Stefan Heidenreich, Ralph Heidenreich
Ausgabe 5214 | 30.12.2014 | 06:00 16

Risiko von unten

Kapital Wer heute richtig Geld hat, bringt es in Sicherheit. Das Wagnis ist längst an andere Stellen verschoben

Risiko von unten

Deutschlands größter Börsengang 2014: die Herren von der Start-up-Fabrik Rocket Internet

Foto: Arne Dedert/DPA

Risikobereitschaft ist immer dann gefragt, wenn es gefährlich wird. „Erhöhte individuelle Risikopräferenz“ heißt das im Ökonomen- und Managersprech unserer Tage. Aber das klingt schon wieder so, als würden die Helden Schlange stehen. Von heroischen Anwandlungen ist nun allerdings kaum eine Gesellschaft so gründlich kuriert wie die deutsche. Die Moral unserer Gegenwart hätte sich von der Figur des Helden längst verabschiedet, gäbe es da nicht eine neue Nachfrage nach Risiko. Die allerdings geht weniger vom individuellen Wunsch nach großen Taten aus und genauso wenig vom Hintergrundrauschen der sogenannten Risikogesellschaft, sondern vom Finanzkapital auf der Suche nach Renditenischen. Die neuen Helden der letzten Jahre waren Gründer und wohl auch wieder Führer, will man das dauernde Gebrabbel um Leadership wörtlich nehmen, mit dem uns die Rückkehr zu autokratischeren Umgangsformen schmackhaft gemacht werden soll.

Betrachten wir Tugenden einmal nicht als individuelle Vorliebe, sondern als etwas, das Zeitgeist ist und uns aufgeschwatzt wird, dann kann man nach den Gründen dafür fragen, dass es heute wieder Mut braucht. Nehmen wir an, es gibt drei Methoden, das Leben zu regeln. Gesetze schreiben uns vor, was wir auf keinen Fall tun sollen. Geld belohnt uns für Sachen, die wir tun, obwohl wir sie nicht unbedingt wollen. Aber beide allein genügen nicht. Wir sollen nicht nur das eine nicht dürfen und das andere tun, sondern wir sollen auch etwas wollen. Dafür gibt es die Moral. 

Ökonomen haben lange daran gearbeitet, die lästige Moral aus ihren Kalkulationen zu entfernen. Das Wollen lässt sich nämlich nicht berechnen. Also hat man die Rational-Choice-Theorie und den Homo oeconomicus erfunden, um den einzelnen Menschen zum Automaten zu erklären.

Eine Formel für die Preise

Ethik war passé und durfte bestenfalls noch an Philosophielehrstühlen im historischen Rückblick erwähnt werden oder in Ethikkommissionen, die sich über Technikfolgen folgenlos Gedanken machen.

Warum also sollte heute plötzlich wieder jemand Mut beweisen? Das hat zwei ökonomische Gründe. Der eine liegt in der Tatsache, dass Risiken Handelsware geworden sind. Und der andere darin, dass es sich nicht mehr lohnt, sie einzugehen. 1973 haben die drei US-Ökonomen Fischer Black, Myron Scholes und Robert Merton eine Formel gefunden, die ausgehend von den Schwankungen eines Werts dessen künftigen Preis abzuschätzen erlaubt. Es gelang ihnen, den Wahrscheinlichkeiten für künftige Preise selbst einen Preis zu geben. Damit wurden Risiken handelbar.

Im Lauf des nächsten Jahrzehnts entstand auf der Basis ihrer Formel ein neuer Markt für Risiken aller Art. Seither lässt sich von einem beliebigen Kredit das Risiko abtrennen und separat verkaufen. Zurück bleibt eine abgesicherte Anlage, die wiederum als Gegenwert für Kredite hinterlegt werden kann. Nach den Deregulierungen der Finanzwelt in den 80er Jahren kam es während der 90er zu einer Buchstabensuppe neuer Finanzinnovationen: ABS, MBS, CDO, CDS und etliche mehr. Allen ist gemeinsam, dass sie jenen Risikohandel ins Wirtschaftsleben ausweiteten. Dass nicht alles sicher war, wo „Security“ draufstand, zeigte sich bei der Immobilienkrise 2008, als sich faule Kredite eben doch schlicht als faul erwiesen, und dazu noch die Banken, die sie zu sichern versprochen hatten, als zahlungsunfähig.

