Rinder und Pferde auf feuchtem Gras

Russland An den Ufern des Baikalsees wird dem Massentourismus eine Bresche geschlagen

Der Minibus hält abrupt und reißt die Reisenden aus dem Halbschlaf. Der nächste heilige Ort ist erreicht. Ein kleiner, roter, hölzerner Schrein mit einem Bild des Dalai Lama steht auf hohen Stelzen im Wind und am Seeufer zwischen Bäumen, Unterholz und Kraut, man wirft ein paar Münzen in den Kasten, verbeugt sich und steigt nicht sofort wieder in sein Gefährt. Zunächst einmal werden Wodkagläschen, Wodka und Schokolade verteilt. Alle wissen, was zu tun ist: Zwei Finger in den Hochprozentigen tauchen und in die Landschaft spritzen, den Rest selbst trinken. Es wäre undenkbar, an diesem Platz dem Zauber des Schamanenkults nicht zu huldigen.

Wer an den Ufern des Baikalsees unterwegs ist, darf die Geister der Natur nicht unbeachtet lassen. Eine mehrstündige Fahrt über die Schlagloch- Trassen im Norden der Republik Burjatien lässt sich dadurch besser überstehen.

Ziel ist das Bargusin-Tal, eine abgelegene Gegend nordöstlich des Baikals, umgeben von bis zu 3.000 Meter hohen Bergen. In der kleinen Siedlung Kurumkan wartet man bereits auf den Besuch aus Ulan Ude, auf jene acht Tourismusexperten, die als Jury darüber befinden sollen, welches Ensemble im Revier am besten tanzt, singt und die eindrucksvollsten Kostüme zeigt. In der Verlorenheit des Tals werden die Bräuche der Ewenken gepflegt, die Kultur und Lebensart eines alten sibirischen Waldvolkes, das sich in der Baikalregion bis heute neben Russen und Burjaten behauptet.

Auch deshalb soll sich der Weg ins Bargusin-Tal für Reisende lohnen, die so etwas wie "nachhaltigen Tourismus" zu schätzen wissen. Neben dem Anspruch, möglichst wenig Spuren im empfindlichen Ökosystem des Baikal zu hinterlassen, heißt das für Alexander Togotschejew, Geschäftsführer der Reise-Agentur Firn-Travel: "Wir bringen unsere Gäste bei Familien im Rayon unter, so profitiert auch die ansässige Bevölkerung vom Tourismus. Große Hotels brauchen wir nicht. Auf keinen Fall." Die Mehrheit seiner Klienten komme aus Deutschland, Frankreich, Kanada oder den USA, dort sei die Marke "Öko-Tourismus" längst ein Begriff.

Leider sinke die Zahl ausländischer Touristen seit Jahren, man müsse sich daher an die im eigenen Land wachsende Mittelschicht halten, meint hingegen Igor Olennikow, der in Ulan Ude, der burjatischen Hauptstadt, für das Büro der Föderalen Agentur für Sonderwirtschaftszonen arbeitet. Die plant auf beiden Seiten des Baikalsees - im Gebiet Irkutsk wie auch in Burjatien - weitläufige Touristik-Domänen. In einer "Sonderwirtschaftszone" lässt sich leichter um Investoren werben, denen Steuerlasten genommen, Straßen gebaut, Genehmigungen zügig erteilt und russische Bürokratien erspart werden.

"Wir gehen davon aus, dass künftig die Touristen aus Asien kommen, besonders aus China, nicht aus Europa, allein schon wegen der geographischen Nähe", doziert Igor Olennikow und schaltet einen Beamer an, um anstehendes Investorenglück per Video auszumalen: Simulationen von Luxusdatschen, Hotels und Yachthäfen suggerieren, wie alles einmal aussehen wird. In 20 Jahren sollen allein die Umgebung des Ortes Turka mindestens eine Million Gäste jährlich heimsuchen. Seine Berater aus Kanada und Österreich hielten höhere Margen für möglich, sagt Olennikow und präsentiert eine Befragung, wonach knapp zwei Drittel der Einheimischen eine solche Zukunft befürworten. "Warum sollten die auch dagegen sein? Wir bringen schließlich Arbeitsplätze", schaltet sich einer von Olennikows Mitarbeitern ein. "Wissen Sie, das ist wie bei Iwan Turgenjew. Ein Konflikt der Generationen. Die Alten wollen keine Veränderung, wir Jungen aber sind offen für neue Ideen."

Am westlichen Baikalufer, 120 Kilometer von Irkutsk entfernt, liegt Bolschoje Goloustnoje. Der gewaltige Name täuscht, das in sich gekehrte Örtchen mit seinen 700 Einwohnern bedient den auf Idyll und Romantik geeichten Erlebnishorizont europäischer oder andere Besucher vorzüglich. Holzhäuschen reihen sich auf einem zum Strand hin abfallenden Terrain aneinander, dahinter beginnt ein weites Delta. Eine beerenreiche Gegend mit feuchtem Moos und kreisenden Raubvögeln. Rinder und Pferde weiden auf dem Grasland zwischen den Flussarmen. Leben wie ein Streicheln gegen den Strich.

