Roman Nr. 2

Porträt 1974 schickt Günter Kunert einen Mann in den Intershop. 2019 kommt er wieder. Eine späte Begegnung

Frau Doktor Merkel habe ihm versichert, für Günter Kunert könne er sie auch eine halbe Stunde warten lassen, sagt Ministerpräsident Daniel Günther. Das erheitert das reichlich grau melierte Publikum in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung in Berlin sichtlich.

Die Story, die die zahlreichen Gäste gleich hören werden, ist gut. „Eine merkwürdige, aber nicht besonders aufregende Geschichte“ nennt Günter Kunert sie bescheiden. Der Schriftsteller und Maler ist schon fast 90, als er in seinem Archiv ein Manuskript findet, das er in den Jahren 1974/75 verfasst hat. Kunert lebte da in der DDR. 1979 ließ sich er sich in der Nähe des schleswig-holsteinischen Itzehoe nieder. Deshalb ist er heute Abend auch hier, um im Gespräch mit dem Autor Ingo Schulze sein neues Buch vorzustellen. Es ist ein Text, den Günter Kunert 45 Jahre lang vergessen hatte.

Mit dem wiedergefundenen Manuskript wandte Kunert sich zunächst an den Verlag, der sein erstes Buch im Westen veröffentlicht hatte. Bei Hanser in München war schon 1963 Kunerts Erinnerung an einen Planeten. Gedichte aus fünfzehn Jahren erschienen.Und 1967 dann auch sein erster und bis vor kurzem einziger Roman. Im Namen der Hüte ist ein Schelmenstück aus dem Ostberliner Nachkrieg. Hanser wollte den neuen alten Roman nicht. Der Göttinger Wallstein Verlag griff zu.

Für Kunert ist Prosa sekundär

Günter Kunerts schriftstellerische Karriere begann in den frühen Jahren der DDR. Sein Debüt, der Gedichtband Wegschilder und Mauerinschriften,erschien 1950. Johannes R. Becher, Texter der DDR-Nationalhymne und Kulturminister, notierte damals: „Aus unserer neuen Wirklichkeit ist ein Dichter erstanden.“ Lyrik sollte bis heute Kunerts bevorzugte Gattung bleiben: „Ich bin ein Lyriker. Ich schreibe primär Gedichte. Was an Prosa erscheint oder was dabei abfällt, ist sekundär“, sagt er.

Mit Brecht war Kunert befreundet, zu einem Roman ihres verstorbenen Mannes schrieb er auf Wunsch Lilly Bechers das Drehbuch. Walter Ulbricht verließ die Premiere vorzeitig. 1948 wurde Kunert SED-Mitglied. Die Niederschlagung des Aufstands vom 17. Juni 1953 und dann der Oktober 56 in Ungarn hinterließen aber bald Zweifel. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Erklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1977 dann der Parteiausschluss und zwei Jahre später die Ausreise. Kunert, dem schon im Arbeiter-und-Bauern-Staat der Luxus ausgedehnter Auslandsaufenthalte zuteilgeworden war, hatte erneut ein Visum bekommen. Im Gepäck: die Katzen Charly, Micky, Anton, Puschel, Bonzo, Bimbo und Clarence. Und das, was er bis dato geschrieben hatte.

In Schleswig-Holstein fühlt sich Kunert zu Hause. Aber Heimat sei das nicht: „Ich bin ein entheimateter Mensch“, sagt er, der 1929 als Sohn einer jüdischen Mutter in Berlin geboren wurde.

„Dafür hat Herr Hitler gesorgt, dass Deutschland für mich eigentlich nicht meine Heimat war. Denn wenn man von einem Vater schlecht behandelt wird, mag man ihn eigentlich nicht so richtig. Und wenn einem das in der Jugend passiert, dann bildet sich das zu einem Trauma aus und man wird eigentlich nirgendwo mehr recht heimisch.“

Die Story, die Kunert in seinem wiedergefundenen Roman erzählt, ist übrigens auch ganz gut. Sie beginnt mit einem Traum: Über der Lektüre des Neuen Deutschland ist der Archäologe Barthold im Gartenstuhleingeschlummert. Der Traum spielt in London während des Krieges – Mitte der 70er hatte Kunert einige Zeit an der Universität von Warwick verbracht. Fliegeralarm. Luftangriff. Im Luftschutzkeller trifft Barthold auf Walter Ulbricht, den Staatsratsvorsitzenden „mit dem grauen Heinzelmännchenbart“. Jetzt will er nur noch aufwachen. Das geschafft, wird’s aber kaum besser für Barthold: In einem alten Schuppen findet seine Frau Margarete Helene einen Büstenhalter. Der müsse Bartholds „erster Frau“, einer gewissen Elfi, gehört haben, folgert sie. Über Bartholds Vermutung – Achtung, Zote! – „Ballon-Leinen“ kann die Gattin gar nicht lachen.

