Helge Buttkereit
14.04.2010 | 11:16 2

Rot liegt in der Luft

Interview Der ehemalige Revolutionär Karl-Heinz Dellwo ist unter die Verleger gegangen und baut an einer großen „Bibliothek des Widerstands“

Der Freitag: Was haben Sie mit der Bibliothek des Widerstands vor?

Karl-Heinz Dellwo: Wir veröffentlichen eine Serie von Dokumentarfilmen, die sich mit weltweitem Protest und Widerstand ab Mitte der sechziger Jahre beschäftigt.

Warum Mitte der sechzigerer ­Jahre?

Das hat mit unseren eigenen Erfahrungen zu tun, aber auch damit, dass damals weltweit mit den anti-imperialistischen, den antikolonialen Kämpfen auch die sozialistische Frage in den westlichen Metropolen wieder aktuell wurde.

Aber es gab ja auch vor den 1960er Jahren Widerstand.

Klar. Natürlich wäre es schön, wenn man zeitlich ins 19. Jahrhundert zurück ginge oder auch den Widerstand gegen den National­sozialismus abbildete. Aber das würde uns überfordern. Dann müssten wir nicht die 100, sondern vielleicht die 1000 wichtigsten Filme machen. Das können wir nicht. Wir haben mühsam eine Grundfinanzierung für das Projekt auf die Beine gestellt, und wir mussten uns beschränken. Da ist die historische Zäsur der 1960er Jahre sinnvoll.

Die Bibliothek ist nicht nur eine reine Film-Sammlung. Sie liefern jeweils auch Bücher zum Thema. Warum?

Wir hatten zunächst überlegt, ob wir nur die Filme veröffentlichen sollen, haben dann aber unsere Meinung geändert. Nun kommt jeder Film mit einem Buch, das zwischen 100 und 120 Seiten stark ist. Die Autoren des jeweiligen Bandes versuchen von Heute aus eine Reflexion der damaligen Zeit zu liefern und sich zu überlegen, was ist aus dieser Zeit haltbar? Gibt es etwas, an dem wir heute neu ansetzen können? Mein Kollege Willi Baer, mit dem ich das Projekt hauptsächlich zusammen mache, und ich, haben festgestellt, dass es viele Bücher mit Erinnerungen gibt, aber die authentischen Materialien nur sehr schwer zugänglich sind. Insbesondere gehören dazu Dokumentarfilme, die in der damaligen Zeit entstanden sind. Diese liegen oft nur in Formaten vor, die sich der Einzelne kaum besorgen kann. Da wollen wir eine Möglichkeit schaffen, dass sich jeder die Filme zu günstigen Konditionen beschaffen kann. Und günstig sind die Konditionen auf jeden Fall. Damit steht dann das Material für die heutigen Auseinandersetzung zur Verfügung.

Was ist das Auswahlkriterium für die Filme?

Zunächst einmal ist das zentrale Kriterium, dass die Filme von einem linken, emanzipatorischen Impetus getrieben worden sind. Wir haben Filme dabei, die sich gegenseitig widersprechen. Ich stelle mich beispielsweise gegen jede nationalistische Konzeption, trotzdem muss man sich mit den nationalen Kämpfen in der dritten Welt beschäftigen und ihnen Raum geben. Es gibt da keine einheitliche Linie, sondern die Filme führen gesellschaftliche Konflikte vor Augen. In diesen Konflikten gibt es Protest und Widerstand, der bis zu ganz radikalen Formen wie dem bewaffneten Kampf gehen kann.

Sie haben bei der Buchmesse in Leipzig zunächst drei Bände vorgelegt.

Der erste Band enthält einen Film zum 2. Juni 1967 von Thomas Giefer sowie Der Polizeistaatsbesuch von Roman Brodmann. Zusätzlich ist es uns gelungen, die Nachrichten der Aktuellen Kamera, also des DDR-Fernsehens vom 3. Juni bis zum 11. Juni ausfindig zu machen. Das Material ist auch auf unserer DVD enthalten und zeigt die offizielle Position der DDR zum Mord an Benno Ohnesorg. Aus dem neuen Wissen, dass Kurras auch Stasi-Agent war, versuchen einige Geschichtsumdeuter, die Verantwortung für diesen Mord auf die DDR abzuschieben. Darum geht es den Eliten hier ja immer: Was können wir Schlechtes der politischen Gegenposition zuschieben? Wir haben übrigens auch die Nachrichten des SFB lizenziert, damit man sich die Originalberichterstattung aus dem Westen anschauen kann.

Wie hat die DDR reagiert?

Sie hat den Schuss von Kurras ohne jedes Wenn und Aber verurteilt, als „Polizeimord“, als Resultat des geplanten Notstandstaates interpretiert und hier die Nähe zur APO gesucht – in umfangreichen Bildern über die Protestaktionen oder auch darin, dass sie den Trauerkonvoi unkontrolliert die Grenzübergänge hat passieren lassen, einschließlich der Freiheit für die FDJ ihre Solidarität mit den Jugendlichen im Westen auf der Straße zu äußern. Diese Eindeutigkeit ist auch nachträglich noch beeindruckend.