Die zumeist älteren Bewohner von Bolschoje Goloustnoje haben aus der Zeitung erfahren, dass ein üppiger Hotelkomplex ihr Refugium stören wird. Auch Fai und Mischa Mangaskina haben davon gehört. Fai unterrichtet Musik in der Dorfschule, Mischa arbeitet für die örtliche Telefongesellschaft. Was beide verdienen, ist nicht viel, so dass im Sommer stets ein Zimmer an Touristen vermietet wird. In den Ställen hinter dem Holzhaus halten sie Kühe, Schafe und Hühner. Selbstversorgung ist hier eine Überlebensfrage. "Wohin sollen wir unsere Tiere treiben, wo ernten wir das Heu für den Winter, wenn sie unsere Felder zubetonieren?" Fai Mangaskina ist besorgt: "Sie sagen, die Hotelanlage wäre gut für uns alle. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, dass sie mit unserem Land respektvoll umgehen sollten." Fai und Mischa Mangaskina sind Mitte 50. Teilen auch die wenigen jungen Einwohner des Ortes ihre Sorgen? Ein Besuch im Dorfladen scheint dem Managertypen im Büro von Igor Olennikow und seiner Theorie über den Konflikt der Generationen Recht zu geben. Hinter der Theke sitzt Katja, gelangweilte 21 Jahre alt. "Hier gibt es keine Zukunft für junge Leute", ist sie überzeugt. "Wer kann, der geht nach Irkutsk oder noch weiter weg. Wenn hier jedoch gebaut wird, haben wir Arbeit und bleiben."

"Die Verteidigung des Baikal ist eine wichtige Aufgabe!" steht auf dem verwitterten Plakat, das an dem zweistöckigen Holzhaus in einem Außenbezirk von Irkutsks angebracht ist. Von hier aus wird der Pribaikalski-Nationalpark verwaltet, 418. 000 Hektar am westlichen Baikalufer. Auch das Dorf Bolschoje Goloustnoje gehört in dieses geschützte Revier. Der Direktor des Nationalparks, Witalij Rjabzew, ein distinguierter älterer Herr, macht kein Hehl aus seiner Verzweiflung und spricht von Verteidigung des Baikal an vielen Fronten zugleich. Die geplanten Hotelanlagen seien für ihn der Gipfel der verbreiteten Neigung, den Tourismus am Baikal einfach ungestört wuchern zu lassen.

Rjabzew braucht lange, um die verschiedene Vogelarten aufzuzählen, die es in den Ufergehegen des Sees vor Jahren noch gab und die heute verschwunden sind. Die Brutstätte des Kaiseradlers etwa am Kleinen Meer, einer Bucht bei der Insel Olchon, sei im Sommer belegt durch Tausende Touristen aus Moskau, Kasan oder Petersburg. "Diese Leute fahren an den See, haben auf dem Anhänger ihr Angelzeug und kein Verständnis dafür, dass es so einfach nicht geht. Ihren Müll lassen sie sowieso liegen."

Am Kleinen Meer schießen Gästehäuser wie Pilze aus dem Boden. Theoretisch muss die Leitung des Nationalparks einer Baugenehmigung zustimmen, praktisch wird sie übergangen, und die Bagger können kommen. "Kein einziges Gesetz wurde in den letzten zehn Jahren für den Erhalt dieses Biosphärenreservats erlassen. Es geht nur um Business und noch mal Business. Wer das Wort im Munde führt, dem öffnet sich jede Tür." Rjabzew schaut auf seinen Bildschirm, der Fotos von wild bebauten Uferregionen zeigt und sagt nach einer Pause: "Der Baikal ist doch ein einzigartiger Ort. Wozu das alles?"

Jana Ogarkowa von der Umweltorganisation Baikal in Irkutsk bezweifelt, dass es überhaupt genügend Kunden für die Wellness-Paläste der Luxusklasse gibt: "Weshalb brauchen wir hier solche künstlichen Anlagen? Wir sind in Sibirien und nicht an der türkischen Riviera!" Ogarkowa und all den anderen Gegnern eines ungehemmt grassierenden Massentourismus bleibt als einzige Hoffnung, dass sich nicht genügend Investoren finden. Dem Anschein nach eine trügerische Hoffnung.

Die Entwürfe des Frankfurter Architekturbüros Albert Speer für den Luxus-Ökotourismus am Baikal hat die Föderale Agentur in Moskau bereits abgesegnet. Gedacht ist an keine aufschießenden Betonburgen, sondern Hotels und Ferienvillen, die sich der Gegend nicht aufdrängen. Auch wird das weite Grasland, auf dem die Kühe und Pferde von Fai und Mischa weiden, nicht zubetoniert. Es soll in der Feriendomäne Bolschoje Goloustnoje zudem ein Schwimmbad unter einem großen Glasdom geben, weil selbst im Sommer der Baikal zu kalt zum Baden ist.

Vermutlich brechen neue Zeiten an, in denen eine geschäftstüchtige Generation von der Einzigartigkeit einer unerschlossenen Region profitieren will. Vielleicht fürchten wirklich nur die Alten, die auf immer Einheimischen, das nichts bleibt, wie es ist. Alexander Togotschejew von der Reise-Agentur Firn-Travel resigniert trotzdem nicht. Er werde auch künftig keine Luxusreisen anbieten, sondern auf Besucher warten, denen er stille Orte wie das abgelegene Bargusin-Tal zeigen kann und die Interesse am Leben dort haben: "In Burjatien ist das Verhältnis zwischen den Generationen nicht gestört, weil die Natur und die Traditionen am Baikal auch jungen Leuten wichtig sind. Wenn wir das nicht bewahren, verlieren wir viel."



Der Baikalsee

Fläche
31.492 Quadratkilometer (ohne Inseln)

Länge
673 Kilometer

Breite
82 Kilometer

Maximale Tiefe
1.625 Meter

Der Baikalsee gehört als das älteste, tiefste und wasserreichste Süßwasser-Reservoir der Erde seit 1996 zum UNESCO-Weltnaturerbe und steht damit "unter dem Schutz der gesamten Menschheit". Die Einheimischen nennen das Gewässer nicht See, sondern "Heiliges Meer", um dem Naturphänomen, seinem Alter, seiner Klarheit und seiner unglaubliche Tiefe gerecht zu werden.

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