Rondell ohne Mitte

Alltag Ein Rundgang durch die mecklenburgische Kreisstadt Neustrelitz

Die Stadt hat nicht auf uns gewartet. Der rollende Fluss auf der Einfallstraße jedoch nimmt uns fraglos mit, ohne Stau, ohne Stocken, an der Tiergartenstraße scheren wir aus. Ingeborg Voss, meine Stadtführerin, aufgewühlt von Erinnerungen, schon seit wir Berlin verlassen haben, drängt es zum Schloss. Zum Schlosspark, korrigiert sie, denn das Schloss gibt es nicht mehr. Es ist bei Kriegsende ausgebrannt, ein halbes Jahrhundert ist das her. Der Park aber hat sich gehalten, und den kennt Ingeborg, Anfang der zwanziger Jahre hier in Neustrelitz geboren, wie ihre Wohnung. Und sie, die nun seit Jahren in Berlin lebt, freut sich auf das Wiedersehen. Schon eilt sie voraus, überquert die Promenade, beginnt zu präsentieren, ihren Schlosspark, diese schmucke Versaille-Kopie. Sie stellt mir Diana vor und Juno, die hier als Statuen den Park bewohnen, sie führt mich zum Luisentempel, dem kleinen Mausoleum für die preußische Königin, sie zeigt mir die "Seufzerallee", früher ein Schlupftunnel für Liebende, jetzt zurechtgestutzte Hecken in Reih und Glied. Dann zieht sie mich ins prunkvolle Gartenhaus mit den wunderbar restaurierten Sälen: die Orangerie. Einst Gewächshaus für exotische Pflanzen des Fürsten, später, in den zwanziger und dreißiger Jahren, Café und Restaurant, stets gut besucht. Damals war Neustrelitz beliebtes Ausflugsziel, am Wochenende kamen die Berliner mit Sonderzügen, eine gute Stunde dauerte die Fahrt, und schon war man hier am Zierker See, oder eben im Schlosspark, da gab es Konzerte, da wurde getanzt, da war vergnügliches Leben. Heute ist die Orangerie nur mehr zeitweilig geöffnet, für Ausstellungen, denn keine Gaststätte kann sich halten seit der Wende. Immerhin, so tröstet sich Ingeborg, steht der uralte "Kuchenbaum" noch da, den liebt sie, seit sie Kind war, die welkenden Blätter riechen, zerkrümelt man sie, nach süßem Kuchen. Das abgebrannte Schloss aber vermisst sie. Präzise ersteht es in ihrem Kopf, wenn sie davon erzählt, sie, die sonntags so oft mit ihrem Vater hineinging, um im Landesmuseum, das hier untergebracht war, die Schlitten der Prinzessinnen zu bewundern. Und auch an den Brand erinnert sie sich, wahrscheinlich eine Tat der Nazis bei Kriegsende. Als junge Zeichnerin hat sie Tage später Skizzen gemacht vom eingeknickten Turm. Zu Beginn der fünfziger Jahre dann wurde die Brandruine abgerissen. Die junge sozialistische Republik DDR, zu der Neustrelitz jetzt gehörte, setzte andere Prioritäten als den Wiederaufbau eines feudalen Herrschaftsgebäudes.

