Riss

Eleganz und Härte Julia Schochs Debüt-Band "Der Körper des Salamanders"

Verschwundene Landschaften. Dass sie nicht mehr da sind, ist vielleicht noch das Eindeutigste, was man über die Lebenswelten im Osten sagen kann. Die alten sind abgewickelt. Die neuen blühen nicht wirklich. Und da wo sie die künstliche Blüte der Einkaufsmärkte und Containerfabriken angenommen haben, erkennt man sie meist nicht mehr wieder. Und doch haben die Bilder einer verschwundenen Zeit Macht über die Lebenden. Wie sollte man sonst die jüngste Hausse der Erinnerungsliteratur über die DDR erklären? Dass junge Autoren wie Jakob Hein, Falko Hennig, Jana Hensel oder Jochen Schmidt, oft geradezu mit Gewalt, die alten Bilder wieder aufrufen und das Inventar ihrer Jugend ausbreiten, ist ein Anzeichen neu erwachten Geschichtsbewusstseins. Die Ergebnisse dieser literarischen Identitätssuche sind oft sehr durchwachsen. Doch es drückt sich darin ein Überdruss an der Konformität der Lebensverhältnisse à la West aus. Ein Überdruss, von dem noch nicht ausgemacht ist, worin er münden wird.

In der Reihe dieser jungen SchriftstellerInnen um die 30 nimmt die 1974 geborene Julia Schoch eine Sonderstellung ein. Die, so heißt es in dem Klappentext ihres im letzten Herbst erschienenen Debütbandes Der Körper des Salamanders geheimnisvoll, "in einer Kleinstadt im Nordosten Deutschlands" aufgewachsene Autorin schreibt keine naiven Kindergeschichten. Schoch verschwendet ihre Zeit nicht darauf, zwanghaft Generationen auszurufen. Sie will auch nicht die gute alte DDR wiederhaben. Es ist nicht so, dass sie die Augen vor der tristen Realkulisse verschließt. Ein abgewickeltes Fischkombinat im Donau-Delta, das stinkende Mietshaus in Rumänien, in dem die Nachbarn lieber den Räubern als den Untermietern aus dem Westen helfen. Überall ragen die Ruinen der missglückten Transformation aus Schochs Geschichten. Doch die Geschichte des alten Lichtspielhauses in Cinema Aurora ist noch die deutlichste Metapher für den Sturz ins Niveaulose und ins ökonomische Desaster, den der Osten genommen hat.

Denn Schoch übt sich nicht in einem Neorealismus der Nachwende. Bröckelnde Kulissen wie das alte Kino geben bei dieser Autorin nur den Hintergrund ab. Um sie herum legt sie ein surreal anmutendes Gewebe aus Rätsel und Geheimnis: Ein Pärchen, das in der rumänischen Wohnung seltsame Diagramme an die Wand hängt, auf der Suche nach der "Weltformel". Eine Frau, die in dem Labyrinth der zugewucherten Donaumündung weder das Meer noch die Pelikane zu sehen bekommt, die ihr der ehemalige Kooperativdirektor versprochen hat. Im Traum sieht sie sich in einem Boot mit einem "gesichtslosen Steuermann" sitzen, sie blickt "nach vorn, wo nichts ist". Zwar sitzt in Himmelfahrt die junge Protagonistin, der ihr Vater, ein pensionierter Angehöriger der Grenztruppen, telefonisch seinen Selbstmord ankündigt, gerade vor der Landskarte einer europäischen Metropole und hat "an Zukunft gedacht". Doch das "extreme Misstrauen" gegenüber allen Systemen samt ihren Ideologien, von dem die Autorin, die in Potsdam französische Literatur lehrt, kürzlich in einem Interview gesprochen hat, ist in ihren Geschichten unterschwellig überall präsent.

Mit Der Körper des Salamanders ist Julia Schoch nicht nur ein bemerkenswerter literarischer Einstand geglückt, den man auch ein Jahr nach seinem Erscheinen immer noch mit Gewinn lesen kann. Ihr irritierender Stilmix aus Phantastik und Realismus, aus Eleganz und Härte, aus Traumverlorenheit und Zielstrebigkeit scheint auch besser als das banale Erzählen geeignet, die "Erfahrung eines absoluten Bruchs" zu verarbeiten, auf die sich nun auch die jüngste DDR-"Generation" zunehmend besinnt. Auf jeden Fall ist sie die richtige Haltung für eine Autorin, die um das Artifizielle der Erinnerung weiß. Schon als Kind hatte die Ich-Erzählerin in Der Exot sich vorgestellt, wie sie später einmal in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehren würde. Schon damals hatte sie den Traum der Romantik geträumt, dass diesen fernen Tages vor ihr "die Dinge verzaubert liegen". Doch als die Erzählerin zurückkommt, will diese Verwandlung nicht gelingen. Die Kreuzung heißt Verkehrsknotenpunkt, der Plattenbau ist minzegrün gestrichen. Keine Magie nirgends. Durch die Erinnerungslandschaft geht ein Riss. "Es war nicht das erste Mal, dass ich gezwungen wurde, meine Augen zu schließen. Gleichzeitig war ich aber erleichtert, dass von meiner Geschichte nicht mehr übriggeblieben war als ich selbst." Das Ich ist in die real existierende Geschichte entlassen. Es bleibt, zum Glück, auf sich selbst gestellt. Die Orte der Erinnerung bleiben: verschwundene Landschaften.

Julia Schoch: Der Körper des Salamanders. Erzählungen. Piper-Verlag, München 2001, 174 S., 15,90 E, TB: 7,90 EUR

00:00 22.11.2002

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