Risikogesellschaft, überall

Den Katastrophen ins Auge sehen Zur Vorbeugung gehört auch eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden

Unter Naturkatastrophen leiden andere Gegenden dieser Welt bislang viel mehr als wir in Mitteleuropa. Wirbelstürme, Vulkanausbrüche und Tsunamis sind weit tragischer als die "Elementarschäden", mit denen wir es zu tun haben. Aber das gleichzeitige Auftreten von Feuersbrünsten in Portugal und Hochwasser in der Alpenregion hat "Old Europe" sogar mit bunten Fotos auf die Titelseite der New York Times gebracht, freilich rasch verdrängt von den Überschwemmungen in Florida und der Evakuierung der Südstaatenmetrople New Orleans, die mit knapper Not einem biblischen Desaster entging.

Auch in Europa nehmen die Wettergefahren zu und gleichzeitig verändern sie sich. Extreme Dürre ist im ganzen Mittelmeerraum ein Problem. In Deutschland ist es plötzlich nicht "klassisches" Hochwasser, im Frühjahr durch die Schneeschmelze verursacht, sondern "Starkregen", der nicht nur in Alpentälern katastrophale Schäden verursacht. Vor einigen Wochen gab es in Norddeutschland ein ähnliches Phänomen, wenn auch nicht ganz so schlimm, da es an der Küste keine engen Täler gibt.

Obwohl Überschwemmungen, Sturm oder schwerer Blitzschlag zu einem allgemeinen Lebensrisiko geworden sind, treffen Elementarschäden die Bürger immer wieder unvorbereitet und daher mit besonderer Härte. Angesichts der nicht endenden Kette von Ereignissen brauchen wir deshalb endlich eine übergreifende Strategie der Vorsorge gegen Naturkatastrophen. Dazu kann aber nicht nur gesetzliche Vorsorge gehören. Die kürzlich beschlossenen Regeln zum Hochwasserschutz sind ein Beispiel dafür, dass die konventionelle Strategie nicht ausreicht, weil Ge- und Verbote über kurz oder lang typischerweise durchlöchert und zumindest unnötig bürokratisiert werden. Was wir neben technischer Prävention brauchen ist eine vernünftige ökonomische Vorsorge. Denn ein vollständiger Rückzug der Menschen aus gefährdeten Gebieten ist völlig unrealistisch. Zum einen gibt es kaum noch Regionen, die als nicht-gefährdet gelten können, sowohl weltweit wie bei uns zuhause. Und andererseits ist keineswegs immer der Mensch durch unvernünftige Ausbeutung der Natur Schuld, wenn das Klima katastrophale Auswirkungen hat.

Menschliche Eingriffe können auch sinnvoll sein. So werden zum Beispiel die Brände in Portugal durch Unachtsamkeit oder gar Brandstiftung verursacht, aber die Feuer wirken sich nur deswegen so verheerend aus, weil die landwirtschaftliche Nutzung zurückgegangen ist. Dadurch sind Brachlandschaften mit vielen Büschen entstanden, die einem Feuer viel mehr Nahrung geben als von Bauern gepflegte Äcker. In solchen Fällen ist kluge Vorsorge besser als menschlicher Rückzug: die landschaftsgestalterische Funktion der bäuerlichen Betriebe muss heutzutage durch Brandschutzmaßnahmen erreicht werden, indem zum Beispiel im Winter Flächen bewusst abgebrannt werden, damit Feuer im Sommer keine Nahrung mehr findet. Dennoch entstehende Schäden sollten durch planmäßige Versicherung aufgefangen werden und nicht durch EU-Fonds, die Leichtsinn befördern statt Prävention anzureizen.

Versicherungen haben den Vorteil, dass sie die Risiken bewerten, die Menschen eingehen. Und wenn die Kosten der Vorsorge verursachungsgerecht denjenigen angelastet wird, die sehenden Auges ihr Hab und Gut gefährden, dann werden sie eventuell weniger Risiken wollen. Zum Beispiel an bestimmten Stellen in Talregionen keine Häuser mehr bauen. Wer an einem Fluss leben will, sollte ebenfalls die damit verbundenen Hochwasser-Risiken tragen. Übergangslösungen für Altbestände sind natürlich ebenso notwendig, da man Häuser ja nicht wegfahren kann. Aber wer heutzutage im bayrischen Alpenvorland leben und arbeiten will, wie auch diejenigen, die diese wunderschöne Gegend als Gast besuchen wollen, sollte die damit verbundenen Naturrisiken kennen und sich an der technischen und finanziellen Absicherung beteiligen. Es wäre ökonomisch unsinnig, hier Nutzungsbeschränkungen zu fordern, das heißt strikte Bauverbote auszusprechen, solange gewährleistet ist, dass die Sorge um Naturkatastrophen kein Problem der Allgemeinheit wird. Sie ist im Schadensfall als öffentliche Nachsorge nämlich viel teurer als eine vorsorgende private Strategie. Ökonomen rechnen hier mit einem Verhältnis von 4:1.

