Risiko von unten

Kapital Wer heute richtig Geld hat, bringt es in Sicherheit. Das Wagnis ist längst an andere Stellen verschoben
Risiko von unten
Deutschlands größter Börsengang 2014: die Herren von der Start-up-Fabrik Rocket Internet
Foto: Arne Dedert/DPA

Risikobereitschaft ist immer dann gefragt, wenn es gefährlich wird. „Erhöhte individuelle Risikopräferenz“ heißt das im Ökonomen- und Managersprech unserer Tage. Aber das klingt schon wieder so, als würden die Helden Schlange stehen. Von heroischen Anwandlungen ist nun allerdings kaum eine Gesellschaft so gründlich kuriert wie die deutsche. Die Moral unserer Gegenwart hätte sich von der Figur des Helden längst verabschiedet, gäbe es da nicht eine neue Nachfrage nach Risiko. Die allerdings geht weniger vom individuellen Wunsch nach großen Taten aus und genauso wenig vom Hintergrundrauschen der sogenannten Risikogesellschaft, sondern vom Finanzkapital auf der Suche nach Renditenischen. Die neuen Helden der letzten Jahre waren Gründer und wohl auch wieder Führer, will man das dauernde Gebrabbel um Leadership wörtlich nehmen, mit dem uns die Rückkehr zu autokratischeren Umgangsformen schmackhaft gemacht werden soll.

Betrachten wir Tugenden einmal nicht als individuelle Vorliebe, sondern als etwas, das Zeitgeist ist und uns aufgeschwatzt wird, dann kann man nach den Gründen dafür fragen, dass es heute wieder Mut braucht. Nehmen wir an, es gibt drei Methoden, das Leben zu regeln. Gesetze schreiben uns vor, was wir auf keinen Fall tun sollen. Geld belohnt uns für Sachen, die wir tun, obwohl wir sie nicht unbedingt wollen. Aber beide allein genügen nicht. Wir sollen nicht nur das eine nicht dürfen und das andere tun, sondern wir sollen auch etwas wollen. Dafür gibt es die Moral. 

Ökonomen haben lange daran gearbeitet, die lästige Moral aus ihren Kalkulationen zu entfernen. Das Wollen lässt sich nämlich nicht berechnen. Also hat man die Rational-Choice-Theorie und den Homo oeconomicus erfunden, um den einzelnen Menschen zum Automaten zu erklären.

Eine Formel für die Preise

Ethik war passé und durfte bestenfalls noch an Philosophielehrstühlen im historischen Rückblick erwähnt werden oder in Ethikkommissionen, die sich über Technikfolgen folgenlos Gedanken machen.

Warum also sollte heute plötzlich wieder jemand Mut beweisen? Das hat zwei ökonomische Gründe. Der eine liegt in der Tatsache, dass Risiken Handelsware geworden sind. Und der andere darin, dass es sich nicht mehr lohnt, sie einzugehen. 1973 haben die drei US-Ökonomen Fischer Black, Myron Scholes und Robert Merton eine Formel gefunden, die ausgehend von den Schwankungen eines Werts dessen künftigen Preis abzuschätzen erlaubt. Es gelang ihnen, den Wahrscheinlichkeiten für künftige Preise selbst einen Preis zu geben. Damit wurden Risiken handelbar.

Im Lauf des nächsten Jahrzehnts entstand auf der Basis ihrer Formel ein neuer Markt für Risiken aller Art. Seither lässt sich von einem beliebigen Kredit das Risiko abtrennen und separat verkaufen. Zurück bleibt eine abgesicherte Anlage, die wiederum als Gegenwert für Kredite hinterlegt werden kann. Nach den Deregulierungen der Finanzwelt in den 80er Jahren kam es während der 90er zu einer Buchstabensuppe neuer Finanzinnovationen: ABS, MBS, CDO, CDS und etliche mehr. Allen ist gemeinsam, dass sie jenen Risikohandel ins Wirtschaftsleben ausweiteten. Dass nicht alles sicher war, wo „Security“ draufstand, zeigte sich bei der Immobilienkrise 2008, als sich faule Kredite eben doch schlicht als faul erwiesen, und dazu noch die Banken, die sie zu sichern versprochen hatten, als zahlungsunfähig.

