Revolution nur ohne Brecht

55. Theatertreffen Die zehn Inszenierungen, die in diesem Jahr nach Berlin eingeladen sind, stehen fest. Castorfs "Faust" ist dabei und ein neues Verfahren setzt sich durch

Die Wette wäre ohne Risiko gewesen: An Frank Castorfs Faust war für die siebenköpfige Jury kein Vorbeikommen als fundamentale Neudeutung im derzeit sogar auf der höchsten politischen Agenda stehenden Kolonialkontext. Wenn die Volksbühnen-Inszenierung im Mai im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird, wird die Welt noch einmal erkennen, was diesem Theater und seinen Schauspielern angetan wurde.

Gleich daneben eine weitere Großproduktion, die ohne ihre Vorgeschichte in der Volksbühne nicht denkbar ist: das Nationaltheater Reinickendorf von Vegard Vinge und Ida Müller. Die bislang nur zehn Mal gezeigte Performance kreist in Variationen bis zu 12 Stunden lang um Ibsens Baumeister Solness, womit Vinge sich auch an Castorf abarbeitet.

Die Zehner-Auswahl aus über 400 Inszenierungen in rund 50 Städten zeugt von unserer unruhigen Zeit mit bohrenden Fragen ohne Antwort. Da steht Elfriede Jelineks Trump-Stück Am Königsweg (Schauspielhaus Hamburg, Regie Falk Richter) neben Rückkehr nach Reims (Berliner Schaubühne), in der Thomas Ostermeier mit Didier Eribons Buch und Nina Hoss als Protagonistin nach dem Verdampfen sozialer Grundsätze der Linken fragt. Dieser Inszenierung steht wiederum ein anderes Erfahrungsbuch zur Seite. Die Einladung von Die Welt im Rücken von Thomas Melle in der Regie von Jan Bosse (Burgtheater Wien) meint auch Joachim Meyerhoff als höchst begnadeten Darsteller der bipolaren Krankheit des Autors.

Und aus dem Klassiker-Repertoire? Ein Woyzeck, bei dem Ulrich Rasche am Theater Basel in einer radikal künstlichen Inszenierung Büchners Text zum Vorschein bringt. Zweimal geht es an die Antike: In der Odyssee (Thalia Theater Hamburg) begibt sich Antú Romero Nunes an den Anfang des Erzählens und füttert zugleich die postdramatische Theatermaschine. Diese eher verspielte Variante kontrastiert mit der feministischen Ernsthaftigkeit von BEUTE FRAUEN KRIEG in der Regie von Karin Henkel.

Neu ist das Phänomen der Rekonstruktion mit veränderten Vorzeichen, ein Verfahren, das in der bildenden Kunst wie auch im Tanz gängig ist und nun das Theatertreffen mit zwei bemerkenswerten Beispielen erreicht. Für Brechts Trommeln in der Nacht hat Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen Otto Falckenbergs Uraufführung von 1922 im Bühnenbild sowie in den expressionistischen Spiel- und Sprechhaltungen von damals rekonstruiert – Komik und Hommage zugleich. Wichtig dabei auch: Es gibt den Schluss des Stücks in zwei Versionen, die von Brecht und eine, in der sich der Held für die Revolution entscheidet. Auf jeden Fall bereitet Rüping mit dieser Volte schon mal die kommende Brecht-Freiheit mit vor. Ebenfalls an den Münchner Kammerspielen hat Anta Helena Recke eine Inszenierung von Mittelreich (nach dem Roman von Josef Bierbichler) als Kopie einer früheren Inszenierung mit schwarzen Schauspielern angelegt, auch um die Normen des Theaterbetriebs mit seinem eigenen Rezeptionsverhalten infrage zu stellen (siehe der Freitag 41/2017). Wenn man will, kann man das sogar mit dem kolonialen Castorf-Faust in Verbindung bringen und das Ganze als Theatergeschichte heutigen Bewusstseins lesen. Dazu passt die Mitteilung von Festspiele-Chef Thomas Oberender, dass sich zum Treffen im Mai so viele Chinesen akkreditieren wollen wie nie. Vielleicht wollte er auch einfach nur sagen, dass es wieder knapp wird mit den Karten.

Info

Das 55. Theatertreffen findet vom 4. bis 21. Mai in Berlin statt

06:00 01.02.2018

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