In der Konsequenz gingen weder Banken pleite noch Banker ins Gefängnis, und die entsprechenden Finanzinstrumente wurden nicht etwa verboten. Im Gegenteil, den Spekulanten kam der Staat zu Hilfe, die minderwertigen Papiere wurden von Zentralbanken übernommen, den Steuerzahlern aufgebürdet oder in Müllbanken ausgegliedert, wo sie heute noch liegen. Seither firmiert die Krise der Finanzwelt als Problem verschuldeter Staaten. Und seither hat sich auch am Risiko etwas geändert: Niemand will mehr ein Risiko eingehen. Kredite für Investitionen sind weitgehend zum Erliegen gekommen, obwohl die Zinsen am Geldmarkt gegen null gehen. Das große Geld flüchtet sich in Vermögenswerte, die wieder und wieder beliehen werden, um weitere Vermögenswerte zu kaufen. Zahlungsverpflichtungen Dritter werden juristisch auf Jahre festgeschrieben, um nur ja kein Risiko eingehen zu müssen.

Da aber im Kapitalismus, wie in jeder Wirtschaftsordnung, ohne Wagemut und Zukunftshoffnung nichts vorangeht, musste das Risiko auf eine andere Stelle verschoben werden: Die normalen Bürger sollten daran nicht nur in Gestalt höherer Schulden beteiligt werden, sondern selbst noch ein Stück „Verantwortung übernehmen“. 

Der einfachste Weg bestand in der Abschaffung der Sicherheiten, die den Sozialstaat ausmachten. Die christdemokratische Regierung musste gar nicht mehr viel tun, denn den Großteil dieser Drecksarbeit hatten ihr Sozialdemokraten und Grüne mit der Agenda 2010 schon abgenommen. Unter dem Leitspruch „Fördern und Fordern“ hatten sie ein Regime installiert, das Standards der Sozialhilfe auf ein Existenzminimum absenkt und zusätzlich eine staatliche Erniedrigungsmaschinerie installiert. Am Boden wartet eine absichtsvoll hart gestaltete Wirklichkeit. So sieht Risiko von unten aus. Zeltstädte wie in den USA gibt es hier zwar noch nicht, aber vielleicht besteht da schlichtweg noch „Reformbedarf“.

Der Mut, eine eigene Existenz zu gründen, wie es in schöner Verkehrung des einstigen existenzialistischen Hangs zum Nichts heißt, stellt sich dann von selbst ein. Wir haben es mit einer zeitgenössischen Angebotstheorie des Lebens zu tun: Wenn nur genug Angebot da ist, wird sich die Nachfrage schon einstellen. Wenn es nur genug riskante Optionen gibt, werden sich die Mutigen schon einfinden. Oder die Zaghaften werden eben mutig werden müssen. Die Psychologie bezeichnet es als Kognitive Dissonanz, wenn wir eine Entscheidung, zu der wir uns genötigt sehen, im Nachhinein gutheißen.

Ein Beispiel für die neuen Helden des Muts und des Risikokapitals sind Gründer mit Führungsqualitäten, die mit jugendlichem Elan für ihre Firma „brennen“. Dass neun von zehn Gründern scheitern, tut weiter nichts zur Sache. Denn schließlich sind die Kredite gebündelt und die Risiken an Dritte weiterverkauft. Wir müssen jetzt ganz mutig sein.

Von den Brüdern Stefan und Ralph Heidenreich ist im Merve Verlag die politisch-ökonomische Analyse Mehr Geld erschienen

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/14.

Kommentare (16)

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Ehemaliger Nutzer 30.12.2014 | 10:18

Danke für die klare Formulierung dieses Beitrags, den sogar ich als "Nicht-Ökonom" verstehen kann!

