Rosa ist nur eine Farbe

Pädagogik paradox Die Gesellschaft wird immer gendersensibler, aber in der Kita dominiert das Rollenklischee

Es ist ein schöner warmer Herbsttag, die Sonne scheint – ein perfekter Waldkindergartentag. Amelie* hat ihre Schleich-Pferde mitgebracht und beginnt sofort mit ihren Freundinnen damit zu spielen. Währenddessen drücken sich hinter dem Holzstapel Finn* und Mattis* herum und warten auf den Augenblick, zum Angriff überzugehen. Auf die Frage der Erzieherin, ob sie mitspielen wollen, schütteln sie abwehrend die Köpfe, und als sie wegschaut, stürmen sie unter Geheul hervor und erbeuten die Jacken der Mädchen.

Selbst in alternativen Kindereinrichtungen halten sich die Rollenstereotype von braven, ruhigen Mädchen und wilden Jungs hartnäckig. Bereits in den 2000er Jahren überspülte die pinke Glitzer-Welle, die in den 1980ern angerollt und in den 1990ern Fahrt aufgenommen hatte, das Land und hält es seitdem im Griff. Immer mehr Konzerne sprangen auf den Zug auf und warfen Jungs- und Mädchen-Lego oder Kinderschokolade-Ü-Eier für Mädchen auf den Markt, die Protagonistin Elsa in dem Animationsfilm Die Eiskönigin eroberte Millionen von Mädchenherzen. Gegen Werbung, Marketing und gesellschaftliche Prägung fruchteten auch die Versuche mancher Eltern wenig, ihre Kinder progressiver zu erziehen.

Dabei handelt es sich um eine paradoxe Situation, meint Ines Pohlkamp, Sozialarbeitswissenschaftler:in und Referent:in für Intersektionalität, Geschlecht, Sexualität, Social Justice und Diversität. Während in der Gesellschaft weitere Geschlechter oder sexuelle Orientierungen immer sichtbarer werden und Eltern nun das Geschlecht ihres Kindes im Geburtenregister mit „divers“ angeben können, schiene davon im „normalen“ Kindergarten oder in der Grundschule kaum etwas angekommen zu sein. „Da bin ich regelrecht erschrocken und habe mich gefragt: Ist eigentlich der ganze Diskurs an den Menschen im realen Leben vorbeigelaufen? War das alles zu akademisch, zu abgedreht oder nur in der LSBTQII*-Community verortet?“, so Pohlkamp. „Warum ist das Thema so schwer an die Leute zu bringen?“

Dabei gibt es zu geschlechterbewusster oder -sensibler Pädagogik verschiedenste Literatur, Materialien für Kindergarten und Schule sowie Fortbildungsangebote für Fach- und Lehrkräfte. Bei diesen Ansätzen ist nicht das Ziel, Mädchen zu verbieten, Rosa zu tragen, oder Jungs dazu zu zwingen, einen Puppenwagen zu schieben. Es geht darum, ihnen Möglichkeiten zu eröffnen, sich freier zu entfalten: „Jedes Kind ist individuell und nicht von Grund auf ,ein Junge‘ oder ,ein Mädchen‘ an sich. Bestimmte Fähigkeiten entwickelt es fast wie automatisch, bei anderen muss es angeleitet werden. An dieser Stelle verhindern manchmal gesellschaftliche Vorstellungen in Bezug auf Geschlechtlichkeit Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder“, erklärt Christoph Oppenheimer, Soziologe und Bildungsreferent bei Pro Familia Marburg mit Schwerpunkt Gender und Sexualpädagogik. Genau das gelte es aber aufzubrechen.

Stereotyp und Vorurteil

Schwierig wird es zudem oft gerade dann, wenn Kinder nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. So harmonierte der dreijährige Anias* über eine ganze Zeit von seinem Naturell und seinen Spielvorlieben her eher mit den etwas älteren Mädchen in seinem Kindergarten, die ruhiger, mit Figürchen spielten. Die wollten ihn aber nicht mitspielen lassen – weil er ein Junge war. „Etwas aufgelöst hat sich das erst, als wir das eine Mädchen öfter mal zu uns eingeladen haben und sie sich besser kennenlernten“, erzählt seine Mutter. In solchen Situationen sind aber auch die Pädagog:innen gefragt.

Bei der Umsetzung geschlechtersensibler Erziehung gibt es unterschiedliche Ebenen: „Eine ist die Selbstreflexion: Welche Bilder habe ich im Kopf? Welche Dinge nehme ich als selbstverständlich hin, obwohl sie das gar nicht sind? Wie gehe ich mit diesem Thema im Alltag um, und was transportiere ich mit meinem eigenen Verhalten?“, sagt Oppenheimer. Ein weiterer Schritt sei es, vermeintliche Unterschiede in Vorlieben und Zuordnungen gemeinsam mit den Kindern zu hinterfragen. Etwa ob Farben nicht für alle da sind oder warum die Prinzessinnen in klassischen Märchen eigentlich so passiv sind.

