ROTKOHL ODER BROCCOLI

Berliner Abende Seit frühsten Zeiten sind wir gewarnt. Als Kind hörte ich: "Schau dich nicht um! Der Plumpsack geht rum!" Ich beherzigte diesen Rat. Nie blickte ich ...

Seit frühsten Zeiten sind wir gewarnt. Als Kind hörte ich: "Schau dich nicht um! Der Plumpsack geht rum!" Ich beherzigte diesen Rat. Nie blickte ich zurück, um ihn zu sehen. Was hätte er mir angetan? Was hätte mich erwartet? Das armselige Los einer Salzsäule? Zur Vieh-Leckstelle verdammt in alle Ewigkeit? Ich dachte an Orpheus. Ließ er seine Stimme ertönen, hielt selbst Sisyphos inne und setzte sich auf seinen Stein. Welch ein Künstler! Aber auch er unterlag dem Zwang des Blicks zurück. Wollte er sehen, ob wirklich seine geliebte Eurydike ihm durchs Totenreich folgte und nicht so eine billige Imitation der Götter? Armer Orpheus! Gott Hermes fasste sie gleich am Ärmel. Wie gewonnen so zerronnen.

So ist auch das Jahr nichts als Schnee von gestern. Sollte man meinen. Aber Vorhang auf: Rückblick hier, Rückblick da. So war´s! Nein so! Wie vieles war dem Reißwolf gnädigen Vergessens schon anheim gefallen. Zum x-ten Mal auch "boring fields". Will ich dies wissen? Macht mich das schlau? Man wirft die Fernbedienung hinter sich. Gestern war gestern. Morgen kann mich. Heute ist Freitag. Freitag ist Markttag. Sinnend steh ich vor dem Gemüsestand. Kaufe ich jetzt Rotkohl oder Broccoli? Eine schwierige Entscheidung. Da zupft mich jemand an der Jacke. Eine ältere Frau steht vor mir. Um ihre mächtigen Hüften schwingt ein grellfarbig geblümter Rock. Breit lächelt sie mich an. Ihre Goldzähne leuchten. So unvermittelt aus meinen Gedankengängen gerissen, lächle ich verwirrt zurück. Sie schiebt sich mit den Zeigefingern rechts und links schwarzgraue Strähnen unters blaue Kopftuch. Was will sie, denke ich verunsichert. Weder hält sie mir ein verknittertes Pappschildchen entgegen. Noch hält sie die Hand auf. Ich wende mich ab. Sie spricht laut auf mich ein. Neugierige Blicke rundherum.

Was mach ich jetzt bloß? Einfach weitergehen. Vorbei an Schaffellen und Handgewebtem. Einfach weiterkaufen. Schwerbeladen wie Sisyphos mit seinem Stein schlepp ich die Taschen. Ich schaue nicht zurück. Ich spüre zwischen den Schulterblättern, dass sie mir folgt. "Endlich abgeschüttelt", denke ich einmal erleichtert, da tritt sie aus dem Nichts und lächelt. Packt meinen Ärmel, raunt Unverständliches, ergreift meine Hand. Ich schwitze leicht, mache mich los, sage resigniert: "Okay, aber ich hab´s eilig." Dann halte ich ihr die rechte Handfläche unter die Nase. Sie schüttelt den Kopf und zieht mich hinter den Imbisswagen. Vegetarisches Cous-Cous, Holunderpunsch und Yogitee umduften uns. Während sich ihre Nägel in meinen Handrücken graben, fährt sie die Linien entlang. Ihr Ton wird kantig. Sie schaut mich prüfend an. "Viele Kinder", verkündet sie in feierlichem Singsang. "Drei, auch vier!" - "Ganz bestimmt nicht!", entgegne ich gereizt.

Meine mir zufällig über den Weg gelaufene persönliche Wahrsagerin rückt sich das Kopftuch zurecht. Sie tritt mit schaukelnden Hüften sehr nah an mich heran. Ich könnte die Falten in ihrem braunen, gegerbten Gesicht zählen. Wüsste ich dann etwas über die Frau? "Jetzt brauch Geld", murmelt sie und klopft auf meine Tasche. Zornesflammen zischen hoch in meinem Innern und verpuffen. "Scheiße", sage ich schwächlich vor mich hin, angle mein Portemonnaie aus der Jacke und klaube ein Zwei-Euro-Stück heraus. Sie macht eine abwehrende Handbewegung und zieht mit entschlossenem Ruck einen ziemlich großen Schein heraus, den ich ihr empört wieder wegnehme. Begütigende Miene: Sie sei ganz und gar missverstanden worden, bedeutet die Alte mir. Blitzartig beugt sie sich vor und entreißt meinem Kopf mit schmerzhaftem Ruck ein Haarbüschel. Dieses müsse nun, erklärt sie mir kauderwelschend, in einen Geldschein gewickelt werden. Einen großen Schein. Jetzt sitze ich in der Falle. Sie macht keinen Hehl daraus. Ihren beschwörend rituellen Ton hat sie abgelegt und grinst. In der angebrochenen Dämmerung glänzen ihre goldenen Vorderzähne. Grünkernbratling kauende Vegetarier beobachten uns gespannt. Allesamt sicher gute Menschen. Mir bleibt keine Wahl. Ich fische mit zitternden Fingern einen grünen Schein aus der Geldbörse. Ich überreiche ihn. Es ist ein Dollar. Ein Talisman. Er soll die Rückkehr nach New York beschwören. Die Hellseherin macht kleine böse Augen. Sie vollführt die Bewegungen eines schlechten Amateurzauberers. Dazu rasselt sie zu meiner Überraschung den Rosenkranz, a tempo und auf italienisch. "Santa Maria, Madre di Dio, prega per noi peccatori ..." Abrupt unterbricht sie, streckt mir das Röllchen mit meinen Haaren hin und fordert knapp: "Bezahle!" Sie lässt die zwei Euro auf ihrer Handfläche liegen und betrachtet die Münze mit verächtlich heruntergezogenen Mundwinkeln. Ihre Lippen spitzen sich. Sie spuckt auf den Boden und verflucht meine Zukunft. Ich hab´s nicht genau verstanden. Muss ich sterben?

00:00 17.01.2003

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