Rom, Schisse

Villa Massimo Ein Besuch in Deutschlands legendärer Künstler-Akademie, wo Rolf Dieter Brinkmanns „Rom, Blicke“ unvergessen bleibt
Rom, Schisse

Collage: der Freitag, Material: ZVG, iStock

Dass die Möwe bei ihrem Sturzflug mit ihren Krallen einem fast das Haupt streift und eine Ladung ihres Kots mit einem zischenden Knall auf der herrschaftlichen, sonnendurchfluteten Terrasse der Gästewohnung detoniert, das ist dann doch ein etwas brutal-überstürzter Empfang in der ehrwürdigen Künstlerkolonie Villa Massimo. Zumal man sich gerade noch in der entspannten Gewissheit wog, dass man erst nach ein paar Tagen seinen verklärten Blick auf Rom justieren würde. So wie es in Goethes Italienischer Reise gemeißelt ist: „Man kann sich nur in Rom auf Rom vorbereiten.“

Kann es sein, dass der Möwenschiss einen himmlischen Gruß eines einstigen Nachbarn symbolisiert, der vor fast 50 Jahren an diesem Ort notierte, ein „Idiot“ namens „Göthe“ – ja, in dieser herabwürdigenden Schreibweise – habe „jeden kleinen Katzenschiß“ in Rom bewundert? Die Rede ist vom Dichter Rolf Dieter Brinkmann, der als Stipendiat in der „Villa Massimo Schrotti“ ab Oktober 1972 zehn Monate hausen durfte – wie vor und nach ihm namhafte Autoren, darunter Hans Magnus Enzensberger, Sarah Kirsch, Bodo Kirchhoff, Herta Müller, Friedrich C. Delius, Eva Menasse, Uwe Johnson, Hubert Fichte, Terézia Mora oder Andreas Maier.

Wie ein dominanter Hausgeist scheint Brinkmann, an dem sich nach wie vor die irdischen Geister scheiden, durch diese vier Hektar große Anlage herumzuspuken: Er wird verehrt, gehasst oder willentlich vergessen. Der genialisch Verrückte hat so viel geschrieben, tolle, manchmal auch schwache Lyrik, Hörspiele, war Herausgeber amerikanischer Underground-Literatur (Acid) und hat 1968 einen Roman (Keiner weiß mehr) veröffentlicht, von dem sogar der ihm persönlich nicht besonders gewogene Marcel Reich-Ranicki entzückt war.

Aber das Interesse gilt an diesem Ort vor allem Brinkmanns wüster, 1979 posthum erschienener Text-Bild-Collage Rom, Blicke. Den Titel konnte er sich nicht mehr selbst aussuchen, da er 1975 mit 35 Jahren auf dem Weg, ein richtig großer Autor zu werden, in London vom Bus überrollt wurde (dafür war womöglich sein fehlender Blick für den Linksverkehr schuld, den er übrigens auch in Bezug auf die deutsche Gegenwartsliteratur endgültig verloren zu haben schien).

Dieses deutsche Arkadien

Auf 450 Seiten, die in einem anderen Buchformat locker 1.000 ergeben könnten, erstrecken sich Tagebuchaufzeichnungen, überlange Briefe an seine Frau und befreundete Künstlerkollegen, Pilotstudien zu einem Roman und seismografische Notizen, Alltagserkundungen, die kurz gesagt eine verwahrloste und aus seiner Sicht verwüstete Lebenswelt (nicht nur Roms) in den Blick nehmen. Obszön, polemisch, banal, pornografisch, mäandernd, hasserfüllt. Literatur, die auf den ersten Blick keine ist – aber es gerade deshalb vielleicht ist?

„So viel geht mir durch den Sinn, wenn ich an diesen Dichter – so was gab’s damals noch – denke, daß ich es nicht in ein paar Sätze fassen kann“, hat Peter Handke einmal geschrieben. Irgendwie hat er Recht, nach dem Möwenschreck sollte man lieber hinter verschlossener Terrassentür relaxed „den Rhythmus finden“, wie sich der Ex-Stipendiant Hanns-Josef Ortheil in seinem, nun ja, arg betulichen Künstlerroman Rom, Villa Massimo auszudrücken pflegt.

