Roma kämpfen in der Ukraine um Anerkennung: Leben am Ende der Straße

Reisebericht Viele Männer der Roma kämpfen gegen Russland. Sie sind patriotisch – trotz allem. Eine Reise durch ein Land im Ausnahmezustand
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 33/2022

Der Gesang einer Frau trägt über den Verkehrskreisel im Zentrum von Uschhorod hinweg und verklingt über dem Fluss. Träge fließt die Usch vor sich hin, als hätte der nächtliche Fliegeralarm sie nicht aus der Ruhe gebracht. Die Frau singt, bis die blau-gelbe Flagge gehisst ist, Soldaten salutieren. An diesem 28. Juli feiern die Ukrainer zum ersten Mal den „Tag der ukrainischen Staatlichkeit“ als Nationalfeiertag. Das war bis dato ein Gedenktag, den sie seit 2010 gemeinsam mit den Russen begingen. Heute, am 155. Tag des Angriffskriegs Russlands, dient er Präsident Wolodymyr Selenskyj dazu, die Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit der Ukraine zu betonen.

Die erste Nacht der deutschen Delegation in der Ukraine war angespannt: Mehrfach gab es Fliegeralarm. Die meisten Ukrainer ignorieren die Sirenen mittlerweile, sie würden sonst keine Nacht mehr durchschlafen, sagen sie. Mehmet Daimagüler, der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, will sich ein Bild von der Situation der ukrainischen Roma machen – nicht trotz, sondern wegen des Krieges. In der Ukraine leben ungefähr 400.000 Angehörige der romanessprachigen Minderheiten – genaue Daten gibt es nicht –, benachteiligt auf allen gesellschaftlichen Ebenen: Bildung, Gesundheit, Arbeit, Wohnen. 30 Prozent von ihnen wohnen integriert in Städten, meist verleugnen sie ihre Herkunft aus Angst vor Diskriminierung. 70 Prozent leben in ghettoartigen Siedlungen, deren Spektrum von gutbürgerlich, angemessen versorgt, über Armut bis hin zu abgründigen Lebensverhältnissen abseits der Zivilisation reicht.

Deutschland ist das erste Land, das den jahrhundertealten Rassismus gegen Sinti und Roma mit dem Beauftragten konsequent bekämpfen will. Der Rechtsanwalt hat jüdische Nebenkläger in NS-Prozessen, Angehörige der Opfer im NSU-Prozess sowie Sinti und Roma vertreten. Als Sohn türkischer Einwanderer weiß Daimagüler, wie Rassismus sich anfühlt. Anlass für seine erste Auslandsreise sind zahlreiche Zwischenfälle in Deutschland, bei denen ukrainische Roma auf der Flucht nur aufgrund ihres Äußeren schlecht behandelt wurden: willkürlich von Polizei aus dem ICE geholt, Zugang zum Raum für Geflüchtete am Bahnhof verwehrt. Er will die Hintergründe von Binnenflucht innerhalb der Ukraine und in die EU recherchieren. „Wir müssen auf Augenhöhe mit den Menschen reden, nicht über sie“, so seine Überzeugung. Zur Delegation gehört neben Romeo Franz, Sinto und Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament, auch Daniel Strauß, Co-Vorsitzender der Bundesvereinigung der Sinti und Roma und Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg.

Die EU-Hilfe kommt nicht an

Uschhorod mit seinen 120.000 Bürgern liegt in Transkarpatien an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei. Es wird Ungarisch, Ukrainisch, Russisch gesprochen – und Romanes, denn hier sind mindestens 7.000 Roma ansässig. „Dort, wo der Asphalt endet, leben die Roma“, sagt Franz, als eine Straße abrupt in einen Schotterweg mündet: Radwanka, keine zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, neben der Betonfabrik, etwa 3.000 Einwohner. Svetlana Adam, Romni und Leiterin des Vereins der Roma in Transkarpatien, empfängt die Delegation. An den Wänden eine Madonna und Heimatgemälde, eine Fotopinnwand illustriert das Vereinsleben. Neben Adams Schreibtisch stapeln sich Kissen, Decken und Handtücher: 80 Binnenflüchtlinge nutzen derzeit die Vereinsräume als temporäre Notunterkunft, über 800 wurden hier seit Kriegsbeginn schon versorgt. Roma helfen Roma, denn die EU-Hilfen kommen hier nicht an. „Die Fluktuation ist groß, manche sind nach Hause zurückgekehrt oder weiter in die EU geflohen, etwa 1.500 sind bei anderen Roma in Häusern untergekommen“, sagt Adam.

