Riskante Geschäfte

Krise Der Staat stützt die angeschlagene HSH Nordbank mit 30 Milliarden Euro. Darüber, wer die Verantwortung für ihren Niedergang trägt, wird jedoch geschwiegen

Mit der HSH Nordbank verhält es sich wie mit Grimms Hans im Glück. Nur die Moral ist eine andere. Der Hans aus dem Märchen wollte, nachdem er sieben Jahre seinem Herrn gedient hatte, nach Hause zurückkehren. Als Lohn erhielt er ein Stück Gold, das er dann in ein Pferd, das Pferd in eine Kuh, die Kuh in ein Schwein, das Schwein in eine Gans, die Gans in einen alten Schleifstein tauschte. Den ließ Hans dann auch noch in einen tiefen Brunnen fallen. Mittellos, aber „mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war“. So endet das Märchen.

Die HSH Nordbank hatte, als sie noch die Hamburgische Landesbank war, für viele Jahre ihrem Herrn, dem Stadtstaat Hamburg, gedient. Dann fusionierte sie mit der schleswig-holsteinischen Landesbank, bis dahin ebenfalls braver Diener ihres Herrn. Nun aber wollte die HSH an die Börse. Man gab ihr – mit noch gültiger Anstaltslast und Gewährträgerhaftung – ein gutes Rating mit auf den Weg. Das war Gold wert. Es erlaubte der HSH, sich noch einmal günstiger als zu reinen Marktbedingungen zu refinanzieren. Denn Anstaltslast und Gewährträgerhaftung sollten bald wegfallen.

Die Glückshaut der HSH

Das Ziel einer hohen Rendite vor Augen, begann die HSH auf ihrem Weg zum Kapitalmarkt nun, dieses „Gold“ in immer neue „Produkte“ einzutauschen und handelte dabei mit ähnlicher Fortune wie Hans im Glück. „Ich muss in einer Glückshaut geboren sein“, rief der, als er seine gut gemästete Gans gegen einen alten Wetzstein getauscht hatte. So frohlockten wohl auch die Manager und Vorstände der HSH Nordbank, die, einmal aus der staatlichen Obhut befreit, nun „dynamisch“ wie private Investmentbanker schafften.

Heute steht die HSH da, wie Hans zum Ausklang des Märchens. Nur, dass sich die Nordbank darüber gar nicht freuen kann. Erst recht nicht die Steuerzahler. „Der Vorstand der HSH Nordbank hat beschlossen, das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Stabilisierung des Finanzmarktes teilweise zu nutzen“, teilte man im November 2008 mit. „Danach wird die HSH Nordbank bei der Finanzmarktstabilisierungsanstalt einen Garantierahmen von bis zu 30 Milliarden Euro beantragen. Ein Teil der Garantiesumme dient der Unterstützung des erfolgreichen Geschäftsmodells der Bank.“

Etwas erfolgreich zu nennen, was das Unternehmen zwingt, Garantien in Höhe von 30 Milliarden Euro in Anspruch zu nehmen, dazu hätte wahrscheinlich selbst den Gebrüdern Grimm die Fantasie gefehlt. Nicht so den Verantwortlichen bei der HSH Nordbank. Als die Liquiditätsgarantien aus dem Sonderfonds vereinbart waren, freute sich der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Peiner über „ein klares Signal“, das die Bank stärke und „genügend Flexibilität“ schaffe, „unser Geschäftsmodell weiter zu entwickeln“. Kein Wort davon, eben diese Strategie, für deren Milliardenverluste jetzt die Steuerzahler aufkommen sollen, in Frage zu stellen.

Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?

Was auch daran liegen mag, dass Peiner, seit 2007 Aufsichtsratschef der HSH, den Misserfolg als solchen gar nicht erkennt. Man habe nach der Fusion der beiden Landesbanken „ein Geschäftsmodell entwickelt, das ein großes Volumen von Kreditersatzgeschäften beinhaltete“, so der frühere CDU-Finanzsenator von Hamburg, „ein großes Wertpapier-Portfolio aufgebaut und von den Renditen gut gelebt“.

„Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, ließ Brecht schon seinen Mackie Messer in der Dreigroschenoper sagen. Auf die Frage, „wer hat wann beschlossen, dass sich die Bank auf das hoch riskante Kreditersatzgeschäft einlässt, das in die Krise führte?“, antwortet der Aufsichtsratchef: „Es ist nicht hoch riskant. Es ist ein überwiegend ganz normales Wertpapier-Portfolio, das allerdings in Zeiten einer Finanzmarktkrise erheblichen Wertschwankungen unterliegt.“ Auch hätten es andere Landesbanken „genauso gemacht“.

Ein Wertpapier-Portfolio, das, wie auch Peiner in seiner Verantwortung bekannt gewesen sein müsste, Banken weltweit gleichartig aufbauten, und das zu den jetzigen Milliardenverlusten führte, noch heute als „normal“ zu bezeichnen, ist schon ein Stück aus dem Tollhaus. Denn das ist ja das Fatale: Keiner der hochdotierten Manager hat wahrhaben wollen, dass dieser Handel mit Schrottpapieren ein Nullsummenspiel war, das scheitern musste.

Fragen über Fragen

Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein haben von den hohen Renditen zweifellos profitiert. Die Frage, ob die Eigentümer zu gierig waren, verneint Peiner jedoch. „Weder die Eigentümer noch der Aufsichtsrat haben den Vorstand der Bank zu dem Abschluss besonders risikoreicher Geschäfte mit dem Ziel hoher Renditen ermuntert. Es war die Geschäftspolitik des Vorstands der Bank.“

Hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende Alexander Stuhlmann auf Betriebsversammlungen nicht aber eben dieses neue Geschäftsmodell vor den Beschäftigten damit gerechtfertigt, dass, wenn die Bank diesen Weg hin zu einer höheren Rendite nicht einschlagen würde, das Geldhaus für den Eigentümer, also die Stadt Hamburg, und für die zu gewinnenden Partner an den Kapitalmärkten nicht länger attraktiv sei? Wenn das stimmt, stellt sich wiederum die Frage, warum der Eigentümer sein Geldhaus vorrangig am Renditeziel und nicht am Nutzen für die regionale Wirtschaft gemessen hat?

Fragen über Fragen, die – ebenso wie die trotz schon erwarteter Milliardenverluste vorgenommenen Ausschüttungen an in­stitutionelle Investoren – nach einem Untersuchungsausschuss rufen. Wer sonst könnte die Verantwortlichen für den Milliarden-Gau im Nordwesten stellen? Die Unternehmensberater, die zur Wirtschaftsprüfung in die Bank geschickt wurden, wohl kaum.

In den kommenden Tagen sollen die Länderparlamente ihre Zustimmung zum Rettungspaket geben – sie sollten dies von der Einsetzung eines Untersuchungsausschuss abhängig machen. Es kann keine Lösung sein, dass man, wie jetzt offenbar einige meinen, einfach einen „Schlussstrich“ zieht, indem man den Vorstand der HSH Nordbank austauscht. Der Steuerzahler hat ein Recht darauf, zu erfahren, wer dafür verantwortlich ist, dass jetzt Milliarden zur Rettung einer heruntergewirtschafteten Bank aufgebracht werden müssen.

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