Rolf Schneider nimmt sich das Thema Einheit vor

Sonntag 1989 Drei Tage nach dem Mauerfall, im "Sonntag" vom 12. November 1989, schreibt der Schriftsteller Rolf Schneider über DDR-Sozialismus und Wiedervereinigung

Nur als sozialistischer Staat, nur als gesellschaftliche Alternative hat die DDR ein Existenzrecht. Alles andere stellt deutsche Zweistaatlichkeit in Frage. Diese Gewissheit prägt schon vor dem 40. Jahrestag am 7. Oktober 89 und der inneren Erosion des ostdeutschen Staates Essays, Interviews und Artikel von DDR-Philosophen und -Gesellschaftswissenschaftlern. Auch DDR-Spitzenpolitikern sehen die siamesische Verschwisterung von System und Staat, erinnert man sich eines Aufsatzes von Herrmann Axen, im SED-Politbüro Sekretär für internationale Politik, in der theoretischen Zeitschrift Einheit vom Spätsommer 1989. Das bedeutet im Umkehrschluss, als nach dem 9. November 1989 mit der offenen Westgrenze die Frage der deutschen Einheit so auf die Tagesordnung gesetzt wird, bis sie dort ganz oben steht: Wer sich für den Erhalt der DDR einsetzt, wie es Intellektuelle mit dem Aufruf „Für unser Land“ am 26. November 1989 tun (darunter die Schriftsteller Christa Wolf, Volker Braun und Stefan Heym sowie der Regisseur Konrad Weiß), kann das nur sinnvoll vertreten, wenn er zugleich ein alternatives Gesellschaftsmodell erhalten will.

Höhe der Zeit

In dieser Situation veröffentlicht der Sonntag am 12. November 1989 (Nr. 46/89) unter dem Titel Credo Quia Absurdum einen Aufsatz des Schriftstellers Rolf Schneider, der als dezenter wie distinguierter Sozialismus-Kritiker gilt. Nach der Biermann-Ausbürgerung von 1976, die Schneider öffentlich abgelehnt hat, publiziert er in West und Ost, arbeitet als Theaterdramaturg in Nürnberg und Mainz.

Bemerkenswert unverkrampft und ernüchternd bringt der Autor nun im Sonntag eine deutsche Wiedervereinigung ins Gespräch. Er tut dies zu einem Zeitpunkt, da eine aufgewühlte DDR mit Erneuerung und Reform beschäftigt sein und nicht daran glauben will, dass ihre staatliche Existenz verloren gehen könnte.

Von dieser Ausgabe des Sonntag werden die ersten Exemplare in Berlin/Ost wie gewohnt am Freitagmorgen an Kiosken und in Buchläden verkauft. Es ist der 10. November 1989, Tausende kehren um diese Zeit in Sektlaune von ihrer ersten Nacht auf dem Ku-Damm nach Hause zurück. Stunden zuvor wurden die ersten Grenzübergänge von Ost- nach Westberlin geöffnet. Die Mauer ist noch da, aber schon gefallen. Der Pressverband gegen das Ausbluten hat ausgesorgt – die DDR gerät im wahrsten Sinne an ihre Grenzen und läutet ihren Abschied ein.

Ein Glücksfall für den Sonntag 46/89 ausgerechnet jetzt einen Text wie den von Schneider zu haben, der sich auf die Höhe der Zeit schraubt. Prophetie, Vorahnungen, Bestandsaufnahme, ein unverstellter Blick auf die Deutschen in Ost und West, das alles zeichnet diesen Essay aus. Schneider stellt die Frage: Wie seid ihr eingestellt auf die jähe Laune der Geschichte? Auf dieses Geschenk des Himmels, das nicht vom Himmel kommt? Wie wird, wie kann die Politik damit umgehen? Willy Brandt und Egon Bahr werden erwähnt. Letzterer empfindet die europäische Integration, wie sie bis dahin mit der Europäischen Gemeinschaft stattgefunden hat, als eine Art Kontrastprogramm zu jeglichen Einheitsträumen der Deutschen. Was ihn nicht übermäßig zu stören scheint.

Ziellos und abgehoben

Doch es geht Rolf Schneider ebenso um die Frage, in welchem Zustand der DDR-Sozialismus der Einheit entgegen geht. Er schreibt im Blick auf die Verhältnisse in Osteuropa im Herbst 89, besonders die prekäre ökonomische Lage der Sowjetunion: „Die DDR hat mit viel Fleiß und Aufwand dem Modell einer sozialistischen Planwirtschaft die immer noch besten Resultate abgezwungen. Seit zehn Jahren stagniert auch sie, hauptsächlich deswegen laufen ihr die Leute fort. Es ist hohe Zeit, darüber nachzudenken, was Marx denn wollte, als er den Sozialismus als eine freie Assoziation der Produzenten sah ...“
Diese Debatte ist seit mit dem Rücktritt Erich Honeckers am 18. Oktober nicht mehr aufzuhalten. Sie ist offen und kreativ wie nie zuvor in 40 Jahren DDR, aber auch seltsam ziellos, abgehoben, weltfremd. Sie kommt außerdem zu spät, auch wenn sich etwa der Philosoph und Wirtschaftstheoretiker Jürgen Kuczynski schon am 8. Juli 1989 in einem bemerkenswerten Interview mit dem DKP-Blatt Unsere Zeit und dem Marburger Echo dagegen wehrt, von einem Scheitern des Sozialismus zu sprechen, auch wenn Polen und Ungarn längst abgefallen sind.
Kuczynski unterschätzt diese Erosion gewaltig, denn in beiden Ländern ist vorzeichnet, was an Umbruch unausweichlich ist und die DDR um ihre Existenz bringen wird.

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11:00 24.10.2009

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