Rosen für den Doc

Blut, Schweiß und Tränen Gebärende erleben Traumata im Kreißsaal. Ist das Gewalt gegen Frauen?
Rosen für den Doc
Leider lässt sich das Modell nicht immer deckungsgleich auf die Realität übertragen

Foto: Burger/Phanie/Picture Alliance

Lege eine rosafarbene Rose vor die Kreißsaaltür, hinter der Dir Gewalt angetan wurde“, fordert Roses Revolution, eine weltweite Kampagne gegen Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe. Frauen können ihre Geschichten an die Facebook-Seite schicken und anonym am 25. November veröffentlichen lassen, unter #rosrev, #BreaktheSilence und #mylabour.

Gewalt definieren die Aktivistinnen dabei sehr breit. Von Beschimpfungen, Eingriffen ohne Zustimmung bis hin zum Zwang, still zu liegen, ist die Rede. Selbst Unterversorgung mit Hebammen zählt zu „Struktureller Gewalt“. Dabei meint auch die Geburtsbegleiterin Mascha Grieschat, die Roses Revolution in Deutschland betreibt: „Das Problem ist vielschichtig, politisch, sozial-gesellschaftlich brisant, festgefahren, zum Teil verworren, sehr persönlich.“

Seit Jahren beschweren sich Hebammen über schlechte Arbeitsbedingungen. Dazu kommt: Geburten sind Ausnahmesituationen für die Gebärenden, aber Routine für das Klinikpersonal. Auch daraus entstehen Konflikte. Ist es richtig, Vorfälle im Kreißsaal als „Gewalt gegen Frauen“ zu bezeichnen?

Professor Frank Louwen von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hält von der Rosenaktion nichts. „Es ist ungerecht, die Menschen mit ungeklärten Vorwürfen in ein schlechtes Licht zu rücken. Denn gerade Vorwürfe physischer Gewalt sind ja auch strafrechtlich relevant und müssen überprüft werden.“ Stattdessen schlägt er vor, sollten Frauen sich an die Klinikleitungen oder Abteilungen für Patientenzufriedenheit wenden. Aber: Auch Louwen meint, dass verbale Gewalt und Respektlosigkeit im Kreißsaal ein Problem seien. „So etwas darf nicht stattfinden. Denn dahinter steht natürlich auch eine Philosophie.“

Zahlen gibt es nicht

Auch die WHO definiert „Gewalt in der Geburtshilfe“ breit. Seit 2015 gibt es die Aufforderung an Staaten, sich gegen „Respektlosigkeit“ und „Missbrauch“ während der Geburt einzusetzen. Argentinien, Puerto Rico und Venezuela hätten bereits entsprechende Gesetze, heißt es. Zahlen dazu, wie viele Frauen in Deutschland Übergriffe erleben, gibt es nicht. In Gewalt unter der Geburt schätzt die Autorin Christina Mundlos, dass fast die Hälfte aller Gebärenden betroffen ist.

Die Philosophie hinter der Respektlosigkeit im Kreißsaal nennt Kirsten Kemna vom Verein Mother Hood das „Leistungsmärchen“. Frauen machten sich selbst Druck: „konkurrieren um die Dauer der Wehen, die Medikamente während der Entbindung, die Art, wie das Kind zur Welt kommt.“ Dazu komme ökonomischer Druck. „Geburten werden nach Fallpauschalen abgerechnet. Die sind viel zu niedrig, um den Personalaufwand während einer Geburt angemessen zu vergüten“. Kompensiert werde das mit zu vielen Eingriffen. „Wir müssen uns fragen, ob wir eine Messlatte an etwas Natürliches und zugleich Einmaliges wie eine Geburt anlegen wollen“, findet Kemna.

Frank Louwen sähe einen ersten Schritt bereits darin, die Kommunikation zu verbessern. Kosten würde das praktisch nichts. „20 Sekunden“, schätzt er, um einer Frau im Kreißsaal einen Kaiserschnitt oder eine Zangengeburt zu erklären und Risiken, Vorteile und Nachteile kurz darzulegen. „Es ist immer Zeit für Kommunikation.“

06:00 25.11.2018

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