Riss im Asphalt

Ausnahmegestalt Kleine Hommage an den wilden Dichter Jörg Fauser, der vor 20 Jahren starb

In seinem epochalen Essay: "Soll die Dichtung das Leben bessern?" schrieb Gottfried Benn: "Wenn wir die letzten hundert Jahre unserer Literatur ansehen, so sehen wir in ihr viele große Männer, aber biedere Gestalten, wie Storm, Fontane, idyllische wie Hesse und Stifter ... bürgerliche wie Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, alles menschlich edle Figuren, alles Ehrenmänner." Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, doch wer könnte behaupten, die Mehrzahl der Vertreter deutscher Hochsprache seien weniger ehrenwert, bürgerlich-bieder, angepasst und grundsolide. Nach den abseitigen Ausnahmegestalten muss man lange suchen, sie werden entweder vom Markt aufgesogen oder verschwinden lautlos in den Ritzen der Ewigkeit, die das Vergessen meint.

Jörg Fauser, im Sommer 1944 in einem kaputten Deutschland, in Frankfurt am Main, geboren, war so eine Ausnahmegestalt. Kein Revolutionär, wie ihn die Autoren Matthias Penzel und Ambros Waibel in ihrer Autobiografie Rebell im Cola-Hinterland nannten, aber ein literarischer Junkie. Ein Unangepasster, der den Stoff seines Schreibens nicht auf den Universitätsbänken und Schreibschulen, sondern in heruntergekommenen Bierpinten, Bordellen und Fixerstuben fand. Fauser wieder lesend, trifft man 20 Jahre nach seinem Tod auf einen Autor, der wie ein Fossil erscheint aus einer anderen Zeit, eine ausgestorbene Spezies. Um so erfreulicher, dass es inzwischen eine sorgfältig editierte Werkausgabe Jörg Fausers gibt, mit der man den Dichter wieder neu entdecken kann.

Fauser unternahm seine ersten Versuche in Prosa Mitte der sechziger Jahre mit der cut-up-Technik, einer Form des automatischen Schreibens und der Montage à la William Burroughs. Sehr bald musste er jedoch erkennen, dass dieser Stil zwar für die Verarbeitung von Drogentrips taugte, jedoch keine für ihn geeignete Form des Erzählens abgab. Bereits in seinem ersten 1982 erschienenen Roman Rohstoff liest man mit einem äußersten Maß an Authenzität, in geradezu sozialrealistischer Tradition, von den tatsächlichen Drogenabstürzen Fausers Alter Ego, Harry Gelb, der sich durch die bundesrepublikanischen Verwehungen der Endsechziger und beginnenden siebziger Jahre schlägt.

In keinem anderen literarischen Text davor oder danach findet sich eine so treffliche Darstellung der 68er Generation als einer orientierungslos verpeilten Masse, die Fauser der Lächerlichkeit preisgibt, ohne dabei seine Figuren zu denunzieren: die Durchgeknallten, die Drogis und Maoisten, die Betriebslinken und Möchtegernrevolutionär-Studenten, die Bürgersöhnchen und Frankfurter Biedermänner, die Kampflesben, Provos und Vorarmeefraktionäre. Sie alle werden in einer plastischen Weise als groteskes Ensemble tragikomischer Gestalten aufgeboten. Dank Fauser haben sie die Zeiten literarisch überdauert. Am Ende des Romans wird Harry Gelb alias Jörg Fauser aus einer Kneipe geworfen; wieder einmal liegt er am Boden, an einem soundsovielten Ende von einem soundsovielten Anfang : "Ich suchte meine Brille, bis ich feststellte, daß ich sie in der Hand hielt. Ich setzte sie auf. Aus der Nähe sah dieses Pflaster interessant aus, es gab sogar einen Riß, der durch den Asphalt lief, und in dem Riß sproß ein Grashalm. Wenn das so ist, dachte ich, kannst du auch aufstehn."

Das autobiografisch Gefärbte des Romans und der von der literarischen Modekritik oftmals verpönte "authentische Blick" verweben die Erfahrungen des Autors zu einer Textur, in der ein Stück bundesdeutscher Geschichte sichtbar wird. In Rohstoff kann man das Scheitern der westdeutschen Linken als verpassten oder zu späten Aufbruch aus der Kriegsgewinn-Gesellschaft nachlesen und zwar ohne Larmoyanz und Bedauern, sondern mit der bissigen Komik und dem Quantum Wut, dessen es bedarf, die Wirklichkeit schreibend zu durchdringen.

Fausers ein Jahr nach Rohstoff veröffentlichter Roman Der Schneemann, zugleich sein erfolgreichstes Buch, ist oft als Krimi bezeichnet worden. Welch´ ein Irrtum. Es ist vielmehr eine brillante Persiflage auf das Genre des Kriminalgeschichte. Der Protagonist Blum, ein Kleinkrimineller, versucht auf Malta eine Kiste Dänenpornos zu verkaufen. Wenig später steigt Blum durch einen unerwarteten Schließfachfund ins Münchner und Frankfurter Kokaingeschäft ein, die skurrilen Verwicklungen beim Verkauf der Ware sind ebenso programmiert wie die Geschichte eines Verlierers, deren subversiver Witz und die ironische Überzeichnung gängiger Stilmittel des Kriminalromans den Schneemann zu einem kleinen Meisterwerk machen.