Hypotheken nur für versicherte Häuser

Obwohl die USA regelmäßig von Tornados oder Hurrikans und erschreckend oft auch von Erdbeben heimgesucht werden, gibt es keine umfassende technische und ökonomische Vorsorge. Nicht verwunderlich in einem Staat, in dem noch nicht einmal die Krankenversicherung vernünftig geregelt ist. Immer wieder, wie auch jetzt das Beispiel New Orleans zeigt, sind die Ärmsten am härtesten betroffen: sie hatten kein Auto, um aus der Stadt zu fliehen und mussten ausgerechnet in einer der Kultstätten der Mega-Eventkultur, dem Louisiana Superdome, ausharren. Trotzdem kann man bei der Vorsorge von den USA zumindest ein wenig lernen. In den USA achten Banken inzwischen auf den Versicherungsschutz gegen Elementarschäden, wenn sie eine Hypothek vergeben. In Kalifornien werden so die Folgen von Erdbeben abgesichert - aber nur für Häuser, die mit Schulden belastet sind. Der Altbestand, der nicht kürzlich den Besitzer gewechselt hat, ist faktisch nicht abgesichert.

In gefährdeten Gebieten der USA wird eine Basis-Versicherungspolice für Gebäude und Hausrat gegen Sturmflut, Flusshochwasser, Erosion und Bodensenkung durch die "Federal Emergency Management Agency" (FEMA) hoch subventioniert, sodass die Prämie für Immobilienbesitzer erträglich ist. Etwa fünf Millionen Haushalte sind so zu einem Preis abgesichert, der unter 40 Prozent des Marktpreises liegt. Ob man diese Police kaufen kann, hängt freilich davon ab, ob die Stadt beziehungsweise die Gemeinde, in der man wohnt, sich am "National Flood Insurance Program" (NFIP) beteiligt. Dazu gehört die Abschätzung und Bekanntmachung des Hochwasserrisikos, damit Anleger sich rational entscheiden können, und eine Reihe von technischen Hochwasserschutzmaßnahmen. Inwieweit dieser Basisschutz jetzt in den Südstaaten den Betroffenen hilft, wird man sehen. Es ist zu befürchten, dass Millionen ohne jede Versicherungsdeckung dastehen werden, da es keine Versicherungspflicht für Hausbesitzer gibt.

Monopolversicherung nach Schweizer Art

Unsere europäischen Nachbarländer zeigen, dass es sinnvolle Alternativen sowohl zum gegenwärtig in Deutschland praktizierten System der staatlichen Ad-hoc-Hilfen gibt als auch zum "Solidaritätsfonds" der Europäischen Union, der Anreize zur Schadensvermeidung nahezu systematisch zerstört, da keinerlei Prävention gefordert wird. In der Schweiz wird im Rahmen der kantonalen Monopolversicherungen eine intelligent verzahnte technische und finanzielle Vorsorge gegen Naturrisiken betrieben: zu 70 Prozent gehen die Mittel des Katastrophenschutzes in die Vorsorge und die Versicherung, nur 15 Prozent in die Soforthilfe. Das Geld dafür kommt zu fast 60 Prozent von Privaten, der Bund zahlt nur 13 Prozent. In Deutschland haben wir umgekehrte Verhältnisse: Weniger als fünf Prozent der Vorsorgekosten werden von Privatpersonen aufgebracht, entsprechend groß ist die staatliche Soforthilfe, allein 9,2 Milliarden Euro im Rekordjahr 2002.

Trotz der positiven Wirkungen einer privaten Elementarschadenversicherung muss man allerdings auch nüchtern feststellen: Nicht für alle Widrigkeiten passt eine freiwillige marktwirtschaftliche Lösung. Angesichts der Erfolge im Ausland sollte man deshalb auch über staatliche Monopollösungen nachdenken. In Frankreich etwa können mit einer Pflichtversicherung gegen Naturkatastrophen umfassende Deckungen zu einem Preis angeboten werden, der nur ein Bruchteil dessen beträgt, was heute in Deutschland für löcherige Zusatzdeckungen verlangt wird. Andreas Troge, Chef des Umweltbundesamts, fordert inzwischen eine Pflichtversicherung für Hausbesitzer. Für die Entscheidung in einem gefährdeten Gebiet neu zu bauen, würde eine spürbar teure Pflichtversicherung zweifellos als wirksame Entscheidungshilfe wirken.

Nicht zuletzt spielt auch der Gedanke der vorsorgenden Solidarität eine Rolle, der nur durch eine umfassende Versicherungspflicht gegen Elementarschäden zu realisieren ist. Zwar können heutzutage in Deutschland Flutgeschädigte auf staatliche Ad-hoc-Hilfen und private Spenden mit großer Sicherheit hoffen. Aber wie hoch die Hilfen ausfallen und wie sie zugeteilt werden, weiß man im akuten Bedarfsfall nicht. Das ist bei Versicherungen anders, bei denen es klare Auszahlungspläne gibt.

Niemand sollte solche planmäßigen Versicherungsleistungen gering schätzen, denn auch in Deutschland sind größere Schäden jederzeit möglich. So zeigt etwa die 2000jährige Geschichte der Stadt Köln, das nicht nur Hochwasser drohen, sondern auch Erdbeben im Rheingraben. Nur eine Versicherung bietet den Opfern verlässliche Leistungen, während staatliche ad-hoc-Hilfen zwar spektakulär, aber im Detail wenig verlässlich sind. Berichte über persönliche Tragödien und wirtschaftliche Zusammenbrüche werden in den nächsten Wochen nicht nur aus Alabama, Louisiana und Mississippi kommen, sondern auch aus Bayern.

Professor Gert G. Wagner ist Forschungsdirektor für "Soziales Risikomanagement" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und zur Zeit Gastprofessor am Departement of Policy Analysis and Management an der Cornell University im US-Bundesstaat New York.


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