Auf dem Schlossplatz erwartet uns Petra Nitzsche. Die Bauingenieurin ist hier geboren, lebt hier, möchte hier alt werden. Sie ist aufgewachsen in jenen Aufbauzeiten, als man versuchte, ihrer kleinbürgerlichen Heimatstadt revolutionären Geist zu verpassen und sie weiß noch, wie damals, als das Schloss dann weg war, hier Baracken für die Verwaltung aufgestellt wurden, wie aus der Barockstadt eine "Barackstadt" wurde, so hat man gewitzelt. Sie kann uns auch erklären, wieso aus dem naturwüchsigen Rondell vor dem Hirschtor gepflegter Rasen wurde, und warum auf dem Schlossplatz neuerdings ein Zelt steht, eine Schlosskopie aus weißem Tuch, mit originalgetreu bemalter Fassade.
Das Zeltschloss steht für eine Neustrelitzer Erfolgsgeschichte. Initiiert von einer Hand voll Leuten, die meinten, man müsse etwas tun in dieser Nachwendedepression, man suchte nach einem Event, das die Stadt belebt, das Leute anlockt. Und so entdeckte man Königin Luise wieder. Die "preußische Sissi", die ja schließlich dem Hause Mecklenburg-Strelitz entstammt, die beliebt war, die noch immer populär ist. Mit ihr ließ sich was machen. Man gründete einen Verein, suchte Sponsoren, das Gewerbe machte mit, das Ensemble vom Theater, und schließlich die erst skeptische Stadt. Und so ist es gekommen, dass im Sommer 2001 im Schlosspark wieder Fanfaren geblasen wurden und Pferde mit Kutschen aufgefahren sind, ein Festspiel im Operettengewand, mit Luise als "Königin der Herzen", mit viel Strauss und ein wenig Offenbach, "immer schön am Rand des Schmalzes vorbei", wie Petra zufrieden rapportiert. 30.000 kamen, das Spektakel zu sehen, in diesem Sommer steht es erneut auf dem Plan.
Sonst jedoch lässt der Neustrelitzer Aufbruch auf sich warten. Die Wende hat, wie andernorts auch, zusammen mit der Freiheit die Krise gebracht. Die Stadt hat kaum Industrie, wenig produzierendes Gewerbe, lebte seit eh von Verwaltung und Dienstleistung. Und davon bricht immer mehr weg. Die Landesfinanzschule, die Landespolizeischule, ein Teil des Bundesgrenzschutzes, und - ein herber Verlust - die traditionsreiche Ingenieurschule. Sie alle brachten Kultur und Leben, Geld und Besucher in die Stadt. Heute verzeichnet Neustrelitz eine Arbeitslosigkeit von 21,1 Prozent Und die Neustrelitzer werden immer weniger, um die dreiundzwanzig Tausend leben noch hier, fünftausend weniger als vor der Wende. Das gefällt keinem, der bleibt.
Die Stadt verlassen haben noch andere. Nicht freiwillig sind sie gegangen, nicht als individuelle Glückssucher. Russische Soldaten waren es, die vor sieben Jahren ihre Container bepackten, mit Autoersatzteilen, mit ausgebauten Fenstern und Heizkörpern. Und mit ihren aufgekauften Ladas und Moskvitschs losfuhren, zurück in die Kasernen am Ural. 22.000 Mann mussten gehen. Gekommen waren sie als Sieger rund 40 Jahre vorher, hatten die Stadt besetzt. Hitlers Kasernen im nahen Wald boten den Sowjets damals begehrte Bleibe. Eine Panzergarde-Einheit blieb vor Ort. Mit Offizieren, die Wohnungen brauchten. Mit Männern, vor denen die Frauen Angst hatten.
Ingeborg blieb der Horror einer Vergewaltigung erspart. Sie hatte Glück. Sie arbeitete als Schriftenmalerin bei den Besetzern, malte Plakate in kyrillischer Schrift. Sie hörte einen Offizier Puschkin rezitieren, porträtierte auf heimlichen Wunsch den usbekischen Koch, ein Stück Speck war ihr Lohn. "Ich habe diesen Umbruch, das Kriegende positiv verarbeitet, weil ich nicht Soldaten oder Feinde traf, sondern Menschen", meint sie heute.
In der Stadt jedoch lief die Entwicklung anders, die wurde bald vielfach geteilt, mit "Russengrün" gestrichene Mauern und Zäune markierten die Sperrgebiete. "Hier war auch dicht", sagt Petra immer mal wieder auf unserem Rundgang, und Ingeborg nickt. 20 "militärische Objekte" waren über die Stadt verteilt, 1.400 Hektar Land, rund ein Zehntel des Stadtgebietes besetzt. Auch in den Wäldern stieß man schnell einmal an einen Zaun, an eine Sperre. Truppenübungsplätze waren da, versteckte Lager und Bunker. Und in der ehemaligen Landesirrenanstalt draußen an der Domjüch hatten sich Raketentruppen einquartiert, für Wartung und Bedienung der SS 20, die ständig in den Wäldern verschoben wurden, damit der Feind sie nicht ortete.
Zwei Völker teilten sich Neustrelitz, in der Zahl etwa gleich, im Leben grundverschieden. Und wenn man sich traf, dann meist verordnet. Einzig fürs Tauschgeschäft war man gewillt, sich zu suchen. Die Strelitzer ergatterten im "Russenmagazin" Kaviar und Krimsekt, Ölsardinen und das beliebte Mischka-Konfekt. Umgekehrt nutzten die russischen Offiziersfrauen fleißig die Morgenstunden, um sich im Kaufhaus angelieferte Mangelware zu schnappen, was die werktätigen Strelitzerinnen ärgerte, da sie frühestens am Mittag den Sprung in einen Laden schafften. Und natürlich gab es auch Schwarzhandel, Schnaps und Geld gegen billiges Benzin, gegen Gold und Uhren, das war der Deal. Sonst aber gingen Befreier und Befreite ihre eigenen Wege. Bis die Wiedervereinigung endgültig Trennung brachte, der Abzugsvertrag mit der GUS im Herbst 90 die Scheidung besiegelte.