Im zweiten Band präsentieren zwei Filme über Angela Davis.

Da haben wir einen aus dem Jahr 1972 und einen von 1998 ausgewählt. Schließlich haben wir noch einen ganz aktuellen Film zu den Unruhen in Griechenland veröffentlicht, Schrei im Dezember von Kostas Kolimenos. Die Unruhen sind damals ausgebrochen, nachdem im Dezember 2008 ein Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wurde. Die weiteren Filme sollen monatlich erscheinen, das haben wir uns zumindest als Ziel gesetzt. Wir hoffen, wir können das auch durchhalten. Bei insgesamt 100 Filmen wären das acht Jahre, quasi ein Lebenswerk.

Was den Fall Griechenland angeht, so kam es mir damals so vor, dass es bei den Protesten kaum noch emanzipatorische Inhalte gab, sondern nur noch Zerstörung. Inwieweit würden Sie diese Einschätzung korrigieren?

Der Film korrigiert sie. Da kommen viele Jugendliche zu Wort und sprechen davon, welche Gesellschaft sie sich wünschen. Insofern ist es ein politischer Film, auch wenn Jugendliche das immer auf einfache Art und Weise ausdrücken. Aber ich glaube ohnehin, dass die grundsätzlichen Fragen nur auf eine einfache Art und Weise auszudrücken sind.

Wie meinen Sie das?

Ich meine zum Beispiel Abschaffung von sozialen Ungerechtigkeiten, die Forderung nach Gleichheit im Leben, Verwerfung der Konsumentenkultur. Diese Forderungen werden in der Revolte politisch – und auch die Erkenntnis, die oftmals poetisch auftreten wie „nur Handeln kann die Tränen ersetzen“. In der Kapitalisierung der Welt spüren die Kinder und die Jugendlichen noch, dass es um das eigene Leben geht, um das sie kämpfen müssen. „Jedes Interesse“, heißt es an einer Stelle im Film, „wird manipuliert, jede Bedeutungslosigkeit mit einer Glas­scheibe verdeckt.“ Da entlarvt das Loch in der Scheibe doch nur den Fetisch dahinter.

Der Fall Griechenland ist ja sehr aktuell.

In der Tat. Der Konflikt des Dezembers 2008 war schon hochpolitisch und die Akteure wussten, was kommen wird: eine materielle und soziale Verarmung. Die Krisenkosten der neoliberalen Ökonomie werden auf die Masse der Gesellschaft umgewälzt und dagegen richtet sich diese Revolte. Griechenland trifft es aktuell ganz hart, anderen Ländern steht diese Art des sozialen Entkleidens noch bevor. Hier in Deutschland machen viele die Augen davor zu, weil sie hoffen, dass auf Grund der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands die Krise hauptsächlich bei den anderen zu spüren ist. Es gab aber unter den Jungendlichen in Europa sehr viel Solidarität zur Revolte. Das ging sehr schnell. Ich habe Bilder von Solidaritätsaktionen aus Hamburg und Rom in das Buch aufgenommen. Ich glaube, dass sich viele Jugendliche, auch die gut ausgebildeten, sich in dem wiedererkennen, was in Griechenland passiert. Jeder kann schnell in eine prekäre Lage fallen. Das ist eine zwingende Folge des Neoliberalismus. In der solidarischen Aktion verteidigen sie sich auch selber. Es ist wichtig im Kampf, dass man auch für sich kämpft und das macht mich dann auch optimistisch.

Jeden Monat ein Film mit Buch, das erfordert vermutlich einen großen Vertrieb.

Wir selber können das nicht leisten. Dafür fehlen Finanzen und Apparat, aber auch die Lust. Alle Bücher mit den Filmen sind im Buchhandel erhältlich. Die Sova, die Sozialistische Verlagsauslieferung betreut diesen Weg sehr gut. Was den Online-Vertrieb betrifft, haben wir eine Vertriebskooperation mit der Tageszeitung Junge Welt. Dort kann ein Abo abgeschlossen werden.

Haben Sie einen Lieblingsfilm?

Es gibt davon zu viele. Von den Filmen, die wir dieses Jahr ver­öffentlichen, hat mich besonders die Triologie von Patricio Guzmán

Was ist zu der neuen Gesellschaft in Lateinamerika, beispielsweise zu Venezuela, Bolivien oder den Landlosen in Brasilien geplant?

Es gibt sehr spannende soziale Prozesse in Lateinamerika. Ich hoffe sehr, dass wir sie auch abbilden können. Wir haben Filme aus Mexiko dabei. So wird es auch einen Film zu den Zapatisten geben. Wir machen ja nicht nur Geschichte, sondern wir wollen eine Verbindung zwischen früher und heute herstellen. Es ist nur meistens so, dass die aktuellen Kämpfe noch nicht die Filme haben, die über sie berichten.

Dagegen ist die Geschichte der RAF abgeschlossen und es liegt nahe, Sie zu fragen ob Sie dieses Thema auch in Ihrem Projekt aufnehmen werden. Haben Sie?