Alles bei Wallace gelernt

Es kommt aber noch schlimmer: Beim Graben findet Margarete Helene Überreste eines Skeletts. Der „schwarze Gedanke: Was hat mein Mann mit seiner ersten Frau getan?“, erläutert Kunert, ist „natürlich auch ein Mittel der Literatur, Interesse und Spannung zu erzeugen“. Da zeige sich der „alte Kriminalromanleser“, der er von Kindheit an gewesen sei: „Ich bin mit Edgar Wallace aufgewachsen.“

Während seine Ehefrau die Knochen beim Gynäkologen zur forensischen Untersuchung hinterlegt, der bald herausfindet, dass sie mitnichten vom Menschen stammen – Schwein! –, resigniert Barthold auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für die Gattin in den Geschäften Ostberlins: „Eigenartig: Auf Regalen stapelte sich Ware, doch meist solche, die man weder suchte noch brauchte, wohingegen die erwünschte durch totales Fehlen allgemeine Aufmerksamkeit hervorrief.“ Das treibt den „Jedermann“, wie Kunert ihn nennt, „der zwischen vielen Gefühlen hin und her schwankt und zerrissen ist, wie es uns eigentlich auch hin und wieder geht“, schließlich in den Intershop.

Der Rest ergibt sich aus der Ausgangslage. Die Ehefrau, die noch nicht weiß, dass es nicht Elfis Knochen sind, die da in ihren Beeten ruhten, ergeht sich in Fantasien darüber, was ihrem Gatten an Strafe blüht, sollte er auffliegen. Der hat viel mehr Angst, für das illegale Tauschen von Ost- in Westgeld belangt zu werden. Das Auftauchen eines Stasi-Mitarbeiters im Heim der Ehegatten macht das nicht besser.

Kunert habe den Roman in einer kulturpolitischen Lage verfasst, sagte sein Lektor Thorsten Ahrend in der Landesvertretung, „in der klar wurde, dass die zunächst erhoffte größere künstlerische Freiheit nach Ulbricht nur eine Chimäre war“. Ulbricht war im Mai 1971 zurückgetreten. Erich Honecker hatte mit Moskauer Rückendeckung praktisch geputscht. „Unzensiert, unlektoriert, geschrieben mit zügelloser Lust, dem Mut der Verzweiflung“, so beschreibt Arendt Die zweite Frau. Man könne an dem Roman ablesen, was in der DDR-Literatur nicht vorkomme.

Das wirft die Frage auf, womit man es bei Kunerts Die zweite Frau eigentlich zu tun hat. Im Gegensatz zum Erstling von 1967 spielt Roman Nummer zwei in der Gegenwart des Verfassers. Er hätte ihn nicht einfach in einem West-Verlag veröffentlichen können, betont Kunert. Denn dann hätte Die zweite Frau genau einen Leser gehabt: Erich Mielke.

„Was soll ich denn im Westen schreiben? Boy loves girl?!“, zitiert Kunert 2001 Stefan Heym in seinem Spiegel-Nachruf. „Decodiert“ habe das geheißen, dass Heym „die Reibefläche DDR“ gebraucht habe, „um überhaupt etwas zu Stande zu bringen“.

Schreiben in der DDR war ein Schreiben, das mit Zensur rechnete. Die Kunst des „Zwischen-den-Zeilen-Schreibens“, wie Leo Strauss das nannte, war gefragt. Die aber muss ihrerseits mit einem Publikum rechnen, das auch lesen kann, was da geschrieben steht.

Wer für die Schublade schreibe, meint der französische Philosoph Jean-Luc Nancy, schreibe gar keine Literatur. Ob Kunert das schert? Wahrscheinlich nicht. Lyrik, sein Hauptgeschäft, habe sowieso kaum Leser. Und so schreibe er für sich selbst. Und: „Es kommt bei einer Geschichte darauf an, dass es interessant ist.“ Da hat er recht.

Info

Die zweite Frau Günter Kunert Wallstein 2019, 204 S., 20 €

06:00 22.02.2019

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