Rose aus Asche

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Erwin Walter Palm

Andre Morgen kommen

Niemand geht wieder nach Hause und
Niemand dreht sich um und sieht
Den Morgen wieder oder den dünnen Rauch
Über den Dächern.

Andre Morgen kommen, aber der nicht.
Überall brennen Feuer in der Frühe, aber
Nicht dieses. Und hinter den Scheiben
Die Frau ist um eine Nacht
Anders.

Hinter jedem Schritt fällt die Zeit wie
Ein Beil. Und wir treiben, Abgeschnittne, hinaus
Ins Offne. Leuchttürme sind
Von Erinnerungen, ferne auf Landzungen
Vor der Küste.

Wir nehmen den Geruch mit von Erde und von
Toten Blumen: wie alle Toten auf die Stunde warten
Wenn der erste Rauch aus den Schornsteinen kommt
Und durch das Kastanienlaub das
Verbrannte Holz riecht.

Merke: alle Dinge bleiben zurück,
Flinten und Angeln und Herd
Und Eimer. Aber Deine eignen Hände sind andre.
So anders wie die von Enkeln oder von Deinem Vater

Wenn Du nach ihnen greifst. Denn niemand
Ist es gegeben noch einmal zurückzugehen,
Niemand noch einmal über die gleiche Schwelle zu gehn,
Selbst einem Kind nicht.

Das hier vorgestellte Poem fand ich in der berühmten, von Walter Höllerer 1956 herausgegebenen Anthologie Transit, dem "Lyrikbuch der Jahrhundertmitte" - ein bislang total übersehenes Exilgedicht. Sein Autor, Erwin Walter Palm, ist sein Leben lang, durch widrige Umstände bedingt, als Dichter nahezu unbekannt geblieben. Als der Student der Klassischen Philologie 1932 zusammen mit seiner späteren Frau, Hilde Domin, Deutschland verließ, um in Rom zu promovieren, als er von dort vor den Faschisten nach England und schließlich in die Dominikanische Republik floh, gab es für einen jungen deutschsprachigen Lyriker jüdischer Herkunft praktisch keine Publikationsmöglichkeit. 1944 ließ Palm auf der Insel Hispaniola einen Zyklus mit streng pathetischen Gedichten unter dem Titel Requiem für die Toten Europas als Privatdruck erscheinen. Der dem ebenfalls emigrierten Indologen Heinrich Zimmer gewidmete Band fand naturgemäß kaum Resonanz.

Es ist ein seltsames Phänomen, dass Palm, der sich auch als Dramatiker versucht hat, just zu der Zeit aufhörte, "Eigenes" zu schreiben, als Hilde Domin - unter wesentlich günstigeren Bedingungen - anfing, mit einfachen Gedichten Erfolg zu haben. Seiner poetischen Stimme beraubt, sah er sich fortan auf das trockenere Feld der Wissenschaft verwiesen. In Santo Domingo wandte er sich der lateinamerikanischen, später auch der spanischen und portugiesischen Kunst zu. Ab 1960 Professor in Heidelberg, beeindruckte der Polyhistor die Studenten nicht nur durch sein phänomenales interdisziplinäres Wissen, sondern ebenso durch die Begeisterung, mit der er stets sprach.

Unvergessen ist Palm auch als kongenialer Übersetzer spanischer und lateinamerikanischer Dichtung. Seine Anthologie Rose aus Asche brachte 1955 den Nachkriegsdeutschen einen ganzen Kontinent unbekannter moderner Literatur nahe. In eigenen Bänden hat er Rafael Alberti und Lope de Vega vorgestellt. Den besonders verehrten Federico Garcia Lorca umfassend zu ertragen, hinderte ihn das Copyright Enrique Becks.

Das vorgestellte Gedicht, das 1939/40 auf der Flucht entstanden ist, verweist vielfältig auf Lorca. So beginnt etwa ein Poem aus Lorcas Dichter in New York mit einem sich wiederholenden "Niemand":

Niemand schläft im Himmel. Niemand, niemand. / Niemand, niemand. / Niemand schläft ..." Auch das Nein zum "Morgen", die Absage an ein Weiterleben wie bisher, ist ein gebräuchliches Eröffnungsmotiv bei Lorca: "Die Rose / auch nicht das Morgenrot, / an ihrem Zweig ..."

Doch hat Palms Gedicht einen ganz eigenständigen, kräftigen Ton, streng in der Absage und hochpathetisch, einen anrührenden, durch die Jahrzehnte unverblassten Rhythmus, der schon auf Ingeborg Bachmanns Gestundete Zeit vorauszudeuten scheint: "Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück ..." Das lyrische Ich, dieser "Niemand" und moderne Odysseus, der illusionslos eine fremde Welt durchschreitet, ist der für immer vertriebene Dichter selbst, ein "Abgeschnittner", der ewige Exilant. Zur Anthologie Transit scheint gerade dieses Gedicht besonders gut zu passen, heißt doch das lateinische Wort "transit" auf deutsch: "er geht hindurch", aber auch: "er geht darüber hinaus". So weist Palms Poem von 1939/40 trotz aller unwiederbringlichen Verluste auch nach vorn, auf die Jahrhundertmitte hin und "darüber hinaus", bis in unsere Gegenwart - durch seine Sprachkraft eines der bedeutendsten, doch am wenigsten bekannten Emigrationsgedichte.

Erwin Walter Palm ist 1910 in Frankfurt am Main geboren und 1988 in Heidelberg gestorben. Das vorgestellte Gedicht stammt aus der Anthologie Transit, Frankfurt am Main, 1956, S. 39 f.

00:00 24.10.2003

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