Nein. Es gibt sicher gute Filme, die das Aufbruchklima der damaligen Zeit erfassen. Aber ich kenne keinen Film, der die Auseinander­setzungen wiedergibt, aus denen Einzelne und daraus dann auch eine Gruppe, zum bewaffneten Kampf gekommen ist. 1982, ein Beispiel, wurden 54 legale Linke inhaftiert, die für unseren Hungerstreik gegen die Isolationshaft Parolen gesprüht oder Flugblätter verteilt haben. Wenn es die RAF betraf, wurde Solidarität mit den Gefangenen schon als Art „bewaffneter Kampf“ verfolgt. In so einem Terrorklima war der Raum für Filme eng, die sich nicht im Vorgriff schon distanzieren mussten. Ich denke, die Filme müssen erst noch gemacht werden.

Karl-Heinz Dellwo wurde am 11. April 1952 in Opladen geboren. 1971 ging er nach Hamburg, wo er in der Hausbesetzer-Bewegung aktiv wurde und für ein Jahr ins Gefängnis kam. 1974 beteiligte er sich am Hamburger Komitee gegen Isolationsfolter, das sich im Zuge der Proteste gegen die Haftbedingungen der Gefangenen aus der Roten Armee Fraktion gebildet hatte. Dellwo ging selber in den Untergrund, wurde Mitglied der RAF und beteiligte sich 1975 an der Botschaftsbesetzung in Stockholm, mit der die Inhaftierten freigepresst werden sollten. Das Unternehmen scheiterte, die RAF erschoss zwei Botschaftsangehörige, was Dellwo heute bedauert. Er wurde inhaftiert und saß 20 Jahre im Gefängnis. Er beteiligte sich an Hungerstreiks, begann aber auch, die Geschichte der RAF selbstkritisch zu reflektieren, nachdem er bereits 1977 die Entführung der Landshut kritisiert hatte. 1995 kam er frei und spricht seitdem als einer der wenigen ehemaligen RAF-Mitglieder über seine Zeit in der Gruppe. Dabei will er auch heute noch das System radikal in Frage stellen, kritisiert aber ebenso radikal den bewaffneten Kampf. Er arbeitet in einer Computerfirma in Hamburg und als Dokumentarfilmer. Seine Lebensgeschichte hat er im Band Das Projektil sind wir (Edition Nautilus, 2007) den Journalisten Christoph Twickel und Tina Petersen erzählt.

In der Bibliothek des Widerstands, herausgegeben von Laika-Verlag (Hamburg), sind bislang drei Bände bestehend aus DVDs und dazugehörigen Büchern erschienen. So enthält der Band zum 2. Juni 1967 die Filme 2. Juni 1967 und Polizeistaatsbesuch sowie Texte von Karl-Heinz Roth, Uwe Soukoup und Karl-Heinz Dellwo. Band zwei enthält einen deutschen sowie einen US-amerikanischen Film über Angela Davis, dessen einzige Kopie mühsam aus sieben Teilen rekonstruiert werden musste. Der Band zu den Protesten in Griechenland enthält schließlich neben dem Film von Kostas Kolimenos unter anderem, Texte von Heike Schrader und Andreas Blechschmidt. hb

Kommentare (2)

kleinod 15.04.2010 | 22:51

Dieses Interview gibt einer alten Ideologie so ungezähmt Raum, dass ich sprachlos bin, u.a. über so viel blanke Naivität der fragenden Journalistin. Karl Heinz Dellwo glaubt bis heute an die Inhalte der RAF, an die Revolte und den Aufstand und verbreitet seine Ansichten rhetorisch klug wo immer man ihn lässt. Wenn man ihn zu seiner Bibliothek befragt, sollte man auch seine bis heute intakte brutalo-Ideologie hinterfragen. Spätestens bei dem Satz: "In so einem Terrorklima...." hätte die Interviewerin merken müssen, dass hier irgendwie die Werte verkehrt werden, denn mit Terrorklima meint Dellwo hier nicht das durch die RAF verursachte Terrorklima, sondern den Staat. Schult eure Leute, so etwas will man nicht bei Herrn Augstein Junior lesen müssen.

PeterB 17.04.2010 | 22:30

Auch der genannte Artikelschreiber Andreas Blechschmidt hielt neulich den Brandanschlag auf eine Hamburger Polizeiwache für ok. Diese Herren der verklemmen Gewalt sind hauptsächlich Selbstdarsteller und damit geistige Brandstifter für Jüngere, die keine Grenzen kennen. Dellwos Interpretation von Widerstand kommt nie ohne Gewalt aus. Er sei kein Pazifist las man da mal von ihm. Und linke Gewerkschafter werden von ihm schon mal hochnäsig belehrt, dass die Mächtigen ohne Gewalt ihre Herrschaft nicht abgeben werden. Na denn.Dellwo und Blechschmidt haben keine anderen Visionen von Alternativen. Welche Widerstandsbewegeungen ein Dellwo nun in seine Wichtig Hitliste ordnet ist seine Privatsache .Wer sowas mag, bitte. Für eine ernsthafte Diskussion zu Systemalternativen sind die 2 unwichtig.