Riss in der Idylle

Bosnien-Herzegowina Die fortschreitende Islamisierung von Sarajevo verändert nicht nur das Straßenbild. Die ­Minderheiten fühlen sich ­immer stärker ausgegrenzt

Das Generalkonsulat von Bosnien-Herzegowina in Stuttgart ist längst nicht mehr so überfüllt wie früher. Seit die jugoslawische Föderation in den neunziger Jahren auseinander gefallen ist, sind die über 100 Meter langen Menschenschlangen vor dem Gebäude in der Olgastraße verschwunden. Die Anwärter auf Pässe und Visa verteilen sich nun auf verschiedene Zuständigkeiten.

Ebenfalls neu ist ein anderer Umstand: In den bescheidenen Räumlichkeiten liegen Broschüren aus, die über Zwangsheirat informieren, Kontaktadressen angeben und an die Betroffenen appellieren: „Du musst niemanden heiraten, wenn Du nicht willst!“ Warum liegen diese Flyer ausgerechnet in diesem Konsulat? Was ist in Bosnien und Herzegowina seit der Unabhängigkeit von 1992 geschehen?

Wohl gehörte das Kopftuch schon immer zum kulturellen Accessoire der muslimischen Frauen in diesem Teil Ex-Jugoslawiens. Ebenso wie die dimije, die weit ausladenden Hosen, die Körperkonturen verstecken sollen, das Erscheinungsbild der Bosniakinnen ausmachen können. Erklären lässt sich das historisch: Bei den bosnischen Muslimen handelt es sich um Slawen, die während der Türkenherrschaft islamisiert wurden. Erst unter dem Präsidenten Josip Broz Tito erhielten sie eine nationale Identität zugesprochen, die auf ihrem Glauben basierte.

Aus königlichen Schatullen

In Sarajevo, Zenica und Tuzla, den moslemischen Hochburgen, erobert ein Phänomen die Straßen, das es vor dem Bosnien-Krieg zwischen 1992 und 1995 nicht gab: Frauen, die völlig verschleiert sind und sich nur in Begleitung öffentlich zeigen. Zu erleben ist die Konsequenz einer fortschreitenden Islamisierung, vor der die westliche Welt noch immer die Augen verschließt, wie Kritiker argumentieren. Sarajevo, die Hauptstadt der muslimisch-kroatischen Föderation, gilt mittlerweile als Metropole mit der größten Dichte an Moscheen weltweit, überboten nur von Istanbul. Besonders Saudi-Arabien ist hier engagiert und investiert: Weit über 100 Millionen Dollar sollen die saudischen Wahhabiten, eine radikale Richtung des Islam, seit 1993 in den Bau der Moscheen von Sarajevo gesteckt haben. So entstand das pompöse Areal des Kulturzentrums König Fahd Bin Abd al Aziz Al Saud. Dessen Prunkstück ist die König-Fahd-Moschee, die kein Geringerer als der saudische Prinz Salman eingeweiht hat. Ganz Sarajevo erstrahlte zu diesem Anlass in den grünen Farben des Propheten Mohammed. Einen Preis für die vielen Gaben aus den königlichen Schatullen von Riad gab es gleichfalls: Unter den einheimischen Geistlichen haben zusehends diejenigen das Sagen, die dem Koran streng ergeben und durch die Saudis beeinflussbar sind.

„Der Glaube spielt seit dem Ende des Krieges im Jahr 1995 bei allen Volksgemeinschaften eine größere Rolle“, meint der 26-jährige Mladen Petrović aus Banja Luka in der Republika Srpska. „Es gibt keine Vermischungen mehr zwischen den Ethnien, etwa durch Heirat. Bei allen drei Volksgruppen – Serben, Kroaten und Bosniaken – ist die Religion stark mit nationalistischen Elementen verknüpft.“

Auch, was es mit den immer wieder geleugneten türkischen und arabischen Kämpfern auf sich hat, die während des Krieges an der Seite ihrer bosnisch-muslimischen Glaubensbrüder gestanden haben, kann Petrović sagen. Ja, die gäbe es. „In der Stadt Travnik beim Berg Vlašnić unweit von Sarajevo existiert heute eine Siedlung von 150 bis 200 Häusern, in denen die Mudschaheddin leben. Sie haben als Dank für ihren Beistand die bosnische Staatsbürgerschaft erhalten und viele Muslime radikalisiert.“

Verschleierung und Miniröcke

Was die Lage der Frauen angeht, kennt Petrović beide Seiten: Sowohl Musliminnen, die nach wie vor Miniröcke tragen würden, als auch Mädchen, die von Vater und Brüdern zur Verschleierung gezwungen seien. Auch gäbe es Frauen, die für das Tragen des Kopftuchs von den Wahhabiten bezahlt würden, es käme ganz auf die einzelne Familie an. Grundsätzlich hätten sich muslimische Frauen schon immer in größerer Abhängigkeit von den Männern befunden und seien traditionell sehr viel mehr häuslicher Gewalt ausgesetzt gewesen. Er wisse dies von einem befreundeten Polizisten, der nachts vermehrt alarmiert werde.

