Nemi El-Hassan
Ausgabe 0116 | 11.01.2016 | 06:00 1

Richterin der Liebe

Zuschauerquote Ab diesem Jahr misst Deutschland den Fernsehkonsum auch bei Nicht-EU-Ausländern. Was wird dort eigentlich geguckt? Eine Augenzeugin berichtet

Richterin der Liebe

Für viele, deutsch oder nicht-deutsch, komisch: die deutsche Tatort-Tradition

Foto: Teutopress/Imago

Die blonde, vierköpfige Familie Müller sitzt nach dem Abendessen gemeinsam auf dem Sofa, die Kinder sind gestriegelt und gekämmt, und dann ertönt wie jeden Abend der magische Gong. Markant kündigt er die Tagesschau im Ersten an. In den folgenden 15 Minuten wird ein Sprecher die wichtigsten Nachrichten auf das Gnadenloseste komprimieren und mundgerecht wiedergeben, während Vater, Mutter und die beiden Kinder gebannt auf den Sportteil und den Wetterbericht warten.

So in etwa stellte ich mir als Heranwachsende den typischen Fernsehabend einer urdeutschen Familie vor. Heute glaube ich, dass diese Vorstellung vor allem auf der Indoktrination durch meinen Geschichtslehrer beruhte, der nicht müde wurde zu betonen, wie gut und wichtig diese Tagesschau sei und dass man zwischen 20 Uhr und 20.15 Uhr niemanden beim Schauen störe. Das verbiete der gute Ton. Also hielt ich mich daran und wartete mit etwaigen Telefonaten stets diese deutschen 15 Minuten ab, ohne jemals selbst die Tagesschau anzusehen. In meiner Familie liefen abends nur arabische Programme im Fernsehen, und Abendbrot gab es immer zu unterschiedlichen Zeiten – wenn das Essen fertig war oder wenn jemand Hunger hatte.

Am Abend musste man sich bei mir zu Hause um die Fernbedienung streiten, bis mein Vater ein Machtwort sprach und damit dem Fernsehabend von uns Kindern ein Ende bereitete. Arabisches Fernsehen verstanden wir nämlich nicht, auch wenn wir Arabisch sprachen. Denn die Moderatoren auf Al Jazeera und LBC (Lebanese Broadcasting Corporation) benutzten keine Umgangssprache, sondern sie bedienten sich des Hocharabischen, und das wiederum klingt so grundsätzlich anders, dass es uns Kindern wie Chinesisch erschien. Und überhaupt kannten wir weder die Orte, über die gesprochen wurde, noch verstanden wir den Humor.

In meiner Familie herrschten die Eltern, die aus dem Libanon nach Deutschland gekommen waren, über das arabische Fernsehen, während sie uns Kindern freie Hand bei den deutschen Programmen ließen. Was den ausgedehnten Fernsehkonsum meiner Kindheit erklärt und die geschauten Sendungen, die mir rückblickend als komplett wahllos erscheinen. Fast-Food- Fernsehen: schnell und einfach, alles, was geht, und Hauptsache viel. Ich wuchs ohne elterliche Fernsehkontrolle auf, weil meine Eltern kein Deutsch verstanden und den Fernsehkonsum von uns Kindern ansonsten sehr großzügig bemaßen.

Delle im Mercedes

Mein tägliches Programm bestand aus einer bunten Mischung von kindgerechten Trickfilmen und Sendungen und dem, was heute als Unterschichtenfernsehen bezeichnet wird. Nach der Schule, in der ich meine grauen Zellen anstrengen musste, wollte ich mich nachmittags, wenn mir die Fernbedienung kampflos überlassen war, berieseln lassen. Und womit sollte das besser gehen als mit deutschem Privatfernsehen? Angefangen beim RTL-Mittagsmagazin Punkt 12 über Richterin Barbara Salesch bis hin zu Lenßen und Partner auf Sat1.

Viel mehr als die Variation dieser Klassiker des Billigfernsehens gibt das Nachmittagsprogramm bis heute nicht her. Richterin Barbara Salesch sowie Lenßen und Partner glänzten vor allem durch ihre grandios schlechten Laiendarsteller, mit denen ich mich immer leicht identifizieren konnte. Ein kleiner Fleck in meinem Kinderherz sehnte sich danach, selbst eines Tages eine verstörte Kronzeugin in einem verzwickten Fall zu spielen, die dabei half, herauszufinden, wer Richterin Salesch eine Delle in den Mercedes gefahren hatte. Heute weiß ich es zu schätzen, dass nicht jeder Kindheitstraum in Erfüllung geht.