"Zeltstädte wie in den USA gibt es hier zwar noch nicht, aber vielleicht besteht da schlichtweg noch „Reformbedarf“"

Ich fürchte, es wird keiner weiterer "Reformen" benötigen. Eine Entwicklung in diese Richtung ist unaufhaltsam und ohne Möglichkeit eines Entrinnens. Ich fürchte sogar, dass sich längst ein ungeschriebenes Gesetz etabliert hat, "Investitionsschutz" auch im Zusammenhang mit kostenintensivem Aufheizen eigentlich überwindbarer Differenzen zu kriegerischen Auseinandersetzungen als selbstverständliche Grundlage geschäftlicher Fairness zu betrachten. Das Gleitmittel dabei: Ethikkommissionen sind erfolgreich abgelenkt mit ernsten Fragen, die für jeden einzelnen viel leichter nachvollziehbar sind, obwohl sie die wenigsten von uns in der Praxis so massiv betreffen wie das, was vor unser aller Augen abläuft. - Wie gesagt: Einen Ausweg gibt es nur in der Theorie!

Achtermann 30.12.2014 | 11:20

"Im Lauf des nächsten Jahrzehnts entstand auf der Basis ihrer Formel ein neuer Markt für Risiken aller Art. Seither lässt sich von einem beliebigen Kredit das Risiko abtrennen und separat verkaufen. Zurück bleibt eine abgesicherte Anlage, die wiederum als Gegenwert für Kredite hinterlegt werden kann."

Erstaunlich an diesem Wirtschaftsgebaren ist, dass dieses als das rationale Modell state of the art ist und seinen Ausfluss in der derzeitigen Finanzpolitik findet. Dass in Griechenland, das kurz vor Neuwahlen steht, Kritik an diesem Wirtschaftsmodell formuliert wird und die Kritiker Chancen haben, die Wahl zu gewinnen, lässt die Vertreter des Neo-Kapitalismus sofort die Jericho-Trompeten blasen. Gerade so, als stünden wir vor dem Untergang des Euro-Landes.

MJ20 30.12.2014 | 12:32

Ein Beispiel für die neuen Helden des Muts und des Risikokapitals sind Gründer mit Führungsqualitäten, die mit jugendlichem Elan für ihre Firma „brennen“.

Ich kann es nicht mehr hören! Ist nur noch lästig, arg lästig.

Diese Sorte von "Gründern mit Führungsqualitäten" kennen wir aus den einschlägigen Talks. Jene Keifzangen, die über Mindestlöhne herziehen, über Arbeitsrecht, über Steuern. Die Pooths und sonstige alsbald in der Umlaufbahn verglühte, die Petrys, die Hönesses. Um mit Letzterem zu sprechen: da kommt eine grundchristliche Regung auf : H a s s ! Nein, bei mir nicht, habe die Zeiten, in denen man von mir verlangte "zu brennen" längst hinter mir.

Nur ein dezenter Hinweis: ein weiteres Mal wird es nicht möglich sein, mit den besten, freundlichsten Grüßen bis zum nächsten Wiedersehen übertragene Risiken abzudecken. Für wie blöd halten die Heidenreichs (Name bürgt für Qualität) eigentlich jene mit der Portokasse? Und spätestens jetzt komme ich ins stottern: so blöd wie die sind, kann man gar nicht denken. Also, schnell, wo kann ich die Produkte aus der Buchstabensuppe erwerben? Bei der Bank an meiner Seite?

Manfred Fröhlich 30.12.2014 | 14:26

Dieser Beitrag formuliert kurz und bündig, um was es sich bei unserem "Finanz- und Wirtschaftssystem" handelt: Um Betrug, bzw. um ein Verbrechen, wenn man die Tragweite berücksichtigt.

1. Frage: Sind dann nur die "Erfinder der betrügerischen Produkte" die Täter? - Oder sind auch die Politiker und Richter "Betrüger" und Täter, wenn sie diese "Betrügereien" oder "Verbrechen" nachträglich absegnen und unseren Staat (also uns Alle) zu Tätern machen?

2. Frage: Wenn solches Unrecht in unserem angeblichen Rechtsstaat von den Regierenden und der Justiz in "neues geltendes Recht" verbogen wird, darf man einen solchen "Rechtsstaat" dann als Unrechtsstaat bezeichnen?

