Rostfrei dank Biomilch

Krisenspieler Wie die Einstürzenden Neubauten im Volkspalast die gute Hausmusik, die Musikbranche und den Schlossplatz zugleich retteten

Es ist kalt im Gerippe des Palastes der Republik, dem Volkspalast. Die Geschäftsleitung für Zwischennutzung hatte gewarnt und wärmende Decken versprochen. Aber nun stehen hier tausend Leute jeglichen Alters auf der zwischen den Trägern schwimmenden Betonscholle und denken nicht in Temperaturen. Mein Gott, es gibt noch Menschen in Berlin, die sich anziehen, wenn sie ausgehen! Und am Ende der Scholle, gefasst von den rohen, jeglicher Fasern befreiten Eisenknochen, klöppeln die Einstürzenden Neubauten, frisch wie einst im Mai, ihre einzigartige, eigene Musik, "hell und dunkel" zugleich, wie es Diedrich Diederichsen in einer wohl ersten, etwas hilflosen Besprechung im 80er Jahr formulierte, klöppeln sich ihrem 25. Dienstjubiläum im kommenden Frühjahr entgegen, als einer der wenigen deutschen Beiträge zur lebenden Musik. Hinter den feinen und groben, primitiv-rituellen und komplexen Rhythmen, die heute, dank der Weiterentwicklung der Materialien des Baumarktes, ein wenig biegsamer, geschmeidiger daherkommen als weiland, schaben, summen und brummen die elektronischen Wälle und Wogen hoch und tief, himmlisch und unterirdisch, im Zaum gehalten von den scharfen Gitarren rechts und links der Bühne. Den Text des Abends hatte Blixa Bargeld schon im Jahr 2000 auf Silence is sexy vorausgeahnt, als er vom Businessbeton über dem Bunkerbeton am Potsdamer Platz sang: "Über dem Narbengelände/das langsam verschwindet/so nur Phantomschmerz bleibt/Es dringt kaum hörbar ein fieses Lachen/aus der roten Info-Box/und in den Gräbern wird leise rotiert//Alles nur künftige Ruinen/Material für die nächste Schicht... (Die Befindlichkeit des Landes). "Wir reißen das Stadtschloss schon ab, bevor es wieder aufgebaut wird", hatte Bargeld mit der Presse geschäkert. "Die neuen Tempel haben schon Risse" singt er jetzt, und wir schauen uns um und sehen die Hässlichkeit dieses Palastgerippes und begreifen: Genau so einen Ort brauchen wir hier in Mitte, wo alles sonst manisch gesäubert wird.

Wie zur Manifestation, wie ein Versprechen - abreißen bevor...! - fallen jetzt Chöre ein in die Neubauten-Musik, beidseitig im Schollenraum auf Treppen gestellt, es klingt nach Gesetzesrufen - man kann es bei der Akustik hier drin (das auch noch!) nicht verstehen -, schwer krachen sie auf die Mützchen der Untenzuhörenden. Die Herren Neubauten geben die Einsätze, dass es eine Art hat, und betroffen fragt sich der unkundige Besucher, ob die gereiften Avantgardisten nun auch noch in Musikpädagogik machen. Weit gefehlt und doch nicht ganz daneben. Denn die Neubauten arbeiten nicht nur an neuen Rissen, sie proben auch die Befreiung von der Musikindustrie, deren prophezeiten Untergang Bargeld ungerührt betrachtet. Das Neubauten-Geschäftsmodell, gegossen in das "Grundstücke-Projekt", ist eine seit gut zwei Jahren netzgestützte Subskriptions-Produktions-Vereinbarung zwischen Supportern und den Musikern. Mit 35 Euro - Bargeld lacht - erwerben die Unterstützer nicht nur Genussscheine für eine neue CD/DVD, die nur für sie und nicht im Handel erhältlich sein wird, sie können auch die Erarbeitung des Werkes begleiten, debattierend, Hand anlegend. Und sich an den schönsten Orten der Musik- und Bild-Aufnahme tummeln, eben gar einen Chor der Freundschaft und Dankbarkeit formieren, wie jetzt am letzten und dritten Aufführungsort des Gesamtkunstwerkes, im Volkspalast. Tausende Alpha-Supporter, "zahlende" könnten wir auch sagen, aus wahrhaftig aller Welt, haben sich um das Neubauten-Vorhaben geschart. Wenn auch die Internet-Seite zum Deal mit ihrer Ankündigung von Extras, Geschenken und Schnäppchen including Christmas Dinner für willige Supporter etwas sehr nach den Paketen von Butterfahrt-Veranstaltern klingt, so scheint die Sache doch zu klappen, und am Ende werden 30 Prozent der überschüssigen Tonträger ins Geschäft gelangen.

500 Supporter waren allein in Berlin zugegen. Aus Australien die von ganz fern, welche in großer Sorge vorher angefragt hatten, ob es im Schnitzelland denn unpasteurisierte Milch fü

Dafür ist die Auswahl ihrer Festmusik wunderbar kräftig gewesen. Vor Berlin hatte man mit Alpha-Supportern in der Minoritenkirche zu Krems gearbeitet - da schlichen sich jetzt ganz spröde sakrale Elemente in die Musik aus Bargelds Hals. Und dann hatte man sich im Theatro Valli Reggio Emilia gefunden, und Bargeld wagte ein erstklassiges Belcanto-Intermezzo. Bargeld ist ein prima Sänger geworden durch die Jahre, weit über den alten Sprechstümmel-Gesang hinaus. Vielleicht hat Durstiges Tier gefehlt an diesem Festabend, aber da hätte dann wiederum Lydia Lunch gefehlt. Das Einknicken vor zuviel Frauenzartheit wie vor der Meret aus dem Berliner Becker-Clan wurde uns hier, an diesem Symbolort des zerbröselnden Landes, gnädig erlassen.

Dann Der Schacht von Babel aus Ende Neu (1996): "Wir graben den Schacht von Babel/Zu hoch war bis jetzt unser Aussichtspunkt...wir schachten den Tunnel von Babel/Draußen erreicht das Fest den Höhepunkt/Wir graben den Schacht von Babel." Wir standen im Palast im Schacht. Und gingen in die Knie und gruben.


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00:00 12.11.2004

Ausgabe 38/2020

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