Routierender Werte-Kompass

Irak-Invasion Warum die späte Einsicht des ehemaligen Kriegsbefürworters Michael Ignatieff halbherzig bleibt

Michael Ignatieff ist nicht irgendwer. Er gehört - in den USA - zu den meistgelesenen politischen Theoretikern und Meinungsführern des linksliberalen Amerika. Er ist ein gebildeter und vielseitiger Schriftsteller und Publizist, hat Romane, Filmdrehbücher und natürlich wichtige Bücher geschrieben. Als akademischer Historiker und Politologe sind die Menschenrechte sein wichtigstes Thema, darüber hatte er in Cambridge, Oxford und von 2000 bis 2005 in Harvard gelehrt, ehe er in sein Geburtsland Kanada zurückkehrte und 2006 als Abgeordneter der Liberalen Partei und deren zweiter Vorsitzender in die Politik ging.

Die New York Times war sein wichtigstes Forum - und als er dort im Januar 2003 in einem langen Essay seine Unterstützung des Irak-Krieges begründete, empfanden das die meisten seiner Leser und Parteigänger als einen Verrat und Dolchstoß. Es war vermutlich die gescheiteste Rechtfertigung der Invasion, die es damals gegeben hat - gescheiter jedenfalls als die der Präsidenten-Partei und ihrer intellektuellen Trabanten.

Jetzt, viereinhalb Jahre später, schreibt er wiederum in der New York Times einen als Sensation angekündigten sechsseitigen Essay, mit dem er sich von seiner damaligen Position distanziert: Er habe sich geirrt und sei gutgläubig hereingefallen auf die Regierungsinformationen, aber auch auf seine eigenen irakischen Exil-Gewährsleute. Und er habe sich emotional täuschen lassen durch das, was er Jahre zuvor persönlich im Irak gesehen habe: die Verbrechen des Saddam-Regimes vor allem an den Kurden, die dessen Beseitigung mit allen Mitteln rechtfertigten. Die USA als objektiv progressives "Empire lite"... Eine Fehleinschätzung, ein schwerer Irrtum.

Selbstgerechte Kritik

Wer derzeit nach Michael Ignatieff im Internet sucht, kann im englischen Google die lebhafte und bittere Debatte verfolgen, die diese Selbst-Schulderklärung ausgelöst hat - denn weit davon entfernt, den reuigen Sünder in den Reihen der Bush- und Irak-Kriegs-Gegner freudig zu begrüßen, trifft ihn hier erbitterte Verachtung.

Und das nicht zu Unrecht, fragt doch Ignatieff auch nach den Motiven derer, die im Gegensatz zu ihm in der Sache Recht gehabt haben und stellt fest, diese lagen richtig aus falschen, aus "ideologischen" Gründen: Die einen hätten den Irak-Krieg verurteilt, weil es den Bush-Leuten nur ums Öl gegangen sei (was nicht stimme), für die anderen aber mache Amerika grundsätzlich immer alles falsch ...

So wird die scheinbar radikale und ungewöhnlich schonungslose Selbstkritik zur Selbstgerechtigkeit, indem die Hunderttausenden, die weltweit und in den USA bis zur letzten Minute gegen diesen Krieg demonstriert hatten, ebenso wie die vielen Mittel-Ost-Experten, die vor diesem Abenteuer mit qualifizierten Argumenten dringend gewarnt hatten, ignoriert und gleichzeitig als Dummköpfe denunziert werden.

Warum dieser Irrtum?

Das mag hierzulande nicht besonders aufregend sein und als eine inneramerikanische Debatte gelten, ginge es bei diesem historischen Fehlurteil eines gebildeten und gescheiten Analytikers nicht um Grundsätzliches: Warum hat der Mann sich "geirrt", worin besteht sein professionelles Versagen? Hat er das nicht gemein mit vielen Seinesgleichen auch in Europa, in Deutschland, mit Intellektuellen, Kennern der internationalen Politik, die zunächst auch schwankend waren, ob die amerikanische Invasion nicht doch ihre gesteckten Ziele einer Demokratisierung der islamischen Welt des Mittleren Ostens erreichen könnte?

Es wäre der wissenschaftlichen Recherche wert, das wieder auszugraben, was deutsche Politologen und politische Philosophen zwischen 2002 und 2004 dazu geschrieben haben. (Ich erwähne nur repräsentativ einen, der wie sein kanadischer Kollege klug, gebildet und kein plumper Bellizist ist: den politischen Theoretiker von der Humboldt Universität, Herfried Münkler.) Ehe auch sie merkten, was dem gesunden politischen Menschenverstand von Anfang an klar war, dass dieser Krieg eine Katastrophe sein würde. Keiner hierzulande hat öffentliche Selbstkritik geübt wie Ignatieff. Noch einmal: Wie kam er zu diesem fundamentalen Fehlurteil?

Alles lässt sich ableiten aus einer Aussage, mit der Ignatieff die linken Kritiker der imperialen Kriegspolitik 2003 in die Schranken verwiesen hatte, die er aber in seiner heutigen Selbstkritik weder reflektiert noch zurückgenommen hat, und insofern ist dieser giftige Schoß noch immer fruchtbar.

Ignatieff hatte geschrieben: "Wenn Handlungen gute Ergebnisse zeitigen, warum soll es dann so wichtig sein, dass die dahinter stehenden Absichten schlecht sind?" Um dann gegen den vermeintlichen Idealismus der Kriegsgegner weiter auszuführen, dass man bis zum jüngsten Tage würde warten müssen, bis gute Handlungen auch von guten Absichten motiviert seien.

Der Moral huldigen

Das ist keine argumentative Kleinigkeit. Hier geht es vielmehr um eine, um nicht zu sagen die zentrale Frage wahrer Politik. Von der hatte Kant kategorisch gesagt, sie dürfe "keinen Schritt tun, ohne vorher der Moral gehuldigt zu haben... Man kann hier nicht halbieren, und das Mittelding eines pragmatisch-bedingten Rechts (zwischen Recht und Nutzen) aussinnen, sondern alle Politik muß ihre Knie vor dem ersteren beugen, kann aber dafür hoffen, ob zwar langsam, zu der Stufe zu gelangen, wo sie beharrlich glänzen wird."

Eben dieses Halbieren hatte Ignatieff auf die schiefe Bahn des realpolitischen Fehlurteils geführt - und nicht nur ihn, sondern vor ihm, mit ihm und nach ihm alle politischen Analysten und Akteure, die diesen kategorischen Imperativ ignorieren, oder hoffen, ihn "nur dieses eine mal" widerlegen zu können: Dass nämlich der (gute) Zweck niemals und unter keinen Umständen das (schlechte) Mittel rechtfertigt. Am Ende zerstört dieses immer selbst noch den besten Zweck. Mit Militär und Gewalt kann man keine friedlichen Ordnungen schaffen - weder im Irak noch sonstwo, nicht im Kosovo und auch nicht in Afghanistan, da möge etwa die Bundeswehr noch so zivil und menschenfreundlich auftreten.

Das ist der Werte-Kompass, dessen gerade eine Realpolitik bedarf und an dem sich auch die akademisch-journalistische Kritik immer wieder zu orientieren hat. Beide müssen die einfach zu formulierende aber schwer zu praktizierende Wahrheit lernen, dass, so wie "der Weg das Ziel ist" (Gandhi), auch die Mittel der Zweck sind.


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00:00 17.08.2007

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