Raisa Biriuchenko – hier mit ihrem Enkel Yaroslav – musste aus Charkiw flüchten

Foto: Alexandra Senfft

Mykola Burlutskyi vertritt Chachimo (Wahrheit), eine NGO für Bildung und Rechtsberatung. Der in Russland geborene Rom ist im Krieg aus Charkiw geflohen und hilft nun anderen Flüchtlingen. Ein charmanter Mann mittleren Alters, leger in Jeans, Pastor der Dreifaltigkeitskirche. Ukrainische Roma sind überwiegend katholisch-orthodox, einige gehören Freikirchen an, wie hier in Radwanka. Burlutskyi will zwischen der Minderheit und der Mehrheit einen Dialog herstellen und den Roma zu ihren Bürgerrechten verhelfen: ein gegenseitiger Lernprozess. Doch davon ist man in der Ukraine noch weit entfernt. Viele Roma besitzen nicht einmal einen Ausweis. „Diskriminierungen sind nur ein Teil des Problems“, sagt er, „wir haben es seit Generationen mit regelmäßiger, oft tödlicher Gewalt gegen Roma zu tun.“

Die vielen Traumata haben bewirkt, dass Roma gegenüber Fremden und Institutionen wenig Vertrauen haben. Mit den deutschen Sinti im Raum sprechen sie freier. Gleichwohl scheint es ein unausgesprochenes Gebot zu geben, nichts Kritisches über die Ukraine zu äußern. Eleonora Kutschar erzählt, wie sie Kinder auf die Schule vorbereitet, um sie vor der Bildungsfalle zu schützen, in der sich viele Eltern befinden. Sie verstehen die Abläufe zur Einschulung nicht, können das teure Schulmaterial nicht bezahlen, kennen ihre Rechte nicht. Wegen einer „informellen Absprache“ unter Uschhorods Regelschulen lässt jede Schule nur maximal fünf Roma zu. Somit gehen sieben von acht Kindern auf segregierte Schulen nur für Roma. „Das Wichtigste für unsere Menschen ist das Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Wiktor Tschovka.

Der 31-jährige Journalist leitet die NGO Patiw (Romanes für Würde). Diese hat von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft eine einmalige Soforthilfe bekommen, um Roma, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebten, jetzt im Krieg notdürftig zu versorgen, insbesondere mit Lebensmitteln und Medikamenten. Im Gemeinschaftsraum des Roma-Vereins erzählen sie von ihrer Kindheit. Die Frauen tragen Kleider, die an die 1970er Jahre erinnern, ihre Hände sind im Schoß gefaltet. Niemand hat sie je nach ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg gefragt, schon gar nicht Deutsche, geschweige denn, dass sie für das Erlittene entschädigt worden wären. Sie wuchsen wohlsituiert mit Haus, Land und Vieh auf. Bis die Nazis kamen und alles zerstörten. Einige wurden von den Eltern getrennt, verloren Angehörige in den Konzentrationslagern, erinnern sich an Vergewaltigungen. Als Fabrikarbeiterinnen, Musiker oder Möbelhändler sind sie durchs Leben gekommen. Die 81-jährige Anna Pavlowa weint, knetet ihr Taschentuch, das Erinnern schmerzt. Die Fliegeralarme erinnern sie an damals. Über eine halbe Million Sinti und Roma fielen der mörderischen Rassenpolitik der Nazi zum Opfer, jahrzehntelang wurden sie nicht als Opfergruppe anerkannt. Mahnmale gibt es in Berlin erst seit 2012 und in Babyn Jar bei Kiew seit 2016.