Neben den Romanen, erzählenden Texten und Reportagen gehören die Gedichte, vor allem die erstmals in der Sammlung Trotzki, Goethe und das Glück 1979 erstmals erschienen, zum Glutkern des Fauserschen Werkes. In ihnen findet sich die deutsche Beatlyrik, ein insgesamt armseliges Pflänzchen, auf ihrem kurzen Höhepunkt: "Abwarten. Gelassen bleiben. Roth/hatte es schwerer. Träume. Zigaretten./Gasträume. Laster draußen, Bäume im Regen,/Presslufthämmer. Auch Stehausschänke./CSU in jedem Briefkasten. Keine Münze,/ auch keine Gefühle. November./Vorstellung: Gefrierfachproduzent sein/ oder Disc-Jockey, Stadtrat,/statt dessen lieber/November, Stehausschänke, Gedichte." Beeinflusst von den Texten des als "really fucked up" stilisierten Außenseiters Charles Bukowski brauchte Fauser eine gewisse Zeit, seinen eigenen lyrischen Ton zu finden. Der klingt so als würde Mainhattan zu Chicago gehören: windige Stadt, gefährliche Tangente. Und immer wieder das Milieu der kleinen Leute, Penner, Prostituierten, das ihn magisch anzog, die Verwandtschaft zu jener deutschen Dumpfheit, die ihn immer wieder in die Spelunken zwischen Frankfurt, München und Berlin getrieben hat. Das Saufen war nur ein Grund dafür.

Trotzdem: Dass Fausers Texte nichts von ihrer Frische eingebüßt haben und der Zugang zu seinem Werk nicht primär über akademische Pfade, sondern über den Verstand eines jeden beliebigen Menschen führt, macht ihn fast schon zu einem Klassiker des spät-kapitalistischen Realismus. Ich wage die Voraussage, dass Fausers Romane in wenigen Jahren zur Schullektüre gehören könnten, denn sie erzählen von einer Zeit, die mittlerweile historisch anmutet. Einer Zeit, als das Wort Klassenkampf noch nicht Klassenlotterie meinte und die Grenze noch zwischen Oben und Unten verlief und nicht zwischen Aldi Nord und Aldi Süd. Über dieses Schicksal würde er selbst wohl leise lächeln. Schließlich musste er zu Lebzeiten nicht mit dem Büchnerpreis rechnen. Eine "Selbstauskunft" aus dem Jahr 1986 unterstreicht dies: "Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbandes, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig."

Fausers Realismus kann man in der Nachfolge eines Joseph Roth oder Hans Fallada verorten, er hat mit der Postmoderne so wenig zu tun wie mit verstaubter Traditionsliebe. Seine Texte demonstrieren das: schnelles Tempo, geradlinig, auf den Punkt, wie ein "lucky punch". Sie treffen ins Zentrum und zeigen eine Welt, in dem niemandem mehr von keinem zu helfen ist. Fauser, so altmodisch das klingen mag, ging es noch darum, den Einzelnen in den Prozessen der Gesellschaft ebenso sichtbar zu machen wie die geringen Lebensperspektiven einer Mehrheit, die noch die letzte Chance verliert. Gleichzeitig wollte er aber auch die Möglichkeiten aufzeigen, aus diesen Verhältnissen aufzubrechen.

Fauser hat sie gesehen und beschrieben, die Ja- und Amen-Sager. Die verzweifelt weil kopflos Empörten einer restaurativen Epoche auf den nur kurz brennenden Barrikaden. Die Revolte geht durch den Einzelnen hindurch wie ein gefrorener Sturm, das kann man am Beispiel Jörg Fauser sehen. Da muss einer in seiner literarischen Arbeit nicht nur den Konventionen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft entsagen, sondern auch ihrem Gegenbild, um bei sich selbst anzukommen, um dann doch nur zu erkennen, wie unzulässig der Mensch gebaut ist. So wie es das Verdikt des Dichters Bert Papenfuß ein für alle Mal begreiflich macht: "Die Freiheit wird nicht kommen. Freiheit wird sich ´raus genommen". Das ist der Schlüssel zu den Werken Fausers. Man begebe sich hinein und empfinde die größtmögliche Schonungslosigkeit.

Was würde er heutzutage schreiben, lebte er noch? Kolumnen für Spiegel und Vanity Fair, historische Romane, Drehbücher für die eine oder andere Krimiserie? Wir wissen es nicht, und glücklicherweise ist Fauser dem ganz großen Erfolg knapp entgangen, den Fallen öffentlicher Anerkennung, dem falschen Ruhm. Und alle Versuche, ihn jetzt zur Legende zu dichten, werden genauso kläglich scheitern. An einem Stehimbiss an der Bockenheimer Warte in Frankfurt am Main, den Mantelkragen hochgeschlagen, würde er womöglich auftauchen, für ein paar Biere und ein kurzes Gespräch mit einem der Pegeltrinker, bis er dann für immer in der Dunkelheit einer Nebenstraße verschwände.

Fauser starb in den frühen Morgenstunden des 17. Juli 1987 beim Überqueren der Autobahn nahe München. Es war der Morgen nach seinem 43. Geburtstag. "Man fragte sich, was macht er nachts um vier auf der Autobahn", wunderte sich seinerzeit nicht nur Wolf Wondratschek. Die Exzesse seines literarischen Anti-Helden Harry Gelb haben Jörg Fauser am Ende selbst eingeholt, ein tragisches, aber stringentes Ende einer wohl einzigartigen deutschen Schriftstellerbiografie. So heißt es in einem seiner Gedichte: "ah sagte er/wenn wir in Tanger wären/könnte ich sogar/mit dir sterben/es regnete IG Farben/in Frankfurt/ Main".

Die Werke von Jörg Fauser erscheinen im Berliner Alexander-Verlag.

Tom Schulz, 1970 in der Oberlausitz geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2007 bei SuKuLTur der Gedichtband Hundert Jahre Rütli.


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00:00 20.07.2007

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