Riesenzwerg im Kreml

Machtgebaren Die ermordete Journalistin Anna Politkovskaja analysierte die beunruhigenden Vorgänge in Russland

"Es ist Abend in Russland. Die Zwerge werfen Riesenschatten." Mit diesem "Witz" zieht Anna Politkovskaja in ihrem Russischen Tagebuch Bilanz für das Jahr 2003. Die Verstaatlichung der Wirtschaft wurde vorangetrieben, der Abwehrkampf gegen "terroristische" Umtriebe intensiviert und die anstehende Präsidentenwahl unfreiwillig zur Farce degradiert. "Aber wie lange kann man ein Imperium aufbauen und halten? Ein Imperium bedeutet Repressionen, und damit letzten Endes - Stagnation. Darauf bewegen wir uns zu."

An diesem Befund hat sich dreieinhalb Jahre später wenig geändert, mögen auch die wirtschaftlichen Rahmendaten wegen der Öl- und Gasexporte 2007 oberflächlich ein positives Bild vermitteln. Moskau boomt, das Land darbt. Eine schmerzliche Differenz zum Jahresende 2003 allerdings gibt es: Am 7. Oktober 2006 wurde Anna Politkovskaja im Flur ihres Mietshauses ermordet. Die Mörder sind unbekannt - und werden es wohl bleiben, über die Auftraggeber lassen sich nur Vermutungen anstellen.

In scharfen, unverblümten Analysen, für die unabhängige Zeitung Novaja Gaseta, zeigte sich Politkovskaja als unbequeme Beobachterin der russischen Gesellschaft und Politik. Ihr Russisches Tagebuch, das unversehens zum Vermächtnis wurde, sowie der dokumentierende Sammelband Chronik eines angekündigten Mordes bezeugen es auf eindrückliche Weise. Mut ist in Staaten wie Russland heute eine ebenso wichtige wie schwere Bürgerpflicht. Momentan fehlt sie weitgehend auf Seiten der Intelligenzja und der politischen Opposition, wie Politkovskaja schreibt. Sie selbst hatte diesen Mut. Als Antwort auf den Witz von den Zwergen stellt sie in ihrem Tagebuch wieder und wieder - verwundert, verärgert, resigniert - die Frage: "Wovor hat er Angst?", der Riesenzwerg im Kreml.

Russlands äußere Feinde können heute aufatmen. Die russische Armee ist eine "Rekrutenvernichtungsmaschinerie", die zuerst die eigenen Soldaten fertig macht; und die russische Industrie wird sich im neuen Staatskapitalismus aus Unfähigkeit selbst zugrunde richten. Der guten Nachricht hält Politkovskaja aber die böse Kehrseite entgegen, die all jene betrifft, die in Russland leben. Zwar wird der absehbare Zusammenbruch angesichts der Ölvorräte "Jahrzehnte in Anspruch nehmen", doch die ärmere Bevölkerung bezahlt heute schon mit unsäglichen Entbehrungen. Ein Menschenleben gilt nicht viel, wie Politkovskaja berichtet: beispielsweise von russischen Tschetschenien-Veteranen, denen kaum etwas zum Leben geblieben ist außer ihren Wunden und Verstümmelungen. Mit dem sogenannten "Monetisierungsgesetz" wurden 2005 diesen Ärmsten der Armen sogar die letzten unentgeltlichen Vergütungen weggenommen.

In einer großspurigen Antwort auf die Frage, wem die Ermordung von Anna Politkovskaja seiner Meinung nach nütze, bemerkte Wladimir Putin in der Süddeutschen Zeitung: "Dieses schreckliche Verbrechen fügt Russland großen moralischen und politischen Schaden zu. Es schadet dem politischen System, das wir gerade aufbauen - ein System, in dem für jeden die Meinungsfreiheit garantiert ist, auch in den Massenmedien." Diese Antwort wirkt verblendet angesichts dessen, was Politkovskaja schildert: ein in Immoralität, Willkürherrschaft und auch Angst versinkendes System, das die Historikerin Margareta Mommsen im Chronik-Band eine "gelenkte Demokratie ohne Demokraten" nennt.