Etwa 400.000 Roma leben in der Ukraine. Armut prägt oft den Alltag

Foto: Alexandra Senfft

Kein Strom, kein Wasser

Ein Besuch im benachbarten Slum Tel’mana ist bedrückend. Hier gibt es für die 1.000 Bewohner weder fließend Wasser noch Strom. Die aus Beton, Blech, Holz und Lehm gebauten Unterkünfte sowie die Baracke, die als Kirche dient, sind sauber. Es gibt aber keine Müllabfuhr. Abfallberge, um die herum Kinder spielen. „Wie oft schon haben wir den Müll selbst entsorgt, die Verwaltung kümmert sich einfach nicht!“, stöhnt der Stadtrat Myroslav Horvát. Selbst mit Covid habe man die Menschen völlig alleingelassen. Horvát ist einer von zwei Roma im Stadtrat. Er betont, dass die Roma patriotisch empfinden und viele gegen die Russen kämpfen. Stolz zeigt er Fotos von Soldaten. Zu Kriegsbeginn kaperten Roma einen russischen Panzer mit einem Traktor und sind seither Legende. Es gehört zu den gängigen Vorurteilen, dass Roma keine Bürger ihres Landes, sondern Nomaden ohne Loyalität seien.

In Kiew tobt das Leben, als wäre alles normal. Die Denkmäler in der Stadt sind mit Sandsäcken vor Angriffen geschützt. Am Michaelplatz demonstrieren Frauen für das umstrittene Asow-Regiment und für die Lieferung schwerer Waffen. Zur Schau gestellte zerstörte sowjetische und russische Panzer ziehen Besucher an. In der Michaelkirche werden Babys getauft, scheinbare Friedlichkeit. Die Delegation spricht mit Roma-Aktivisten und Regierungsvertretern. Die von der Ukraine verabschiedete Strategie zum Schutz und zur Integration der nationalen Minderheit der Roma ist ein Papiertiger, weitaus schwächer noch als die ebenfalls nicht erfolgreiche Roma-Strategie der EU. Erst müsse der Krieg gewonnen werden, dann könne man den Roma-Plan bearbeiten, heißt es.

Nur 27 Kilometer außerhalb von Kiew, in Irpin, ist das Ausmaß des Krieges zu sehen. Bombenlöcher in den Wohnhäusern zeigen Überreste des Innenlebens: Bücherstapel, Möbel. Die Apotheke ist ausgebrannt, Autos von Kugeln durchsiebt. Wenige Bewohner sind zurückgekehrt, die Fenster dürftig mit Plastik verklebt. Kinder spielen zwischen den Trümmern.

In Lwiw demonstrieren junge Leute für die Freilassung Kriegsgefangener. Die Delegation trifft betagte Romnja, Opfer zweier Kriege. Raisa Biriuchenko ist mit ihrem Sohn und dessen beiden Kindern in einer winzigen Wohnung untergekommen. Ihr Haus in Charkiw ist zerstört. Die Flucht war für die gebrechliche 83-jährige Romni strapaziös. Als Kind floh sie mit ihrer Mutter aus dem Viehwaggon, der sie ins KZ bringen sollten. Die Nazis erschossen ihren Bruder, der das in Brand gesetzte Haus löschen wollte. Auf dem Teppich sitzt ihr Enkel Yaroslav. Er blickt zu Boden, aufmerksam lauschend. Wegen eines Geburtsfehlers – seine Mutter starb bei der Geburt – ist er querschnittsgelähmt. Die zarte alte Dame mit den schönen Gesichtszügen weint: Wie soll es weitergehen? Nach Hause können sie nicht, das Hilfsgeld ist fast aufgezehrt, sagt sie.

Der Antiziganismusbeauftragte sitzt ihr zu Füßen, bekennt sich zur Schuld an den von den Nazis begangenen Verbrechen, nimmt Anteil. Eine längst überfällige Geste der Menschlichkeit. Für Sinti und Roma ist es noch ein weiter Weg zur Gleichberechtigung – nicht nur in der Ukraine.

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