Rom, Schnitte

Werkschau Der streitbare Autor und Regisseur Pier Paolo Pasolini wird in Berlin umfassend gewürdigt. Und siehe da: Seine Arbeit hat noch erstaunlich viel Kraft
Fabian Tietke | Ausgabe 41/2014 1

Auch 40 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod fasziniert Pier Paolo Pasolini. Das dürfte keine Übertreibung sein, widmen sich doch derzeit in Berlin parallel eine Ausstellung, eine Filmreihe und zahlreiche Veranstaltungen dem italienischen Schriftsteller, Maler, Regisseur und Drehbuchautor. Es gelingt Filmreihe und Ausstellung vor allem dann, die Relevanz Pasolinis für heute zu zeigen, wenn man sie gemeinsam als System von Verweisen begreift: Ausschnitte aus Filmen sind intelligent in die Schau im Martin-Gropius-Bau integriert – in ihrer ganzen, noch immer frappierenden Kraft kann man sie jedoch nur im Kino erleben, im Arsenal. Während in der Filmreihe der Mensch Pasolini hinter den ausgesprochen unterschiedlichen Werken skizzenhaft bleiben muss, widmet sich die Schau im Gropius-Bau auf einer ganzen Etage dem Leben des Künstlers.

Die biografische Struktur der Ausstellung überzeugt, wo die Lebensgeschichte Pasolinis die bewegte italienische Nachkriegsentwicklung durchdringt. Die ersten Räume, die sich dem Umzug Pasolinis nach Rom, dem Tod seines Bruders als Partisan und dem Rauswurf aus der kommunistischen Partei widmen, sind unmittelbar zugänglich. Zugleich etablieren die präsentierten Briefe, Zeichnungen und Bilder des Künstlers und die Artikel über ihn das Bild eines hochintelligenten, sensiblen Intellektuellen, dem Selbstinszenierung, Eitelkeit und die Lust an der Provokation nicht abgingen. Pasolini sollte sein ganzes Leben lang von Kritik, Polemik und Anfeindungen begleitet werden. Nur wenige Räume weiter spottet eine offizielle italienische Wochenschau zu einem seiner Auftritte mit der Mutter bei der Verleihung eines Literaturpreises böse, diese habe wohl endlich verstanden, dass sie den Sohn nicht mehr allein aus dem Haus lassen könne.

Die brutale, spießbürgerliche Moralität einer homophoben Gesellschaft, die aus Kommentaren wie diesem spricht, ist nirgendwo besser in ihrer Absurdität bloßgestellt als in Pasolinis Teorema (am 14. Oktober im Arsenal). Wie weit Pasolini der italienischen Linken seiner Zeit voraus war, lässt sich an seinen Filmen zu Afrika ablesen (13. Oktober).

Immer wieder Alberto Moravia

Pasolinis noch immer unaufgeklärter Ermordung zum Trotz trifft die Darstellung des Künstlers als Opfer von Justiz und Gesellschaft (die sich in der Ausstellung ebenso findet wie in Giuseppe Bertoluccis „Rekonstruktion“ von Pasolinis La Rabbia) in ein sehr großes Tor. Pasolini verdankt seine rückblickende Bedeutung nämlich gerade seiner Freude am Affront und der unverstellten politischen Individualität, die er der von ihm diagnostizierten Entfremdung der Gesellschaft entgegenstellte. Der schwule, streitbare Denker, der die Doppelmoral der katholischen Kirche ebenso angriff wie die Selbstherrlichkeit der Studentenbewegung und die Kleingeistigkeit der kommunistischen Partei, mag sich mit zahlreichen Gegnern konfrontiert gesehen haben – aber damit war er im Italien des Kalten Kriegs auch nicht allein. Wie sehr Pasolini Teil der linken Intelligenzija seines Landes war, wird in der Ausstellung permanent deutlich. Unzählige Briefe, Fotos, Interviews und Wochenschauen zeigen seine Nähe zu Italo Calvino, Elsa Morante, Dacia Maraini und immer wieder zu Alberto Moravia.

Hier hätte man sich gewünscht, dass die Ausstellung die Grafik auf der begleitenden, wunderbaren Webseite (pasoliniroma.com), die Pasolinis Leben und Schaffen in einem Stadtplan der italienischen Hauptstadt erzählt, auch für das Netzwerk intellektueller Zeitgenossen genutzt hätte. Und schließlich wäre es ein schöner Zug gewesen, bei der Berliner Station dieser international konzipierten Schau die Eigenheit der deutschen Rezeption, die der Wagenbach-Verlag über lange Jahre nahezu im Alleingang beförderte, nicht ganz außen vor zu lassen. Neben einer der italienischen Erstausgaben hätte eine Ausgabe des Wagenbach-Verlags spielend Platz gefunden.

Insgesamt sind Ausstellung, Filmreihe und die Veranstaltungen aber eine in dieser Breite seltene Gelegenheit, sich die herausfordernde Figur Pier Paolo Pasolini aus den Splittern von Biografie und Werk zusammenzusetzen. Es lohnt sich noch immer.

Pasolini Roma Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau, bis 5. Januar 2015. Die Retrospektive im Kino Arsenal endet am 17. Oktober 2014, pasoliniroma.com

Parallel erscheinen: eine DVD mit der restaurierten Fassung von Porcile (Filmgalerie 451), die DVD von 12 Dicembre und das Buch Pasolini. Der dissidente Kommunist von Giorgio Galli (beides bei Laika, im Dezember)

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06:00 22.10.2014

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