Ritterretter

Kehseite II Auf der nassen Ruderbank unseres Kutters hatte ich mir den Hintern wund gescheuert. Schmutz war durch die Wunden eingedrungen und wollte von innen ...

Auf der nassen Ruderbank unseres Kutters hatte ich mir den Hintern wund gescheuert. Schmutz war durch die Wunden eingedrungen und wollte von innen nun durch die Oberfläche meiner Haut zurück. Ich bekam ein Furunkel nach dem anderen, schwere, sich spannende Beulen. Ihre geographische Lage hinderte mich nicht nur, einen Blick darauf zu werfen, sondern machte auch Sitzen und Laufen unmöglich.

Wie immer in solchen Situationen bevölkerten Hannes Hegens Figuren von nun an das Zimmer. Kaum je hat es erfundene Gestalten gegeben, die mir vertrauter waren. Sie durften ganz nah an mein Krankenbett, sich gegenseitig verfolgen in den Falten der Zudecke. Ein unglaublicher Sturm, mit dunklen Farben gezeichnet, warf sie durch das quadratische Fenster zu mir in das schwanke Zimmer. Nach einem Schiffbruch, der unserem Küstenort zuzeiten der Segel- und Dampfschifffahrt würdig gewesen wäre, retteten sie sich auf mein Kopfkissen. Von dort drangen mir die Gestalten durch Augen, Mund und Nase in den Kopf. Sie räumten in mir auf mit ihren kecken Sprüchen und ihrer Tollkühnheit. Jedes Mal, wenn ich krank war. Sie leiteten Meere und Flüsse in unser Zimmer, das ich tagsüber, wenn mein Bruder in der Schule war, völlig ihnen überließ. Kastelle, Burgen und Schlösser öffneten sie mir, sie nahmen mich mit in den Dogenpalast, in die Katakomben, in Fürstengemächer und geheime Gänge. Kein Erdteil, auf dem wir nicht waren, kein Transportmittel, dem wir uns nicht anvertrauten.

Die Digedags und Ritter Runkel waren für mich Familie. Ihrer Tolldreistigkeit und Verwegenheit konnte ich nicht widerstehen. Ich war ihnen verschworen - und nicht nur ich, sondern auch mein Bruder und meine Mutter. Glaubte ich. Sie sprengten in ihren bunten Gewändern oder in den bläulich schimmernden Rüstungen herbei und nahmen uns einfach mit. Ohne sie konnte sich unser schäbiges Haus, obwohl nah am Meer, keinen Zentimeter fortbewegen. Aber mit ihnen trug es uns fort. Sie waren Weltenbummler unter unserem Dach, immer wieder aufs Neue ersehnte Gäste. Über die wir lachten. Die wir bewunderten.

Das neue Mosaik kam nur ein Mal jeden Monat ins Haus. Viel öfter dagegen und nicht nur im Kranksein glaubte ich, unser Haus im Mosaik zu finden. Dort glänzte es, hatte Zinnen und war vielfach und geheimnisvoll bewohnt. Und wir drei liefen zwischen all den gezeichneten Figuren, lebten und unterschieden uns kaum von ihnen. Die Enge der zweidimensionalen Bilder hatte in uns eine ungeheure Weite aufgetan.

Mein Arsch war eine einzige blühende Landschaft. Ich weiß nicht, wie viele Furunkel als Vulkane auf den beiden Hemisphären zur selben Zeit eitrige Lava spieen, während andere wie unter Asche verloschen. Es dauerte Wochen. Aber das war hinten. Vorn, vor meinen Augen, breiteten sich die Mosaiks von Hannes Hegen.

Die vorgestellten Herrscher und Herrschaftshäuser waren nur Schablonen und Kulissen. Sie entbehrten jeglicher Sicherheit und Dauer. Wie alles Zweidimensionale waren sie ständig vom Umfallen bedroht. Jemand sagte viel später, kein Buch, kein gedrucktes Heft hätte in dem Maß die große Geschichte zu Kindern und Jugendlichen gebracht wie das Mosaik von Hannes Hegen. Und wenn er und seine Mitarbeiter die Zustände in Konstantinopel, in Rom oder Venedig beschrieben und lächerlich machten - meinten sie damit nicht eigentlich unsere lächerlichen Zustände? Mit den Augen der Digedags gesehen ähnelten die Herrschenden einander sehr, ganz gleich, wo sie wutschnaubend drohten, ihre Feinde verbannten und sich gleichzeitig bis auf die Knochen blamierten. Und deshalb kamen Dig, Dag und Digedag auf ihrem Weg um die Welt auch nie zu uns: Sie wären vor Lachen einfach umgekommen.

Mein Kranksein, wie gesagt, dauerte Wochen und meine Mutter pflegte mich mit Händen und Worten. Seit Monaten begann ich vorn ein Mann zu werden, aber das bekam sie nicht zu sehen.

Mein Bruder hatte unterdessen ein paar sehr alte Hefte besorgt, die wir beide noch nicht kannten. Doch die Ritterzeit war mir die liebste. Und darin neben den Unholden das Holde: - Suleika! Den Reiz ihrer märchenhaften Schönheit verbarg sie hinter einem Schleier und in weiten Gewändern. Sie sagte fast nie etwas, wurde verschleppt, gerettet und geheiratet. Aber eben das Gehauchte und Unwirkliche ihrer Erscheinung heizte meine Vorstellungskraft an. Und die Brüste, die Hannes Hegen den Mädchen und Frauen andichtete, muss man einfach gesehen haben. Zwei schlichte Linien ließ er auf dem Hellblau einer Bluse aufeinander zu schwingen, er ließ sie sich unterm Stoff oder im Dekollete fast vereinigen - fertig war der Busen eines Mädchens. Oder er entwarf mit leichtem Schwung zwei fünfachtel Kreise nebeneinander, und schon bebten vor meinen Augen auf dem Papier zwei volle Brüste, wie ich sie mir verführerischer kaum denken konnte.

Als der Frühling endete und der Sommer begann, war ich wieder gesund. Die Mosaiks lagen in hohen Stapeln in einer Ecke. Draußen kühlte der Wind meinem Hintern die letzten Schmerzen.

Dirk Werner, 1961 in Gera geboren, lebt als Filmvorführer und Autor in Esslingen/Neckar.


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00:00 15.06.2007

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