Wir stehen oben am Glambecker See, Petra präsentiert uns stolz das frisch herausgeputzte Gymnasium Carolinum, die aus Offiziershänden übernommenen Villen. Dann gehen wir weiter zum Markt. Ein weiter Platz, viereckig, leicht schräg an den Hügel angelegt, mit einem Rondell in der Mitte, davon abgehend ein achtstrahliger Straßenstern. Diese spätbarocke Anlage ist einmalig für ganz Deutschland, so weiß Ingeborg zu berichten und zieht uns vor das Ratshaus, vor die Stellwände, die die bewegte Geschichte des Platzes dokumentieren. Lange stand der Platz wunderbar leer. Dann, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde das Rondell eingesetzt, in seine Mitte ein Bronzestandbild aufgestellt, der verstorbene Großherzog Georg auf granitenem Sockel. Bepflanzt hat man in den Landesfarben, blauer Flieder, Goldregen, Rotdorn. Nach dem Krieg wurde das Rondell sowjetisches Ehrenmal, mit Soldatengräbern und einem Rotarmisten auf hoher Säule, den Großherzog ließ man verschwinden. Und dann, nach der Wende, hat man die Gräber umgebettet, den Rotarmisten eingelagert, den Granitsockel abgerissen. Nun besitzt der Markt ein Rondell ohne Mitte. Nach langen Debatten um die Neugestaltung hat der Rat schließlich entschieden. Das Rondell soll beseitigt, durch hochstämmige Bäume nur mehr angedeutet werden. Und der Kreisel wird aufgehoben, der Verkehr in einer Spange über den Platz geführt. So gewinnt man die Weite des Platzes zurück. Für den Wochenmarkt, für Feste. Doch die geplante Veränderung will nicht allen gefallen, sorgt weiterhin für Unruhe in der Stadt.
Auch Ingeborg und Petra debattieren, wägen ab, ärgern sich über kaltes Neon und glitschiges Pflaster, ein Junkie döst im Rondell. Und die junge Gymnasiastin, die eilig daherkommt, rückt, nach ihrer Meinung gefragt, sofort damit heraus. Sie will, dass alles so bleibt, wie es ist. Sie haben ihr die Stadt schon so genug kaputt saniert, mit diesen schrecklichen Farben an den Häusern, haben aus ihrer gemütlichen Schule eine Forschungsanstalt gemacht. Für sie geht eh alles zu schnell und sowieso in die falsche Richtung. Und spießig ist es hier, klagt sie, alle Mecklenburger schrecklich borniert, und dieser Luisenkult und die Festspiele, unerträglich. Und die Cleveren gehen alle weg, das ist ja klar, sie auch, nach Südamerika zieht es sie, nach Spanien, so bricht es aus ihr heraus, und schon überquert sie den Platz und biegt in die Schlossstraße ein.
Wir suchen uns einen Weg, vorbei an knatternden Baumaschinen, wir wollen zu Kaffee und Kuchen in die Inselgaststätte direkt am Zierker See. "Hier sieht es aus wie vor 50 Jahren", stellt Ingeborg fest, schaut nachdenklich auf den braungrauen See. "Vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht, was sie planen da oben am Markt", fügt sie später hinzu, "Es braucht das Neue, das sich zum Alten fügt."

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00:00 15.02.2002

Ausgabe 38/2021

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