Richtig gute Zinsen

Geld gut anlegen Korrekt investieren: Geld lukrativ anlegen und zugleich Gutes tun? Dass das geht, versprechen Ethikbanken – mit zunehmend wachsendem Erfolg

Michael Culin möchte das „kranke System von wirtschaftlichem Wachstum“ nicht mitmachen, sagt er. Der 35-jährige Übersetzer isst nur bio, kauft regionale Produkte und Secondhand-Kleidung. Zurzeit sucht er nach einem Platz für ein Passivhaus, das sich durch Sonnenenergie und „menschliche Wärme“ aufheizen soll. Auch sein Geld legt der Niederländer, der in Berlin lebt, nachhaltig an: Sein Sparguthaben hat er der Triodos Bank anvertraut, vor zwei Jahren eröffnete er zudem ein Girokonto bei der GLS Bank. Geld an sich sei wertefrei, sagt Culin. Wenn es richtig eingesetzt werde, könne es Positives bewirken.

Wie Culin entdecken immer mehr Menschen Ethik- und Umweltbanken als alternative Finanzdienstleister. „Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit war schon in den letzten Jahren zu spüren und ist durch die Finanzkrise beschleunigt worden“, sagt Eva Schneeweiss von der GLS Gemeinschaftsbank. Kunden von Ethikbanken wollen vermeiden, dass ihr Geld in einen schwer durchschaubaren Kreislauf fließt und Unternehmungen fördert, die ihren Überzeugungen widersprechen.

Die ethischen Banken bieten vom Giro- oder Sparkonto über Fonds bis hin zum Ökobaukredit klassische Finanzprodukte an. Neben der Rendite zählen auch ökologische und soziale Werte. Kredite sollen die Entwicklung gesellschaftlich und ökologisch relevanter Projekte fördern. Welche Wirkung das Investment über das gute Gefühl hinaus hat, hängt dabei von der konkreten Geschäftspraxis ab – und davon, wie viele Menschen sich für eine nachhaltige Anlage entscheiden. Denn wer mehr Geld hat, kann auch mehr bewegen.

Wachstum trotz Finanzkrise

Die GLS Bank wurde 1974 von Anthroposophen mit dem Ziel gegründet, verantwortungsbewusst mit Geld umzugehen. Sie ist die älteste deutsche Bank mit ethisch-ökologischer Ausrichtung. Und als einzige besitzt die Genossenschaftsbank ein eigenes Filialnetz – wenn auch nur ein kleines, mit Hauptsitz in Bochum und sechs Niederlassungen. Mehr als 73.000 Kunden trugen 2009 zu einer Bilanzsumme von 1,35 Milliarden Euro bei, 33 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein bis Ende Mai 2010 kamen 7.000 Neukunden hinzu. Mit 80.000 Kunden ist die GLS Bank nun ebenso groß wie die UmweltBank. Auch diese legte 2009 um ein Drittel zu und hat rund 1,65 Milliarden Euro bewegt. Immerhin, aber doch Peanuts im Vergleich zur Deutschen Bank: Die Bilanzsumme des größten Geldhauses Deutschlands betrug 2009 rund 1,5 Billionen Euro.

Der Marktanteil der grünen Banken mag noch klein sein, doch sie wachsen gegen den Trend. „Die Kunden fragen sich vermehrt, wo ihr Geld hinfließt“, beobachtet Alexander Stark, Sprecher der Nürnberger UmweltBank. Seit der Gründung 1997 ist die Bank jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent gewachsen. „Anfangs konnte sich keiner vorstellen, dass sich Ökologie und Ökonomie verbinden lassen“, sagt Stark. Das Unternehmen hat bisher etwa 12.000 Kredite für Öko-Projekte vergeben.