Aus den hohen Fenstern des Hauptgebäudes, eines Neorenaissance-Palästchens, blickt man auf eine Gartenanlage, vollgestellt mit antiken und nicht so alten Statuen („verstümmelte Gestalten!“, ruft Brinkmann aus dem Buch), auf Zypressen, Palmen, Schirmpinien und Akazien. Halsbandsittiche hüpfen in der Luft mit blauen Schwänzchen hin und her.

Das ist sie also, die mit den Mitteln der Architektur und des Gartenbaus verewigte und von Mauern umschlossene Italiensehnsucht der Deutschen, die der jüdische Unternehmer und Mäzen Eduard Arnhold zwischen 1911 und 1915 vollendete und dem preußischen Staat als Schenkung überließ. Jährlich dürfen neun Stipendiaten aus den Bereichen Literatur, Bildende Kunst, Musik und Architektur, ausgestattet mit einem monatlichen Taschengeld von 2500 Euro, hier residieren. Brinkmann konnte mit diesem deutschen Arkadien wenig anfangen, versuchte es mittels Suaden zu zerstören. Unsere Möwe auf dem Villendach scheint seine Meinung zu teilen, sie wird Tage später feierlich eine Taube zerhackt im Eingangsbereich vor dem Portal mit dem imposanten Triumphbogenmotiv ablegen.

Rom ist keine Kneipe ...

Der Schriftsteller Peter Wawerzinek, 1954 in Rostock geboren, war von 2019 bis 2020 Stipendiat der Villa Massimo. Er ist in Rom geblieben und arbeitet derzeit an einem Buch über die Stadt, das 2022 bei Galiani erscheinen soll. Über Rolf Dieter Brinkmann schreibt er in seinem Manuskript:

Was Rom für Rolf Dieter Brinkmann darstellt, ist ungezogen. Die moderne Welt ist eine Mist-Welt. Das Ewige ist für ihn verrottet. Überall nur Bruchstücke, Nippes, Armut. RDB geht davon aus, dass die Literatur tot ist und eine neue geboren wird, auch durch ihn. Er meint, er müsse speien und giften, um dazuzugehören. Die Anstrengungen, böse zu sein, abfällig zu denken, unbedingt anti aufzutreten, verbrauchen viel Papier und vergeuden einen Großteil an guter Energie, die dem Autor abgehen, sinnlos versickern. Ich fühle mich berufen, etwas anderes als RDB zu tun, als gegen Sehenswürdigkeiten, Bewohner, Geschichte und Touristen zu wüten. Rom ist keine Kneipe, über deren Gäste zu schimpfen wäre. Dieser Metropole ist mit Schweigen und Sensibilität allein nur beizukommen. Es braucht die genaue Beobachtung, nicht das Messer. Lesenswert dagegen, was er in Olevano erlebt, einsam wie er ist. Kräftige Bilder. Sensible Beschreibungen zu Ort, Serpentinen, Haus, Kälte, Volk und Umgebung. Und die Nächte, die Stille in ihnen. Er ist still. Ohne sich zu rühren, ohne zu schreiben, zu tippen, hörte er einfach nur hin.“

Warum kommen einem nur immer wieder solche Assoziationen über Brinkmann in den Sinn, über den sein Kollege Jörg Fauser (auch er überfahren) posthum urteilte: „Sicher kein Autor, der einen vom Stuhl riss, aber ehrlich, geschlagen wie wir alle, aber meistens voll da, mit einem Gespür für die versteckte Scheiße ringsum“? Um diesem Gespür nachzugehen, muss man sich nun doch aus dem Eames-Stuhl erheben, der eben noch stumm übers Fischgrätparkett der Gästewohnung glitt.

Benedikt Hipp, Künstler und Rom-Preisträger (das hört man hier lieber als „Stipendiat“) wohnt dort, wo Brinkmann einst wohnte. In der Atelierwohnung Nr. 10, sie ist wie alle anderen 80 Quadratmeter groß und liegt in der „deutschen Reihenhaussiedlung“, wie der interdisziplinäre Haufen liebevoll frotzelt. „Fleckig, groß und leer, nichts für mich zum arbeiten …ich habe das schäbigste hier bekommen“, nölte Brinkmann. Hipp ist zufrieden – und, um das leidige Thema Corona abzuhaken, sagt Hipp (ohne Maske), diese Zeit sei „ein Geschenk, ein intensives Erlebnis“ gewesen, um konzentriert arbeiten zu können. Das sei vielen hier ähnlich ergangen. Und fast hört man aus Hipp Brinkmann sprechen: „Diese pure Stimmung ohne deutsche Fleischberge“ (gemeint sind die Touristen).