In der Konsequenz gingen weder Banken pleite noch Banker ins Gefängnis, und die entsprechenden Finanzinstrumente wurden nicht etwa verboten. Im Gegenteil, den Spekulanten kam der Staat zu Hilfe, die minderwertigen Papiere wurden von Zentralbanken übernommen, den Steuerzahlern aufgebürdet oder in Müllbanken ausgegliedert, wo sie heute noch liegen. Seither firmiert die Krise der Finanzwelt als Problem verschuldeter Staaten. Und seither hat sich auch am Risiko etwas geändert: Niemand will mehr ein Risiko eingehen. Kredite für Investitionen sind weitgehend zum Erliegen gekommen, obwohl die Zinsen am Geldmarkt gegen null gehen. Das große Geld flüchtet sich in Vermögenswerte, die wieder und wieder beliehen werden, um weitere Vermögenswerte zu kaufen. Zahlungsverpflichtungen Dritter werden juristisch auf Jahre festgeschrieben, um nur ja kein Risiko eingehen zu müssen.

Da aber im Kapitalismus, wie in jeder Wirtschaftsordnung, ohne Wagemut und Zukunftshoffnung nichts vorangeht, musste das Risiko auf eine andere Stelle verschoben werden: Die normalen Bürger sollten daran nicht nur in Gestalt höherer Schulden beteiligt werden, sondern selbst noch ein Stück „Verantwortung übernehmen“. 

Der einfachste Weg bestand in der Abschaffung der Sicherheiten, die den Sozialstaat ausmachten. Die christdemokratische Regierung musste gar nicht mehr viel tun, denn den Großteil dieser Drecksarbeit hatten ihr Sozialdemokraten und Grüne mit der Agenda 2010 schon abgenommen. Unter dem Leitspruch „Fördern und Fordern“ hatten sie ein Regime installiert, das Standards der Sozialhilfe auf ein Existenzminimum absenkt und zusätzlich eine staatliche Erniedrigungsmaschinerie installiert. Am Boden wartet eine absichtsvoll hart gestaltete Wirklichkeit. So sieht Risiko von unten aus. Zeltstädte wie in den USA gibt es hier zwar noch nicht, aber vielleicht besteht da schlichtweg noch „Reformbedarf“.

Der Mut, eine eigene Existenz zu gründen, wie es in schöner Verkehrung des einstigen existenzialistischen Hangs zum Nichts heißt, stellt sich dann von selbst ein. Wir haben es mit einer zeitgenössischen Angebotstheorie des Lebens zu tun: Wenn nur genug Angebot da ist, wird sich die Nachfrage schon einstellen. Wenn es nur genug riskante Optionen gibt, werden sich die Mutigen schon einfinden. Oder die Zaghaften werden eben mutig werden müssen. Die Psychologie bezeichnet es als Kognitive Dissonanz, wenn wir eine Entscheidung, zu der wir uns genötigt sehen, im Nachhinein gutheißen.

Ein Beispiel für die neuen Helden des Muts und des Risikokapitals sind Gründer mit Führungsqualitäten, die mit jugendlichem Elan für ihre Firma „brennen“. Dass neun von zehn Gründern scheitern, tut weiter nichts zur Sache. Denn schließlich sind die Kredite gebündelt und die Risiken an Dritte weiterverkauft. Wir müssen jetzt ganz mutig sein.

Von den Brüdern Stefan und Ralph Heidenreich ist im Merve Verlag die politisch-ökonomische Analyse Mehr Geld erschienen

 

06:00 30.12.2014

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