3. Frage: Man kan ja viele Kriege ganz offensichtlich als "Wirtschaftskriege" oder auch "Wirtschaftsverbrechen" einordnen. - Sind die globalen Ausmaße der Bankenkriesen und deren Folgen für die armen und ärmsten Menschen und Länder weniger, als ein "Globales Wirtschaftsverbrechen" und ein "Wirtschaftskrieg" unter grober Missachtung der UN-Menschenrechte?

bitaurel 30.12.2014 | 22:16

Innovationen gab es auch vor dem Kapitalismus. Eine total regulierte Welt ohne Risiken? Da muss ich immer an den Film Brazil denken. Ich selbst bin Gründer und ein Leben in einer gesetzten Struktur kommt mir wie lebendig begraben vor. Gleichwohl bin ich dankbar, das es viele Menschen gibt, die die geregelten Verhältnisse zuverlässig am Leben erhalten. Den wenigsten ist ein Leben in permanenter Unsicherheit zuzumuten. Es grenzt tatsächlich an Wahnsinn ein eigenes Unternehmen aufbauen zu wollen. Ich selbst habe Informatik studiert und für mich ist es einfach eine Freude schöpferisch wirken zu können. Ich wollte schon immer auf die einfache und delikate Frage von was man lebt eine klare Antwort geben können: ich schaffe Nutzwerte, die den Menschen helfen in diesem Chaos nicht den Überblick zu verlieren. Gleichwohl plagt mich schon seit meiner Jugend das tiefe Unbehagen, dass etwas mit dieser Welt nicht stimmt. Ich hüte mich aber davor aus den mannigfaltigen Ursachen-Analysen ein Lösungsmodell herzuleiten, das eine Transformation in eine total gerechte Welt verspricht. Sicher ist für mich aber, dass die Anomalie „Kapitalkonzentration“ Gift ist für jedwede potentiell positive Wendung. Die pathologische Verteilung von Zugriffsrechten hält im Zusammenspiel mit Technologien ein Leben verachtendes Perpetuum Mobile im Gang, das, wie dieser Artikel richtig feststellt, einen Ozean von deformierten Seelen hervorbringt, die gegen ihre wahre Natur ein falsches Leben leben.

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Ehemaliger Nutzer 01.01.2015 | 12:35

In Bezug auf die vorherrschende Finanzmarktpolitik bennent der Artikel die Lage sehr nachvollziehbar.

Allerdings muss man aufpassen, dass nicht alles, was aus Unfähigkeit und Dummheit entstanden ist, als Kalkül ausgegeben wird.

Als nur ein kleines Beispiel dafür möchte ich das neue Investitionsprogramm der EU angeben, welches 2015 starten und mit 23 Milliarden EU-Geldern mehr als 315 Milliarden Gesamtinvestitionen mobilisieren will. Wie dieser Hebel von 1:15 erreicht werden soll, kann die EU derzeit nicht konkretisieren, obwohl das Programm bis zum Herbst abgehoben haben soll. Hier gibt es auf der Behördenebene in Brüssel ganz viel Inkompetenz im Umgang mit den Märkten und Finanzmärkten, die letztlich die europäischen Steuerzahler bezahlen müssen. Das ist kein Kalkül, sondern staatlicher und überstaatlicher struktureller Kompetenzmangel, man kann es auch als strukturelle Dummheit bezeichnen.

Als Beispiel dieses offizielle PDF zum Thema, das schon dem Laien verdächtig vorkommen wird, weil auf 23 Seiten immer nur derselbe Satz wiederholt wird:

http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52014DC0903&from=DE

Kleines Ratespiel - um welchen Satz handelt es sich?

petar 01.01.2015 | 19:57

Es ist wie immer ganz einfach:Die Unbedarften werden die so ren-tablen Finanzprodukte hineingelockt,je mehr es von denen

gibt,umso besser.Dann macht es ja auch mehr Spass wenn die Blase platzt(da kann man ja auch mehr Kohle ausbadbanken d.h,

dem Steuerzahler die Profite auf`s Auge drücken).