Zusammen mit dem Schriftsteller Alexander Schimmelbusch und dem Komponisten Andrej Koroliov bereitet er einen wodkagetränkten Youtube-Talk über Brinkmann vor. Die Lyrikerin Nora Gomringer wird moderieren.

Unerträglich frauenfeindlich

Hipp tippt auf die Fotografien in Rom, Blicke. Eine zeigt den Blick aus der Küche in den Garten, der sich in 50 Jahren natürlich verändert hat, aber nicht gravierend. Hipps Meinung zum Autor hat sich nach der Lektüre erhärtet wie seine Skulpturen, die durch Ascheanflugglasur entstehen: „Brinkmann war kein Misanthrop, er war eine gute Seele, er stand den Menschen einfach zu nahe“. Er steht damit etwas allein da, Schimmelbusch und Korliov urteilen über Rom, Blicke: „fad, monoton“, „keine Selbstironie“, „man kann Bücher auch zuklappen“, „Thomas Bernhard hat mehr Liebe!“. Die sich an diesem Abend ziemlich zurückhaltende Nora Gomringer erinnert lieber an die „terroristische Möwe“.

Auch der Vogel hält sich bei der Abschlussparty der Stipendiaten zurück. Vielleicht sind für ihn trotz Corona doch zu viele Menschen mit dem Weinglas auf dem Platz – und mit einer Meinung zu Brinkmann im Kopf. Der Erdmöbel-Sänger Matthias Berges, der für drei Monate die Dependance Casa Baldi im Bergdörfchen Olevano Romano hüten darf, fand Rom, Blicke schon „in den 80ern, rein optisch und haptisch – nur beim Aufschlagen –, ‚schwierig‘ und hässlich. Wie heute.“ Angekommen als Gast in der Villa Massimo „habe ich mich noch mal ein paar Stunden damit in die Bibliothek gesetzt. Die Miesepetrigkeit und Frauenfeindlichkeit ist unerträglich. Dass Letzteres im Rahmen von Brinkmanns Menschenfeindlichkeit zu verorten ist, macht es ja nicht besser“. Frauenfeindlichkeit heißt bei Brinkmann, zu schreiben: „von Mode-Illustrierten verseuchte gewöhnliche Fotzen“ oder „Frauen mit enormen Gesäßweiten“. Aber Brinkmann würde, wie er es auf Seite 75 tut, vielleicht Berges antworten: „Na, mich bringt das Thema immer in eine rabiate Haltung, angesichts des breiten Herumgewusels, gerade heute wieder als Frauenemanzipation und Soziologie im Schwange. – Arme Frauen, Scheiße, eher könnte man sagen: arme Männer!“

Julia Draganović, die seit 2019 die Villa Massimo leitet, sagt: „Seine sexistischen Ausbrüche und die Reduktion auf das Triebobjekt bleiben natürlich im Gedächtnis. Das ist auch damals nicht in Ordnung gewesen.“ Rom-Preisträgerin Franziska Gerstenberg spricht von einer „unerbittlichen Suche nach Ehrlichkeit“, aber das Buch sei „heute schwer zu verdauen“.

Aber vor allem der Schriftsteller Peter Wawerzinek, der 2019/2020 Stipendiat war, hat sich viele Gedanken zum Dichter gemacht (siehe Kasten), auch diesen: „Brinkmann pisst überall hin. Er scheißt aufs Leben, benimmt sich großkotzig, sucht Rom zu bekleckern. Ein paar schöne Sätze glitzern auch bei RDB aus dem großen Haufen hervor.“ Eine erhellende Metapher: Vielleicht betreibt auch die Terrormöwe letztlich nur das Werk eines Poeten.

Philipp Haibach ist freier Kulturjournalist und lebt in Berlin

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06:00 03.07.2021

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