Das Russische Tagebuch erzählt Begebenheiten aus den Jahren 2003 bis 2005, die vor allem eines verdeutlichen: Angst vor Russland müssen diejenigen haben, die Zeugnis ablegen können, über die Korruption der Machtelite oder die Unfähigkeit der Sicherheitsorgane. Opfer sind unerwünscht, sie stehen nur im Weg, wenn es darum geht, Katastrophen wie die erbarmungslose blutige Stürmung einer Schule in Beslan oder des Moskauer "Nord-Ost-Theaters" als Erfolge hinzustellen. "Wer überlebt, gehört geächtet und bestraft." Polikovskaja war eine Zeugin dieser niederschmetternden Vernachlässigung und Missachtung der menschlichen Würde. Proteste hat die Regierung heute jedoch kaum zu gewärtigen, sie werden - mitunter auch aktiv - umgeleitet in rassistische Hetze gegen alles Fremde. "Unsere Bevölkerung ist sehr empfänglich für faschistische Propaganda", notiert Politkovskaja, wobei sie unmissverständlich das Machtsystem insgesamt mit einschließt.

Es herrscht Willkür von Zares Gnaden. "Wir haben einen abnormen Staat. Freudig treibt er die Menschen in Sackgassen - selbst solche, die aus ihnen herauszufinden in der Lage sind und das vor allem auch wollen." Am augenfälligsten macht sich dies bei Polizei und Justiz bemerkbar. Politkovskaja beschreibt einen Gerichtsfall, der derart lächerlich verhandelt wird, dass sogar sie, die kritische Beobachterin, ihre Angst davor verliert. Dennoch bleibt die Angst allgegenwärtig. Woher rührt die Angst des kleinen Mannes im Kreml? Darauf weiß Politkovskaja keine klare Antwort. Immerhin ließe sich Putins Verzicht auf eine dritte Amtszeit auch als Flucht vor der eigenen Angst verstehen: Nie mehr davon heimgesucht werden.

Das Glanzstück in diesem Tagebuch ist ein Besuch bei Ramsan Kadyrow, Russlands Statthalter in Tschetschenien, vor dessen dumpfem Eigensinn selbst Putin nicht sicher sein kann. Politkovskaja zeigt bei ihrer Audienz Mut, stellt die brisanten Fragen - und bricht erst auf der Rückfahrt weinend zusammen, als sie begreift, dass sie dieser Hölle heil entkommen wird. Und trotz dieser Angst - die sie auch hinter Kadyrows Großspurigkeit zu erkennen glaubt - erlegt sie sich in ihrer Nacherzählung keine Zensur auf und bezeichnet Kadyrow als das, was er ist: "ein Jüngling mit dem geistlosen Gesicht eines Degenerierten".

Ein Jahr später ist sie umgebracht worden. Davor hat sich Anna Politkovskaja stets befürchtet. Aber sie hat es verdrängt, um weiter arbeiten zu können. Das Verdrängen war ihr leichter gefallen als eine verlogene Loyalität zu bekunden, dieser scheinbare Tribut für Sicherheit im heutigen Russland.

Politkovskajas Ermordung demonstriert die Gefährdung aller kritischen Stimmen. Die leise Macht der Ohnmächtigen liegt darin, dass ihr Mut die Angst der Machthaber herausfordert und sie so zum Handeln treibt. Anna Politkovskaja hat ein Journalisten-Leben lang Mut bewiesen, dies unterscheidet sie letztlich auch von Politikern wie dem bärenstarken Gerhard Schröder, der in seinem Männerfreund Putin noch immer den "lupenreinen Demokraten" erkennen will. Im Schattenriss wirken alle Zwerge groß.

Anna Politkovskaja: Russisches Tagebuch. Aus dem Russischen von Hannelore Umbreit und Alfred Frank. DuMont, Köln 2007, 460 S., 24,90 EUR

Norbert Schreiber (Hrsg.): Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes. Wieser, Klagenfurt 2007, 250 S., 29,80 EUR


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00:00 22.06.2007

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