Des Einen Lust,istdes Anderen Last. Noch Fragen?

GEBE 01.01.2015 | 20:13

"Die Unbedarften ..."?

Ich möchte mal sagen, Geld- und Zinsgier sind alles andere als "unbedarft". Ich nenne die eher geldgeile Taugenichtse; egal ob Omilein und Opilein, die meinen, nach ihrer Rente arbeite nun das Geld für sie. Ich kann das Gerede von den "Unbedarften" und den armen Betrogenen nicht mehr hören und lesen. Immerhin erteilen die mit ihren "Anlagen" klipp und klare Aufträge , anderswo andere Menschen zu betrügen! Erst solche "Unbedarften" machen dieses System möglich mit ihrer egomanen Geldgeilheit. Vielleicht sollten Sie sich mal schlau machen, wie Geld - also auch Zinsen, sprich Rendite enstehen. Noch Fragen?

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Ehemaliger Nutzer 01.01.2015 | 22:14

dass Risiken Handelsware geworden sind

Sind sie genau genommen nicht. Die darauf aufbauenden Derivate und vor allem die Gewinnerwartungen (Prämien ect.) sind die Handelsware. Das Risiko wandert mit ihnen mit und stellt das underlying.

Die Finanzwissenschaften und -wirtschaft hat wohl durch die Black/Scholes/Merton Formel ihren wesentlichen Schub erhalten. Die Anwendung der Formel ist kein Naturgesetz sondern eher eine Art Vereinbarung zwischen den handelnden Akteuren. Ist praktisch.

Im Lauf des nächsten Jahrzehnts entstand auf der Basis ihrer Formel ein neuer Markt für Risiken aller Art.

Genau genommen richten sich die Nachfrage-Angebot-Preise nach den Vorgaben der Formel, die alle übereinstimmend nutzen und so kann gesagt werden, dass diese die Preise vorhersagt und diese dann auch bestimmt.

Seither lässt sich von einem beliebigen Kredit das Risiko abtrennen und separat verkaufen. Zurück bleibt eine abgesicherte Anlage, die wiederum als Gegenwert für Kredite hinterlegt werden kann.

Die Absicherung beruht dennoch auf dem Vertrauen in die Rückzahlungskraft und das -vermögen des ursprünglichen Kreditnehmers, welches auch mit dem Weiterverkauf des Risikos bestehen bleibt. Fallen seine Zahlungen aus, ist auch die Versicherung meist nicht in der Lage, die Zahlungsverpflichtung mit Eigenkapital zu übernehmen. Daher mussten ja die Steuerzahler einspringen.

Das große Geld flüchtet sich in Vermögenswerte, die wieder und wieder beliehen werden, um weitere Vermögenswerte zu kaufen.

Der Anlagedruck treibt die Preise (zB besonders für Immobilien) und so setzt sich die negative Spirale für alle Nichtvermögenden doppelt in Gang.

musste das Risiko auf eine andere Stelle verschoben werden: Die normalen Bürger sollten daran nicht nur in Gestalt höherer Schulden beteiligt werden, sondern selbst noch ein Stück „Verantwortung übernehmen“

Ob für diese Formeln oder Gedanken oder Taten auch Nobelpreise verliehen werden?

Der einfachste Weg bestand in der Abschaffung der Sicherheiten, die den Sozialstaat ausmachten. Die christdemokratische Regierung musste gar nicht mehr viel tun, denn den Großteil dieser Drecksarbeit hatten ihr Sozialdemokraten und Grüne mit der Agenda 2010 schon abgenommen. Unter dem Leitspruch „Fördern und Fordern“ hatten sie ein Regime installiert, das Standards der Sozialhilfe auf ein Existenzminimum absenkt und zusätzlich eine staatliche Erniedrigungsmaschinerie installiert. Am Boden wartet eine absichtsvoll hart gestaltete Wirklichkeit. So sieht Risiko von unten aus.

