Ringels retten die Milchstrasse

FEINDBILDER Ringels Großer und Ringels Kleiner freuten sich über ihr erstes Computer-Spiel. Es hieß Kille Kille; Herr Ringel hatte beim Kauf geglaubt, es handele ...

Ringels Großer und Ringels Kleiner freuten sich über ihr erstes Computer-Spiel. Es hieß Kille Kille; Herr Ringel hatte beim Kauf geglaubt, es handele sich um irgend etwas Lustiges, wo sich die Mitspieler gegenseitig abkitzeln. In Wirklichkeit musste ein gewisser Commander Kille "eliminiert" werden, der andernfalls die gesamte Erde zu unterwerfen drohte. Den Planeten des Volkes der Quabbbei hatte der Commander bereits kolonialisiert. Die Quabbbei wurden von ihm und seinen skrupellosen Spießgesellen zu niederen Hilfstätigkeiten gezwungen: Bier und Zigaretten holen, Betten machen, Rasen mähen, Zäune streichen.

Für den Kampf gegen den Tyrannen standen per Level-Anwahl die allerkomischsten Roboter, modernste Waffen und unbegrenzte Munition zur Verfügung. Es konnte ständig geschossen werden, ohne Zeit mit Nachladen zu vergeuden. Ein wenig lehrreiches Spiel, dafür ziemlich bescheuert. Die Kinder waren begeistert. In den folgenden Wochen schlugen sie auf dem Bildschirm die Schlachten des 22. Jahrhunderts um Planeten und Sonnensysteme. Sie gönnten sich kaum eine Kampfpause, zu viel stand auf dem Spiel. Das einzige Buch, in das sie zu Hause noch schauten, war das Begleitheft zu Kille Kille.

Viel weniger entzückt war Frau Ringel. Sie war im ehemaligen Karl-Marx-Stadt aufgewachsen und liebte den Frieden. Kriegsspielzeug fand sie ganz und gar grässlich. Daran änderte sich auch dann nichts, als der Große sie darauf hinwies, dass der Kampfauftrag von Kille Kille der Beendigung aller bewaffneten Auseinandersetzungen in der Milchstraße und damit dem Weltfrieden diene. "Eigentlich ist das gar keine Schlacht, sondern eine präventive Defensiv-Operation", erklärte der Kleine die politische und strategische Situation.

Herr Ringel las den Kindern Tucholskys schwer pazifistisches Gedicht von den Zinnsoldaten vor. Die beiden zeigten sich tief beeindruckt, hatten es aber nicht verstanden.

Also spitzte sich die Lage zu. Die auf den Kriegsschauplätzen des Universums sowieso, aber auch die innerhalb der Familie. Von der Mama befragt, was zur Zeit in Mathe dran sei, musste der Kleine lange überlegen. Dann sagte er: "Die Berechnung der eigenen und der feindlichen Verluste." Der Große lernte für die Geografiearbeit die Lagerstätten von Spelzium IV und Hypertanium in irgendeiner Nachbargalaxis auswendig und erstellte ein Persönlichkeitsprofil von Commander Kille - für den Ethik-Unterricht, wie er seiner Mutter weismachte.

Als er eines schönen Sonntags beim Mittagessen erzählte, sie hätten im Fach Informatik geheime Daten von der WASSO-Basis verarbeitet, auf deren Preisgabe nach Kriegsrecht die Todesstrafe stehe, platzte Frau Ringel der Kragen. Sie rief beim Computer-Service an, ließ Kille-Kille löschen und dafür Du und ich und unser Garten installieren.

Fortan flatterten Schmetterlinge über den Bildschirm, Bienen krabbelten über liebliche Blümlein, süße Marienkäfer feierten Hochzeit, ein Springbrunnen machte das Idyll perfekt. Per Maus-Klick konnte man die Tomaten streicheln, den Spinat düngen, den Salat gießen. Die Sound-Card machte es möglich, das Gras wachsen zu hören. Die Gartenpflege erfolgte völlig gewaltfrei. Unkraut wurde nicht etwa brutal herausgerissen, es wurde dreimal verwarnt und verschwand danach von selbst.

"Voll die Seuche, eh! Das ist ja höchstens was für Weiber", fasste der Große nach kurzem Probespiel zusammen. "Wenn die Gartenwege wenigstens vermint wären ..." Die Jungs veranstalteten ein großes Gejammer. Sie bettelten so lange, bis die Mutter wieder den Computer-Service anrief. Das Programm erfuhr leichte Modifizierungen. Unter strenger Kontrolle der Vereinten Nationen des Universums und von Frau Ringel wurden den Spielern einige Zugeständnisse gemacht.

Zunächst durften alle Kleingärtner Uniform tragen. Später erfolgte ihre Bewaffnung mit dem leichten Laser-Gewehr MX1 - zum Schutz vor Blattläusen, wie die Kinder versicherten. Schließlich war es auch möglich, kurze Abschnitte der Gartenwege mit Luftballons zu verminen, ja sogar auf den einen oder anderen Gartenzwerg mit einem Betäubungsgewehr zu schießen. Doch so gemütlich sollte es nicht weitergehen.

Eines Tages stellten die Kinder fest, dass ihr virtueller Gartennachbar offensichtlich ein paar von ihren Äpfeln geklaut hatte. Sie einigten sich, dringende Eilverhandlungen mit ihrer Mutter aufzunehmen. Zumindest zwei Antimaterie-Werfer mussten her.

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00:00 04.01.2002

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