Robert Redfords Film "Von Löwen und Lämmern"

Kino In Robert Redfords neuer Regiearbeit Von Löwen und Lämmern spielt Tom Cruise die Rolle des jungen Senators Jasper Irving, der sich von einer neuen ...

In Robert Redfords neuer Regiearbeit Von Löwen und Lämmern spielt Tom Cruise die Rolle des jungen Senators Jasper Irving, der sich von einer neuen Militäroffensive in Afghanistan den entscheidenden Karriereschub verspricht. In dieser Sache hat er die altgediente Fernsehjournalistin Janine Roth (Meryl Streep) ins Büro gebeten. Genau eine Stunde lang dauert das Gespräch, das der Film wie gesamte Handlung in Echtzeit verfolgt. Beiden ist klar, dass die unheilige Allianz von Politik und Medien zugunsten aller Beteiligten funktioniert. Irving geht es um die Werbung für einen prekären, weil gefährlichen Schachzug: Kleine und daher schlecht geschützte Gruppen von Soldaten (Platoons) sollen auf schneebedeckten Anhöhen des Hindukusch platziert werden, bevor die Taliban diese Orte unter ihre Kontrolle bekommen. Janine Roth weiß, dass diese exklusiv angebotene Geschichte ihre Position im Sender stärken würde, der seit dem Verkauf an einen profitorientierten Mischkonzern politisch voll auf Regierungslinie ist. Andererseits ist sie schon seit Vietnam - und damit viel zu lange - im Geschäft, um Irvings Gerede von militärischen und patriotischen Notwendigkeiten nicht als waschechte Propaganda zu erkennen. Wird die Journalistin die Kröte des Politikers dennoch schlucken? Zugleich eine zweite Sprechstunde: Der Politologieprofessor und Vietnamveteran Stephen Malley (Robert Redford) hat sich seinen begabtesten Studenten vorgeknöpft. Schließlich zeigt der einst so debattierfreudige Todd unübersehbare Anzeichen von Resignation. Längst begnügt sich der verwöhnte Spross wohlhabender Eltern mit privater Zerstreuung und kann daher auch seine Kommilitonen Ernest und Arian nur belächeln. Die sind von der Universität freiwillig in die Armee gewechselt und nehmen in Afghanistan zur Stunde just an jenem Einsatz teil, den Senator Irving so vehement vertritt. Welchen Preis werden Ernest und Arian - auch ihr Schicksal verfolgt der Zuschauer in parallel montierten Sequenzen von der Front - nun für ihren Einsatz im Feld bezahlen? Und wird der Professor seinen noch unschlüssigen Schützling Todd dazu bewegen, endlich auch Verantwortung zu übernehmen - ganz gleich in welcher Form?

Robert Redford schwärmte jüngst von dem vermeintlich hochpolitischen Drehbuch, das ihn dazu bewegt habe, nach sieben Jahren erstmals wieder auf einem Regiestuhl Platz zu nehmen. Doch hält der Film nicht, was er zunächst verspricht. Er ist eben keine Analyse des Kriegs der Worte, der dem Krieg der Waffen vorangeht. Keine Dekonstruktion der Propagandamaschine, die die Neigungen der Wähler formt und der Bildungseinrichtungen, die eine politische und militärische Intelligenzia überhaupt hervorbringt. Wo steht Robert Redford? "Es gibt viele verschiedene Standpunkte," sagt der Regisseur über seinen Film, "und man muss sie alle respektieren. Ich wünsche mir, dass die Zuschauer auf jeden dieser Handlungsstränge demokratisch reagieren." Demokratie? Davon spricht auch Senator Irving, wenn es um den Sinn des Krieges geht. Respekt? Den hat auch Professor Malley vor dem Fronteinsatz seiner ehemaligen Studenten. Und stellt seine pazifistische Privatmeinung dafür gern zurück. Haben doch Ernest und Arian genau den Arsch in der Hose, den der Professor an Todd so vermisst. Wenn der Afghanistankrieg also bloß vom Desaster im Irak ablenken oder der Karriere von Politikern dienen soll (das sind die eigentlich feigen Lämmer, auf die der Titel anspielt) - Redford zieht das Löwenherz dem Däumchendreher allemal vor. So überrascht es schließlich kaum, dass Ernest und Arian einen Heldentod im Schnee sterben, den Steven Spielberg nie und nimmer so pathetisch inszeniert hätte. Den afghanischen Kämpfern, die bei diesem Gefecht gleich reihenweise ihr Leben lassen, blickt die Kamera nicht einmal ins Gesicht. Dass dem ehemaligen Pferdeflüsterer Redford hier vollends der patriotische Gaul durchgeht, wäre für sich genommen der Rede nicht wert. Ausgerechnet dieser Film wurde aber hierzulande wie ein relevanter politischer Debattenbeitrag vorvermarktet. Vor kurzem noch war Redford zur Diskussion mit Joschka Fischer und dem Historiker Heinrich August Winkler geladen - nur einen kurzen Fußmarsch vom Bendlerblock entfernt, wo sein Hauptdarsteller Tom Cruise gerade den guten Soldaten Stauffenberg mimt und demnächst ein Ehrenmal der Bundeswehr gebaut werden soll. Transatlantischer Nachhilfeunterricht in Sachen Patriotismus. Nun auch auf der großen Leinwand.

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