Extrem fallende Temperaturen

Nuklearer Winter Der Einsatz von Atomwaffen im Ukrainekrieg würde zu weltweiten Kollateralschäden führen
Explodierender Mörser in der ostukrainischen Donbass-Region
Explodierender Mörser in der ostukrainischen Donbass-Region

Foto: Aris Messinis/AFP/Getty Images

Angesichts der Lage in der Ukraine hat sich das Nationale Sicherheitsarchiv, eine US-Nichtregierungsorganisation, zu Wort gemeldet. Sie publizierte eine Reihe von Expertisen aus den 1980er Jahren, die auf Folgen eines „nuklearen Winters“ hinweisen. Damit gemeint sind die Verdunkelung und Abkühlung der Erdatmosphäre als Folge eines Atomkriegs. Dessen Wahrscheinlichkeit möge trotz des Ukrain-Krieges derzeit nicht hoch sein, so die Herausgeber, käme es aber dazu, wären katastrophale Konsequenzen weltweit zu spüren. So prognostizierte die US Defence Nuclear Agency 1984 ein „atmosphärisches Trauma mit ernsthaftem Potenzial für schwerwiegende Auswirkungen“ für Wetter und Klima. Andere Studien verwiesen auf desaströse Schäden für Landwirtschaft und Umwelt. Experten befürchteten, dass selbst regional begrenzte Nuklearkriege ernste globale Effekte haben könnten.

Gemach, gemach, ließe sich einwenden. Erstens existiert der nukleare Winter nur in der Theorie, zweitens haben die beiden Protagonisten eines solchen Szenarios, die USA und Russland, kein Interesse an einem thermonuklearen Konflikt, der die eigene Existenz infrage stellt. Das erste Argument ist zutreffend, denn bislang ist die Welt – glücklicherweise – sowohl von einem umfassenden als auch regionalen Schlagabtausch mit Kernwaffen verschont geblieben. Hiroshima und Nagasaki waren lokale Ereignisse, bei denen die USA jeweils „nur“ eine Atombombe einsetzten. Es starben 136.000 Menschen. Der Praxistest für den nuklearen Winter steht indes noch aus.

Auch das zweite Argument ist zutreffend, wirft aber zwei Fragen auf. Warum droht Moskau mal verklausuliert, mal offen mit Nuklearschlägen? Will es nur die westliche Öffentlichkeit beeinflussen oder die USA bluffen? Oder spielt man mit der Option eines begrenzten, lokalen Einsatzes in der Hoffnung, das Geschehen danach kontrollieren zu können? Damit kommen wir zur zweiten Frage: Wäre eine solche Eskalation überhaupt kontrollierbar angesichts des damit verbundenen politischen Tabubruchs, der schwer vorhersehbaren Reaktionen und Eigendynamiken? Man weiß es nicht.

Vom Ende her denken

Die Debatte über den nuklearen Winter schlief nach dem Ende des Ost-West-Konflikts bald ein. Die Bedrohungslage hatte sich fundamental gewandelt, Europa schien unterwegs zum geeinten Kontinent. Die Risikoformel, basierend auf Intention und Fähigkeiten, hatte sich verändert: Die politischen Absichten galten in den 1990er Jahren als überwiegend friedlich und kooperativ. Die USA und Russland reduzierten ihr nukleares Vermögen, behielten aber bis heute je rund 6.000 strategische und taktische Atomsprengköpfe, die ihnen dank Modernisierung und verringerter Sprengkraft neue Einsatzoptionen verschaffen. Die nuklearen Fähigkeiten sind also immer noch groß, während sich die Intentionen erneut verändert haben: von kooperativ auf konfrontativ.

„Bange machen gilt nicht“ und „Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagen nicht nur Befürworter der nuklearen Abschreckung, sondern auch viele derer, die aus politischen oder moralischen Gründen an der Seite der Ukraine stehen. Sie sollten dann aber auch die Konsequenzen ihres Handelns und Forderns vom möglichen Ende her denken. Man kann nicht einerseits trotz geringer Eintrittswahrscheinlichkeit auf die immensen Gefahren der zivilen Kernenergie verweisen und daraus die Notwendigkeit eines Ausstiegs ableiten und gleichzeitig trotz geringer Eintrittswahrscheinlichkeit die immensen Gefahren einer nuklearen Eskalation mit dem Argument ausblenden, die Ukraine brauche westliche Waffenhilfe bis zum Sieg.

Militärexperten erwarten nach der Lieferung weiter reichender, zielgenauerer Rohrartillerie und neuer Flugabwehrsysteme, besonders aus den USA und Deutschland, eine ukrainische Gegenoffensive, um die russische Armee zurückzudrängen. Spekuliert wird über Siegesszenarien. Wie Präsident Wladimir Putin dann reagiert, weiß niemand. Wir wissen aber: Das Gesetz über den US-Verteidigungshaushalt 2021 enthält den Auftrag, eine Studie über den nuklearen Winter zu verfassen. Das Thema ist nach 30 Jahren wieder auf der Agenda. Hoffentlich nur in der Theorie!

Hans-Georg Ehrhart ist Senior Research Fellow am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden