Diese Verpflichtung beinhalte auch den Auftrag, dem sorbischen Schulwesen die nötige Förderung angedeihen zu lassen.

»Die Gesetze gelten für alle«, heißt es lapidar aus dem Kultusministerium. Mehr als dreihundert Schulen habe man in Sachsen wegen Schülermangels schließen müssen, eine Ausnahme zu machen, würde einen Präzedenzfall schaffen. »Für die Sorben«, so Kultusminister Matthias Rößler (CDU) in einer Erklärung, »kann es keine wie auch immer geartete politische Sonderregelung außerhalb der bestehenden Rechtsordnung geben.« Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma, der sich ebenfalls mit den Sorben solidarisiert hat, beurteilt die Rechtslage anders. In einem Schreiben an die Domowina verweist er auf den Ersten Staatenbericht Deutschlands zur Umsetzung der Europäischen Minderheitensprachen-Charta. Hier werde im Falle der Minderheiten eine Klassenstärke von acht Schülern für ausreichend gehalten.

Politische Konsequenzen aus den Vorfällen in Crostwitz hat nun die PDS gezogen. Auf einer gemeinsamen Sitzung der sächsischen Landtagsfraktion, dem Landesvorstand und der Landesgruppe der Bundestagsfraktion reagierte sie mit weitreichenden Forderungen. Sie will die Rechte der in Deutschland lebenden Minderheiten - Sorben, Friesen, Dänen sowie Sinti und Roma - ins Grundgesetz aufnehmen. Des weiteren soll die Autonomie des sorbischen Volkes in Bildungs- und Kulturangelegenheiten eingeführt werden.

Das Regionalschulamt in Bautzen pocht inzwischen auf die gesetzliche Schulpflicht und hat den Eltern ein Ultimatum gestellt. Bis Donnerstag, 30. August, Unterrichtsbeginn, sollen die Kinder in einer der benachbarten Mittelschulen erscheinen. Doch niemand scheint daran zu denken, sich dem Druck zu beugen: Als »bodenlose Frechheit« bezeichnete der Crostwitzer Elternsprecher Dirk Hentschel den Brief. Eine härtere Konfrontation scheut er nicht: »Von diesem lapidaren Schreiben werden wir uns nicht beeindrucken lassen.« Die Revolte in Crostwitz geht weiter.

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00:00 31.08.2001

Ausgabe 42/2021

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