Rituale

Linksbündig Vom Affront über das Ungeschick hin zum Tabubruch: Was schlechtes Benehmen alles bedeuten kann

Wenn der bulgarische Patriarch die Arme des Papstes aus Rom, die ihn gefühlvoll umfassen wollen, abwehrt, und das Ganze vor laufender Kamera, dann ist das kein schlechtes Benehmen im eigentlichen Sinne, sondern bedeutet etwas. In diesem Fall: Affront. Der Patriarch wollte sich ganz offensichtlich in gewisser Weise unversöhnlich, um nicht zu sagen, beleidigt zeigen. Persönlich ist das nicht gemeint. Der Affront bringt etwas zum Ausdruck, das anders kaum artikuliert wird. Wozu "schlechtes Benehmen" nicht alles gut sein kann.
In anderer Beziehung schwer tat sich Bundeskanzler Schröder bei der Begrüßung von Präsident George W. Bush. Schröder wollte Bush auf keinen Fall beleidigen, sondern ganz im Gegenteil, diesen besonders herzlich begrüßen, sozusagen in vorauseilender Wiedergutmachung für die Proteste, die den amerikanischen Präsidenten noch erwarteten. Nur wie zeigt man diese Herzlichkeit? Der bloße Händedruck reicht da natürlich nicht, aber küssen, umarmen und herzen? Das macht der amerikanische Präsident nicht so ganz mit. Ihm liegt eher das männliche Sich-auf-die Schulter-Klopfen. Vor laufender Kamera versuchten sich Kanzler und Präsident also vollkommen asynchron kurz hintereinander an verschiedenen Begrüßungsritualen, die jedem Fernsehzuschauer in der Wiederholung anschaulich vor Augen führten, dass trotz anderslautender Beteuerungen hier Welten zwischen den Repräsentanten liegen. Eine gemeinsame Körpersprache hat man jedenfalls nicht.
Die beiden missglückten Begrüßungsgesten sind lediglich kleine Beispiele absichtlicher und unabsichtlicher Benimmverstöße, die die Medienwelt in den letzten Wochen zeigte. Die größte Aufmerksamkeit beansprucht nämlich derzeit das "schlechte Benehmen" einer kleinen Partei, die früher mal, noch in der alten Bundesrepublik, das sogenannte Zünglein an der Waage war und sich in dieser schönen Mittelrolle länger an der Regierung hielt als jede andere Partei. Seit das nicht mehr der Fall ist, leidet sie unter Aufmerksamkeitsdefizit. Nun endlich hat sie ein Gegenrezept gefunden: eben den Benimmverstoß. Und kann ihren Erfolg damit selbst kaum glauben.
Die Umgebung sieht sich bei solchen Fällen immer vor die gleiche Schwierigkeit gestellt: geht man auf die Provokationen ein, verhilft man dem Provokateur zu seinem eigentlichen Ziel, der allgemeinen Aufmerksamkeit. Übergeht man die Provokationen mit Missachtung, läuft man Gefahr, dass das Schweigen als Zustimmung ausgelegt wird.
In ihrer vorgeschriebenen Formalität haben die Begrüßungsrituale, die wir in der Kindheit noch gelernt haben, die Jungs den Diener, die Mädels den Knicks, ihren Sinn verloren. Was sie ausdrückten, Ehrerbietung, Demut, war den tatsächlichen Beziehungen nicht mehr angemessen. Statt dessen versucht man heute, authentisch zu sein - und hofft, dass das Gegenüber den gleichen authentischen Weg wählt, damit man nicht die Wange hinhält, wo der andere seine Hand ausstreckt.
Als "Emanzipation" gegenüber überkommenen Tabus versucht auch Möllemann, seine Israelkritik zu verkaufen. Selbst gegen den vermeintlichen "Mainstream" gesetzte Aussagen können jedoch zu Formeln und Phrasen gefrieren, die dann auf einmal das Gegenteil bedeuten. So haben wir gelernt, hinter Sätzen wie "Ich habe nichts gegen Eskimos, einige meiner besten Freunde sind Eskimos", die schlimmsten Feinde der Eskimos zu erkennen. Wenn jemand für sich behauptet, Tabus zu durchbrechen, rennt er in der Regel offene Türen ein (was Möllemann indirekt beweist, wenn er von der großen Zustimmung spricht, die er auf seine Israelkritik hin erfahren habe). Der stereotyp wiederholte Satz "es muss doch erlaubt sein, Israel zu kritisieren", kann in diesem Zusammenhang nur heißen, dass der Redner die Gründe, weshalb das nicht so einfach ist, schlicht verschweigt. Die Ausrede schließlich, dass der durch die verlautbarten Äußerungen erregte Verdacht, antisemitisch, rechtspopulistisch, was auch immer zu sein, für "die, die mich gut kennen" natürlich gegenstandslos sei, kann nur den Verdacht nähren, dass sich da einer vielleicht am Ende selbst nicht kennt.
Da bei so viel vorhandenem Subtext, so vielen Äußerungen, die zugleich ihr Gegenteil bedeuten, eine differenzierte Diskussion kaum mehr möglich scheint, sollten vielleicht zumindest die Medien hier zu einem bewährten Mittel des schlechten Benehmens greifen: Die kalte Schulter zeigen.

00:00 31.05.2002

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