Ende 2009 drängten zwei weitere Unternehmen auf den Markt: die Triodos Bank und die Noa Bank. Bei der niederländischen Triodos Bank, die zudem in Belgien, Spanien und Großbritannien vertreten ist, hatte Michael Culin noch vor seinem Umzug nach Deutschland sein Konto eröffnet. Die Bank finanziert in Deutschland einige wenige Projekte wie etwa einen Windpark, die Größe der Investitionen liegt zwischen 5 und 25 Millionen Euro – in Zukunft sollen aber auch kleinere Projekte hinzukommen. Ob der zweite Neuling, die Noa Bank, nachhaltig agiert, ist unklar. Der Gründer François Jozic refinanziert mit der Bank auch seine umstrittene Zweitfirma Noa Factoring. Diese kauft offene Forderungen auf, die Unternehmen an andere Firmen haben – und dies angeblich zu überhöhten Gebühren. Die Noa Bank, die aktuell etwa 9.000 Kunden hat, ist zudem nicht so transparent, wie sie verspricht: Von den rund 185 Millionen Euro an Tages- und Festgeldern flossen nur etwa neun Millionen Euro – wie versprochen – an nachhaltige Projekte. Auch die hoch verzinsten Tagesgeldkonten waren wohl nur ein werbewirksames Einführungsangebot. Sie sind mittlerweile laut Webseite „ausverkauft“.

Grundsätzlich müssen Kunden von Ethikbanken für ein gutes Gewissen nicht auf Zinsen verzichten. Normalerweise gebe es bei der Rendite zwischen grün-ethischen und klassischen Banken keinen großen Unterschied mehr, sagt Peter Lischke von der Verbraucherschutzzentrale Berlin. „Die Anlageprodukte der Umweltbanken sind zum Teil sogar einen Tick besser, weil die Bankhäuser nicht so groß sind und die Kostenvorteile an den Kunden weitergeben.“ Außerdem legen sie Wert auf Transparenz. Sie veröffentlichen ihre Beteiligungen, Investitionskriterien und Förderprojekte online. Lischke rät, sich die Konditionen genau anzusehen – wie bei jeder normalen Bank.

Waffen und Pornos sind tabu

Rüstung, Atomenergie oder Pornografie sind für alle ethischen Banken tabu, doch die Kriterien für Investments variieren. Bei der EthikBank standen Tierversuche bisher etwa nicht auf dem Index. Auf Kundenwunsch sollen diese aber bald in die Negativ-Liste aufgenommen werden.

Wer bei der GLS Bank ein Konto eröffnet, kann wählen, ob sein Geld im ökologischen, sozialen oder kulturellen Bereich investiert werden soll. Michael Culin hat entschieden, dass sein Geld für regenerative Energien arbeitet. Kunden der EthikBank können sich bei der Kontoeröffnung entscheiden, ob ein Bruchteil der Zinsen entweder an ein Umwelt-, Ethik- oder Frauenprojekt weitergeleitet wird. So wird etwa die Ausbildung von Mädchen und Frauen in Afghanistan unterstützt. Ende 2009 übten aber nur 282 Kunden von etwa 7.000 Solidarität durch Zinsverzicht.

Eine wirklich verändernde Kraft kann die nachhaltige Geldanlage dabei nur entfalten, wenn sich das Prinzip von der Nische auf den klassischen Finanzmarkt überträgt. Schon jetzt wollen etablierte Geldhäuser von dem Trend profitieren – aus ökonomischen Motiven. Da die Nachfrage steigt, bieten immer mehr Institute Öko-Fonds an. Allerdings ist nicht klar definiert, was „öko“ im Einzelfall bedeutet. Hier müssten sich erst Standards herausbilden – und Vergehen gegen den Kodex von den Anlegern abgestraft werden. Bei den Großbanken ziehe man sich oft nur ein grünes Mäntelchen über, sagt Alexander Stark von der UmweltBank. Solange das so ist, werden Menschen wie Michael Culin die etablierten Banken weiter meiden. Gute Aussichten für die korrekten Zwerge: Laut einer Studie der Unternehmensberatung ZEB könnten die Ethikbanken 2020 zehn bis zwölf Millionen Kunden haben.

Sonja Peteranderl, 27, lebt als freie Journalistin in München. Sie hat ihr Konto noch bei einer Großbank, denkt aber über einen Wechsel nach

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16:05 02.07.2010

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