Überhaupt transportieren Bilder- und auch Schulbücher Stereotype, können aber auch umgekehrt helfen, alternative Lebensrealitäten zu vermitteln. „In Schulbüchern wird immer noch die bürgerliche Kleinfamilie vorausgesetzt: heterosexuelle Elternschaft mit ein bis drei Kindern, selten Alleinerziehende oder Patchworkfamilien und keine Erwachsenen ohne Kinder, die sich aber Kindern zuwenden“, beobachtet Ines Pohlkamp. „Es kommen zu wenige Menschen verschiedener Herkunft vor, anderer Hautfarben. Doch hier tut sich etwas in der Bilderbuchlandschaft und auch im Bereich der Jugendbücher.“

Bücher sind für Kinder wichtig beim Vermitteln von Vorbildern oder Mutmachen. Etwa der Protagonist Felix in Kerstin Brichzins Bilderbuch Der Junge im Rock, das rot-weiß gestreifte Schaf Fiete in Miriam Kochs Fiete Anders, das darauf hofft, irgendwo so sein zu dürfen, wie es ist. Oder Teddy Thomas in Jessica Waltons BildergeschichteTeddy Tilly, der schon lange spürt, dass er eigentlich eine Teddybärin ist, und deshalb den Namen wechselt.

Vorbilder sind aber natürlich auch in personae zentral. Immer wieder wird der Ruf nach mehr männlichen Erziehern laut – bundesweit stellen sie nur etwa sieben Prozent der Kita-Fachkräfte, in den ostdeutschen Bundesländern sind es etwas mehr. Pohlkamp findet das falsch: „Das suggeriert, dass Frauen das Problem sind, dabei haben sie ihre Arbeit in allen Bildungsinstanzen jahrzehntelang sehr gut gemacht. Ich fände vielmehr einen Ruf nach einer geschlechtersensibel geschulten Fachkraft wichtig.“ Tim Rohrmann, Professor für Kindheitspädagogik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Kunst in Hildesheim, findet zwar, dass sich die gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft von Frauen und Männern auch im Kita-Alltag widerspiegeln sollte, betont aber, dass Vorbilder nicht immer gleichgeschlechtlich sein müssen. Auch warnt er davor, dass männliche Erzieher wiederum gesellschaftlich männlich konnotierte Tätigkeiten ausführten und sich dabei speziell an Jungs richten. Frauen und Männer sollten vielmehr die gleichen Aufgaben übernehmen: „So erleben Kinder, dass bestimmte Interessen, Fähigkeiten oder Aufgaben nicht an das Geschlecht gebunden sind – ob es nun ums Wickeln geht oder um das Reparieren technischer Geräte“, sagt er.

Verfochten wird seitens der geschlechtersensiblen Pädagogik auch, dass Spielzeug und Materialien allen Kindern zur Verfügung stehen sollen. Doch was tun, wenn diese von Angehörigen eines Geschlechts weniger angenommen werden? „Tierfiguren oder Naturmaterialien in der Bauecke oder körper- und bewegungsorientiertes Malen auf großen Flächen verändern sofort die Nutzung dieser Bereiche“, erzählt Rohrmann. „Wichtig ist aber auch, dass Jungen oder Mädchen unter sich sein können, wenn sie das möchten. Fach- oder Lehrkräfte sollten mit und nicht gegen die Gruppen arbeiten, die Kinder selbst bilden.“ Spätestens ab dem Alter von sechs Jahren seien diese häufiger mal geschlechtshomogen.

Vielfalt kennt kein Alter

Laut dem Kindheitspädagogen Rohrmann ist die Genderthematik in der Erzieher:innenausbildung zwar allgemein in Fachschulcurricula verankert, bleibt aber oftmals eher an der Oberfläche. „Anders sieht es in vielen Studiengängen der Kindheitspädagogik aus – hier hat die Reflexion von Geschlechterthemen oft einen höheren Stellenwert.“ Auch Pohlkamp beobachtet eher individuelles Interesse einzelner Fachkräfte. „Einige Kita-Leitungen wollen (aber auch) Akzeptanz für Vielfalt im Konzept verankern und sind interessiert an Vortrag oder Teamfortbildungen“, sagt sie.

Tatsächlich auf die Fahne schreiben sich die geschlechtersensible Pädagogik in Deutschland bislang nur sehr wenige Einrichtungen. Das hat, wie Pohlkamp meint, mit noch weitverbreiteten Ressentiments in der Gesellschaft zu tun: „In Diskussionen sagen die Leute immer wieder: ,Sie wollen Homosexuelle aus unseren Kindern machen!‘“, berichtet sie. Ein weiterer Vorwurf laute, die Thematisierung von Vielfalt, Geschlecht und Sexualität sei übergriffig und überfordere die Kinder. Doch sich individuell ausprobieren und entwickeln zu dürfen, wie sie möchten, macht Kinder stark. Auch dabei, ganz sie selbst zu sein und anderen toleranter gegenüberzutreten.

Info

* Die Namen der Kinder wurden geändert

Ingrid Wenzl ist freie Autorin und schreibt über Gender-und Wissenschaftsthemen

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06:00 19.10.2020
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