***** So werden “normale Bürger” in die komplexen und risikoreichen Finanzmodelle eingeschleust, die sie weder verstehen noch beherrschen können. So sollen sie es tragen, finanzieren, begründen. Dafür dürfen sie leben und nur nicht allzuschnell sterben. Erst müssen die Controller ihren Segen dazu geben. Wie auch jede normale Arbeitskraft irgendwann “abgeschrieben” ist. Anders könnte man ja das Gezerre um das Renteneinstiegsalter nicht erklären. Also sollte man immer mehr Kosten als Nutzen verursachen, damit die Employability als Zahl im human resources System erhalten bleibt.

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Ehemaliger Nutzer 01.01.2015 | 22:24

Wenn die Milliarden wenigstens zu einem Teil direkt als Einkommen zur Verfügung stünden, würde sich auch die Wirtschaft schneller erholen, als das die Formeln berechnen können. Zumal die Verwendung offen nach Diskriminierung klingt. Neben der Erklärung der Hebelwirkung wären vor allem die Zahlen interessant, die Aufschluss über die Nettolohnsumme ergeben. Das dürfte nur ein Bruchteil sein von dem, was da so beweihräuchert wird.

Hauptgedanke ist, mit öffentlichen Mitteln für eine größere Risikotragfähigkeit zu sorgen

Da lacht man dann als Steuerzahler nur noch trocken. Tränen hat man schon längst keine mehr. Und auf dieser Seite 6 hört die Lesebreitschaft auf.

Pregetter Otmar 02.01.2015 | 22:20

"Der eine liegt in der Tatsache, dass Risiken Handelsware geworden sind" ... (Fischer Black, Myron Scholes und Robert Merton und deren Formel)..."Es gelang ihnen, den Wahrscheinlichkeiten für künftige Preise selbst einen Preis zu geben. Damit wurden Risiken handelbar" . . .

Nun - es ist ja nur ein nicht wirklich "intelligentes Model", denn Risken kann man n i e berechnen - wie denn?

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung geht ja (jeder Studiosi m u s s das lernen) von IMMER denselben Ausgangsvoraussetzungen = zumeist das Roulette-Spiel aus, so ja dieselben Temperaturen + derselbe Zylinder + dieselben Würfel usw usw. als "Rechenmodell" gelten.

Nur in der Praxis gibt es solche "laborartigen Randbedingungen" ja n i e! Man kann kein Risiko ... von Exportunternehmen für Edelstahl nach China - oder Russland - oder Burma usw. "berechnen" ...! Dass sei damit - wieso wohl? - den Banktern Türen und Toren für ihre "Risk-Management" Analysen bis hin zu Bewertungen der "Assets" in deren Bilanzen lieferten - ist eine nicht ganz lustige Geschichte.

Risiko - ist nicht plan- und berechenbar. Never.

Jeder der mal selbst ein paar Stunden "selbständig" war weiss, dass unternehmerische Entscheidungen (Investitionen z.B.) i m m e r unter "Unsicherheit" = zu geringes Wissen um Märkte, Kundenverhalten und -einkommen, nachhaltiges Rechstsystem usw usw. besteht.

Und die JunX aus den USA haben nun diese weite Feld an natürlichen Unsicherheiten in eine "Weltformel" gepackt - und alle trotten - oder doch: trotteln? - hinterher.

Nach dem homo oeconomicus - ist dies wohl der 2. Unfug, der durch die "Wirtschaftswissenschaften" ... herumgeistert.

Meyko 03.01.2015 | 12:09

"Die Moral unserer Gegenwart hätte sich von der Figur des Helden längst verabschiedet, gäbe es da nicht eine neue Nachfrage nach Risiko."

Dazu fiel mir Folgendes wieder ein:

Die wichtigste "Moral", auf die sich der "freie Markt" nach meiner Einschätzung wohl jederzeit verlassen hat, ist die überwiegend angstgesteuerte "Zahlungsmoral" des bürgerlichen (Klein-) Schuldners und Steuerzahlers. Dieser versucht nach wie vor mit aller Kraft und zusätzlich politisch geförderten Ängsten im Hintergrund, sein Leben zu meistern, seine Schulden zu zahlen und "sauber" zu bleiben...

Gesundes Neues an alle!