Revolution und Fersensicherung

Sportplatz Überall Sandalenmenschen. In der U-Bahn, im Bus, an der Universität, in Clubs und Bars. Sie tragen minimalistische Ledersohlung, Flip-Flops oder ...

Überall Sandalenmenschen. In der U-Bahn, im Bus, an der Universität, in Clubs und Bars. Sie tragen minimalistische Ledersohlung, Flip-Flops oder sogenannte Treckingsandalen. Im Café blicke ich neidisch auf die gebräunten und sichtlich entspannten Füße meiner Tischnachbarin. Was ist passiert, was habe ich verpasst? Meine schwitzenden Füße stecken in Turnschuhen, der Ästhetik wegen, wie ich bis gerade glaubte. Sie betteln - abgeschnürt - um Frischluft und stinken - aus Protest. Verschämt stelle ich sie außer Riechweite der Sandalenträgerin, die den Protestgeruch meiner Füße glücklicherweise noch nicht bemerkt zu haben scheint. Instinktiv erkenne ich dringenden Handlungsbedarf.
Sommerschlussverkauf. Waten durch die überhitzte Fußgängerzone, auf der Suche nach den großen Schuhfilialisten. Görtz, Deichmann und wie sie alle heißen. Meine Füße sind schweißnass. Es riecht nach Bratwurst und Käsebrötchen und meinen Füßen. Ich fühle mich elend. Endlich stehe ich vor einem Schuhgeschäft, schon im Eingangsbereich türmen sich heruntergesetzte Sandalenmodelle in Kisten. Für zehn oder fünfzehn Euro.
Natürlich sehen die dämlich aus. Klobige, braune und taxicreme-farbene Undinger. Gemacht für alte Männer, die diese Zwangsjacken für Füße mit weißen Tennissocken kombinieren. Traditionelle Markenzeichen des gesamtdeutschen Pauschaltouristen, wie portugiesische Straßenhändler mir einmal versicherten. Das luftige, freiheitsliebende Fußgefühl, das eigentliche Versprechen der Sandale, dem meine Suche gilt, wird von diesen Ramschobjekten und ihren Trägern verhöhnt. Angewidert wende ich mich ab. Der ganze Laden ist mir augenblicklich suspekt.
Ich mache mich auf in einen anderen Stadtteil, dahin wo die Hipster in ihren trendigen Sandalenvariationen das Straßenbild prägen. "Flip-Flops" seien der Renner der Saison, erzählt mir die stylische Verkäuferin. Einfache Strandlatschen in knalligen Farben. Markenprodukte, versteht sich. Ob es auch lederne Varianten gebe, frage ich eingeschüchert, bis jetzt hatte ich von Flip-Flops noch nichts gehört. Sie zeigt mir einige Modelle. Bestechend minimalistisch sehen die aus, die Avantgarde der Sandalenmode steht aufgereiht vor mir. Der Schnallenfetischmus der Alt-Männermodelle scheint hier schon lange vergessen. Ich bin begeistert und probiere ein naturledernes Modell. Der einzige Halt dieser schlichten Sandalenschönheit ist der Lederriemen zwischen den Zehen. Auf einmal überkommt mich die Ahnung einer Verlustangst: Ich stelle mir vor, wie mir in einer fremden Stadt eine Sandale abhanden kommt. Ohne richtige Schnallensicherung kann das schnell geschehen. Igitt, barfuß, hilflos in einer fremden, dreckigen Großstadt. Überstürzt verlasse ich das Geschäft.
Ich bin k.o., meine Füße stinken - aus Protest. Verzweifelt irre ich durch die Straßen des Viertels, lehne mich erschöpft an die Fensterscheibe eines Trödelladens. Und erblicke sie. Zwischen all dem Trödlerkrimskrams steht ein Paar klassischer Hippiesandalen mit Fersensicherung. Echte kalifornische Cat Stevens-Sandalen, bestätigt der Händler und kramt nach dem Zertifikat.
Mit meinen neuen Alt-Sandalen sitze ich entspannt im Café, meine Füße versprühen den Duft der Freiheit. Der richtige Augenblick zur Theoriebildung. "Die Sandale im 20. Jahrhundert als Ausdruck gesellschaftlicher Emanzipation" sollte die These lauten. Was wären die Hippies, die Protestler, was wäre Scott Mc Kenzie ohne die gute alte Ledersandale. "We are going to San Francisco" in klebrigen, verschwitzten Turnschuhen - einfach nicht vorstellbar. Eine Analyse diverser Woodstock-Fotos beweist das. Die Sandalen funktionieren hier als Symbol der individuellen Freiheit des Trägers und korrespondieren mit ihrer funktionalen Schlichtheit kongenial mit den wallenden Haarmähnen der abgebildeten Hippies.
Kopfzerbrechen bereitet allerdings die Anwendung der einleuchtenden Theorie nur auf die Jetztzeit. Kriege, Neoliberalismus, der Niedergang der Protestkultur und die drohende Kanzlerschaft Stoibers als gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen der Renaissance der Sandale? Wäre das möglich? Für das Online-Magazin der Branche, Schuhrevue, scheint die Erklärung kein Problem. Das sogenannte "Retro-Feeling" steht im Zentrum der Branchentheorie: Im Zeichen der Nostalgie, so Schuh-Online, "steht das Retro-Feeling, weil die Jugend ihre eigenen Erfahrungen mit Kulturformungen wie Flower-Power machen will".
Das Retro-feeling, aha. Eine Adaption des Freiheitssymbols Sandale in die Gegenwart. Gereinigt von allem subversiven Geist. Wie immer, denke ich, und sehe traurig auf meine Hippie-Sandale aus alter Zeit. Wenigstens meine Füße protestieren nicht mehr.

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00:00 23.08.2002

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