Zu meinen guilty pleasures gehörte die von Rentnern geschätzte ARD-Telenovela Sturm der Liebe, was ich über all die Jahre, in denen ich den Geschichten um das Hotel Fürstenhof folgte, tunlichst für mich behielt. Meinen eigenen Kindern würde ich nur einen Bruchteil dessen erlauben, was meine Fernsehsozialisation ausgemacht hat, und trotzdem frage ich mich, ob die Warnung „Fernsehen macht dumm“ so stimmen kann. Wenn wie bei mir zu Hause nämlich nur unter den Kindern Deutsch gesprochen wird, dann können selbst vermeintlich niveaulose Programme zur sprachlichen Erziehung beitragen.

In der Zeit meiner Politisierung während des Abiturs versuchte ich dann fehlende Bildung durch den exzessiven Konsum sämtlicher Polittalks zu kompensieren, die das deutsche Fernsehen hergab. Jeden Sonntagmittag schaute ich mir den Presseclub an und kam mir dabei unendlich intellektuell und gebildet vor. Alle Argumente eines Redners überzeugten mich so lange vollkommen, bis die nächste Journalistin ebenfalls sehr einleuchtende Bemerkungen machte, weshalb ich mir am Ende nie schlauer vorkam als zuvor. Ich konnte ein paar Statements wiederholen und sie als meine eigenen ausgeben, ohne mich wirklich auszukennen. Bis ich begriffen hatte, dass Polittalks nicht dazu dienten, mich politisch und intellektuell weiterzubilden, brauchte es seine Zeit. Trotzdem waren die Rentner-Darlings und das sogenannte Unterschichtenfernsehen ab sofort tabu für mich; sie widersprachen meinem Bild von einer Abiturientin. Zwar schlug ich, entgegen den Empfehlungen meiner Deutschlehrerin, nie eine Zeitung auf, weil wir keine abonniert hatten, aber ich gab fernsehtechnisch mein Bestes.

Snacks in der Bar

Das, was man gemeinhin als anspruchsvolles Fernsehen bezeichnen würde, all die Kunst- und Literaturformate auf Arte und 3sat, blieb mir dennoch ein Graus. Zu viele Fremdwörter, zu viele mir kontextlos erscheinende Beiträge über Starautoren und Opernsänger, zu viel von allem, was nicht meiner Sozialisation entsprach. Im Studium blieb keine Zeit mehr für die alten Fernsehgewohnheiten, und als ich irgendwann auszog und meine eigenen Möbel erstand, dachte ich nicht einen Moment daran, mir einen Fernseher zu kaufen. Ich habe einen Laptop, mit dem ich jederzeit auf sämtliche Inhalte zugreifen kann, die mir wichtig sind, ohne an bestimmte Sendetermine gebunden zu sein. Für Filme und US-amerikanische Serien gibt es Online-Streamingdienste.

Was sich mir allerdings bis jetzt nicht erschließt, ist die deutsche Tradition, sich sonntagabends in Bars und bei Freunden zu treffen, um bei Snacks und Getränken gemeinsam einen Krimi zu schauen und am nächsten Morgen doch nur zu bemängeln, dass der Film langweilig und voraussehbar war und überhaupt der Tatort aus der Stadt Xy sowieso viel besser. Hier erreicht meine Fähigkeit zur Integration in die bürgerlichen deutschen Fernsehgepflogenheiten ihre Grenze.

Dagegen habe ich mir mittlerweile die Tagesschau angewöhnt. Wenn ich zu faul bin, mich durch sämtliche Nachrichtenportale zu klicken, sind diese deutschen 15 Minuten Gold wert. In etwa so, wie mein Geschichtslehrer, Herr Berger, es immer gesagt hat.

Nemi El-Hassan, Jahrgang 1993, ist Teil des Satirekollektivs „Datteltäter“ auf Youtube und studiert Humanmedizin in Berlin

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/16.

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