Außer den Saudis haben auch andere muslimische Länder Interesse an der Balkanrepublik, wie Serap Çileli, bekannte Buchautorin und Frauenrechtlerin, die sich gegen Zwangsheirat und Ehrenmord engagiert, aus türkischen und arabischen Medien weiß. Sie beobachte, wie islamische Verbände von der Türkei aus gesteuert würden, in Bosnien Präsenz zeigten und sich gezielt in Bildungseinrichtungen als „Wolf im Schafspelz“ einnisteten – etwa die Handlanger des islamischen Predigers Gülen, der in vielen Ländern schon 1.000 Schulen gegründet habe und dem nachgesagt werde, dass unter seinem „pseudo-modernistischen Lack eine islamistische Auffassung“ (Serap Çileli) lauere. Nichts sei für die Indoktrination des Nachwuchses geeigneter als Bildungshoheit.

Wenn immer mehr Frauen in Bosnien das Kopftuch tragen oder sich gar verschleiern, sieht Çileli darin ein „Anzeichen, dass die Rechte der Scharia eingeführt werden sollen“. Dass Bosnien offiziell kein islamischer Staat ist, wie manchmal ins Feld geführt werde, sei kein Argument.

Bittere Bilanz

Die Autorin steht mit ihren Beobachtungen nicht allein. Der italienische Historiker Roberto Morozzo della Rocca hat gemeinsam mit Vinko Puljić, dem Erzbischof von Sarajewo, das Buch Cristiani a Sarajevo als Nachkriegsbilanz vorgelegt. Die so gern vorgezeigte multikulturelle Idylle Sarajevos als Modell des angeblich so toleranten bosnischen Islam bekommt dabei tiefe Risse. Und das wohl nicht zu Unrecht.

Sarajevo ist mittlerweile zu 90 Prozent in muslimischer Hand, der Anteil der Kroaten sank von 60.000 Einwohnern vor dem Krieg auf aktuell 13.000. Landesweit ist der Anteil der kroatischen Volksgruppe an der Gesamtbevölkerung von 17 auf neun Prozent zurückgegangen. Wer auswandert, den zieht es vorrangig in die USA und nach Deutschland. „Den ausländischen Besuchern und der internationalen Gemeinschaft erzählt man: ‚Wir sind offen für das Zusammenleben‘. In Wirklichkeit gibt es keinen Platz dafür. Es befindet sich alles in einer einzigen Hand“, so der Erzbischof von Sarajevo. Angesichts der überwältigenden muslimischen Mehrheit handle es sich vom Prinzip her um eine „ethnische Säuberung“. Es müsse jahrelang auf die Genehmigung für einen Kirchenbau gewartet werden, während in den entlegensten Winkeln der Stadt Moscheen errichtet würden. Es gäbe Vandalismus gegen kirchliches Eigentum, weniger Arbeitsplätze und weniger gesundheitliche Versorgung für Nicht-Muslime. Die Bilanz für die verbliebenen jüdischen, orthodoxen und kroatischen Minderheiten ist in der Tat bitter. Sie sind zusammen mit den Frauen die Verlierer einer beschleunigten Islamisierung.

Menschen bosnischer Herkunft sind bei der Rückkehr in ihre alte Heimat schockiert: „Wie kommt die Burka in mein Land?“, fragt in einem Internetportal die Bosnierin Ivana entsetzt. „Auf einmal sehe ich eine vollkommen verschleierte Frau auf der Straße! In Bosnien! Das ist neu. Wer sind die Menschen, deren Gesichter ich nicht sehen kann?“

Religion in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

Die größten Konfessionsgruppen in Bosnien-Herzegowina bilden bosniakische Muslime (43 Prozent) und Serbisch-Orthodoxe (31 Prozent) sowie Katholiken (17 Prozent).

In Serbien sind Christen, vor allem Orthodoxe, in der Mehrheit. Im Sandschak (Grenzgebiet zu Montenegro) bilden Muslime eine knappe Mehrheit.

Etwa drei Viertel der Bewohner Montenegros sind Serbisch-Orthoxe, daneben existiert die autokephale Kirche Montenegros. Muslime sind mit rund 12 Prozent in der Minderheit.

Ebenfalls von einem eigenen Oberhaupt (autokephal) regiert werden die meisten orthodoxen Christen in Mazedonien, die mit etwa 32 Prozent die größte Gruppe bilden, knapp 17 Prozent sind Muslime. 45 Prozent der Mazedonier machten beim Zensus 2002 keine Angaben oder bezeichneten sich als konfessionslos.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung in Kroatien gehört der römisch-katholischen Kirche an (87 Prozent), Atheisten (5 Prozent), Orthodoxe (4 Prozent) und Muslime (über 1 Prozent) bilden kleine Minderheiten.

In Slowenien bekennen sich knapp 58 Prozent zur Römisch-Katholischen Kirche, je 2 Prozent bezeichnen sich als Muslime bzw. Orthodoxe. Fast ein Viertel hat beim Zensus von 2002 keine Angaben über die Religions-zugehörigkeit gemacht.

Die Mehrheit der Kosovaren sind Muslime (etwa 90 Prozent), 7 Prozent sind Angehörige der serbisch-orthodoxe Kirche, etwa 3 Prozent sind Katholiken.

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18:00 31.07.2010

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