Ringparabel

Berliner Abende Es ist völlig egal, aus welcher Richtung sich das Auto der Stadt nähert. Irgendwann stoßen wir auf diesen Ring. Eigentlich eine simple Angelegenheit, ...

Es ist völlig egal, aus welcher Richtung sich das Auto der Stadt nähert. Irgendwann stoßen wir auf diesen Ring. Eigentlich eine simple Angelegenheit, die immer im Kreis verläuft, also keinen Anfang und kein Ende hat - aber auch garantiert, irgendwann an der richtigen Abfahrt zu landen. Alles eine Frage der Zeit. Nur wer hat die schon? Und was meinen die jetzt genau mit "Berlin Zentrum"? Ich will zum Alexanderplatz. Ist das noch Zentrum? Oder schon wieder? Wenn Strieders Manhattan-Phantasien die Massen ergriffen haben, stimmt das Schild. Uns bleiben noch zehn Sekunden. Links ab oder nicht? Ich bin zwei Wochen U-Bahn gefahren. So schnell baut kein Senat. Also rechts rum nach Hamburg.

Meine Begleiterin blickt vom Beifahrersitz gelassen geradeaus in die Dunkelheit. Orientierung ist männlich. Das stimmt zwar grammatikalisch nicht, ist aber wissenschaftlich erwiesen. Weil die Herren der Schöpfung vor Jahr und Tag auf Jagd gingen, während das schwache Geschlecht vor dem Feuer hocken blieb und sich um die lieben Kleinen kümmerte, haben wir heute in den Kitas nur Frauen und im Cockpit fast ausschließlich Männer.

"Du musst die Führung übernehmen", summe ich vor mich hin und ernte den ersten missbilligenden Blick dieses Tages. R. hält nicht viel von proletarisch-revolutionärem Liedgut. Sie hat mal im Schulchor gesungen. Vielleicht deshalb. Der Gedanke, im Cabriolet über Land zu fahren und Kampflieder in den Fahrtwind zu schmettern, ist ihr ein Graus. Mich amüsiert die Vorstellung immer noch. Außerdem passt es in die Zeit. Morgen ist der neunte November. Und wir haben den ganzen Tag in einem Wellness-Tempel verbracht, wie ihn nur der real-existierende Kapitalismus in die Brandenburger Mark zaubern konnte. Die Therme ist groß, mäßig besucht und preiswert. Aber immer noch teuer genug, um lärmende Schulklassen fern zu halten. Und man bekommt einen Schlüssel, der nicht nur den Spind öffnet, sondern als Kreditkarte für Einlass, Sauna, Massage, Schlammpackung und Restaurantbesuch dient. Außerdem ist es überall schön warm. Winter mit menschlichem Antlitz, denke ich und verkneife mir das "Aufbaulied" mit Rücksicht auf den Rest des Tages.

Der Nachrichtensprecher meldet, dass Berlin pleite ist und morgen ein PDS-Senator an der Bernauer Straße Kränze niederlegen wird. Es soll Proteste geben. Ob gegen die Pleite oder die Kränze oder gegen beides bleibt unklar. Und Hertha spielt in Wolfsburg, wo der Mann mit dem Stinkefinger die Führung übernommen hat. Stefan Effenberg sei der Leitwolf im Kollektiv, räsoniert ein leicht sächselnder Kommentator. Dieses Sprachbild der Deutschen Einheit klingt nach Artikel 148 und lässt hoffen, auch wenn es mit zwölf Jahren Verspätung kommt.

"Beim letzten Mal sind wir in Schönefeld rausgekommen und du hast eine Tramperin von der Tankstelle mit in die Stadt genommen." Stimmt. Und den Unterton habe ich überhört. Sie kam aus Prag und wollte ins Schiller-Theater. Dass der Musentempel schon vor Jahren abgewickelt worden ist, hat die junge Frau wenig beeindruckt. Sie fuhr einer tschechischen Compagnie hinterher, die dort ihr Gastspiel gab. Was geschlossene Häuser für eine Anziehungskraft haben können. Da brauchte sich der Kultursenator um die drei Opern der Stadt doch eigentlich keine Sorgen mehr zu machen. Namentlich jetzt, da die EU-Osterweiterung vor der Tür steht und mit ihr Heerscharen von mittelosteuropäischen Trampern, die nur darauf warten, die Hüllen der Berliner Kultur zu füllen. So ein Meltingpot benötigt vor allem eins: viel Platz. Und den hat Berlin immer noch reichlich. Auf jeden Fall mehr als Geld. Der Rest ließe sich als Umwegrentabilität ganz sicher schön rechnen.

Wieso Schönefeld? Wir sind Richtung Hamburg unterwegs, also nach Norden und der Flughafen befindet sich im Südosten. Das heißt, wir können damals gar nicht in Schönefeld rausgekommen sein, es sein denn, "Berlin Zentrum" meint inzwischen wirklich die Mitte der Stadt. Wenn nicht, fahren wir genau falsch herum und kommen hoffnungslos zu spät. "Wo genau ist Havelland?" Achselzucken auf dem Beifahrersitz. Wenn man von Osten auf den Ring stößt und nach Norden will, müsste es eigentlich linksherum gehen. Wir aber liegen seit geraumer Zeit in einer ziemlich langen Rechtskurve, die Sonne ist untergegangen, und ich habe keine Ahnung, in welche Richtung wir fahren. Wie einfach ist das in anderen Hauptstädten. Washington zum Beispiel hat auch so einen Ring. Da geht es auf der Innen- oder Außenbahn nach Osten, Westen, Norden oder Süden. Die Ausfahrten haben Namen und Himmelsrichtungen. Ein Kinderspiel. Eigentlich.

Plötzliche Bewegung auf dem Beifahrersitz. "Guck mal!" Gerade hatte ich mich auf einen Umweg durch die City West eingestellt, da taucht vor uns die Silhouette des Fernsehturms auf und ich weiß: Meine Vorfahren können keine Jäger gewesen sein. Die Sippe wäre verhungert.

00:00 15.11.2002

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