Routine steht mir nicht zur Verfügung

ZUR PERSON Günter Gaus interviewt die Schauspielerin vom Deutschen Theater Berlin Jutta Wachowiak

Günter Gaus: Wie wirken Kopf und Gemüt bei Ihnen zusammen, wenn Sie eine Rolle gestalten. Wer gibt den Ton an von den beiden, wenn Jutta Wachowiak auf die Bühne tritt oder vor eine Kamera?

Jutta Wachowiak: Kennenlernen tut man den Gegenstand, um den es sich handelt, ja durch Lesen. Das ist bei mir in erster Linie ein rationaler Vorgang. Und das ist übrigens eine sehr komplizierte Arbeit, eine, für die ich mir immer ganz besondere Bedingungen schaffe, denn das Kennenlernen eines Stückes oder eines Drehbuches ist unwahrscheinlich wichtig für die Veranlassung durch den Kopf zu den Emotionen hin. Und damit sich da nichts vertut, möchte ich als Erstes das Ganze kennen lernen, ohne es im Hinblick auf meine Rolle zu lesen, sondern einfach nur kennenlernen: was ist das Stück, was ist nach meinem Eindruck darin enthalten, was im Moment den Leuten nahe gehen könnte, sie erreichen könnte. Dann kommt später erst der Bauch. Wenn ich auf die Probe gehe, lasse ich den Bauch dominieren, weil ich mich unterdessen auf das, was ich im Kopf als Fundament gebaut habe, verlassen kann.

Sind Sie eine pflegeleichte Schauspielerin?

Würde ich nicht denken.

Wieviel hilft Ihnen Routine?

Überhaupt nicht. Ich bin vor jeder Lesung, auch vor dieser Sendung hier, und vor jeder Vorstellung, also ich bin nicht ängstlich, aber ich habe einen anderen Puls, es gibt eine andere Spannung . Routine steht mir nicht zur Verfügung. Mitunter ist das wirklich schade. Es wird ja oft dieses Coole mit Professionalismus verwechselt, und auch ich habe gedacht, es könnte daran liegen, dass ich eben kein echter Profi bin, weil ich immer noch so lodere. Das ist aber ausgestanden. Sie gucken so erschrocken. Da brauchen Sie sich nicht zu ängstigen, das denke ich nicht mehr.

Ein guter inzwischen verstorbener Freund von mir, auch ein bedeutender Schauspieler, hat schließlich nicht mehr Theater spielen wollen, sondern konzentrierte sich nach Möglichkeit auf Film und Fernsehen, weil er nicht mehr unter der Anspannung leben wollte, oft Abend für Abend vor das Publikum treten zu müssen, das immer auch eine Bestie sein kann, oder, schlimmer noch, wie ein totes Stück Holz ist und bleibt. Kennen Sie gelegentlich solchen Überdruss, wenn Sie an Ihre abendlichen Auftritte denken? Oder bleibt es immer eine Freude?

Es gab Zeiten, wo ich so viele und so schwere Vorstellungen hintereinander weg zu spielen hatte, dass ich schon einen solchen Gedankengang verstehen könnte.

Haben Sie Konsequenzen daraus gezogen?

Bei mir ist es im Moment so, dass ich ausgesprochen unterversorgt bin und mit diesem Biberpelz als einziger Vorstellung noch im Repertoire mir vorkomme, als würde ich zur Mundartschauspielerin runterqualifiziert werden, und das tut mir schon leid. Ich habe den Eindruck, ich könnte schon noch was anders.

Bei der Vorbereitung auf dieses Interview hat mir jemand gesagt: Die Jutta Wachowiak muss aufpassen, dass sie nicht zur Berliner Göre wird. Ist das eine Gefahr?

Ja, natürlich.

Wie erklären Sie es, dass Sie sich eine Unterbeschäftigung zugestehen, nein... nicht zugestehen...

...zugeteilt bekomme.

Warum?

Das liegt am Alter. An diesem unglückseligen Matronenalter, wie man früher sagte. Und da überwiegend Männer die Stücke schreiben und das ein Alter ist, in dem Frauen die Männer nicht interessieren, schlägt sich das in der Theaterliteratur nieder. Da gibt es so gut wie keine Rollen. Ganz wenig. Wenn es entschieden ist, dass man als Objekt der Begierde nicht mehr so ganz in Frage kommt, und die böse Alte, gute Alte oder weise Alte aber noch nicht ist, die kommen wenigstens wieder vor, also in dieser Übergangszeit ist es unglaublich schwer.

Sie leiden am Alter? Sie werden in diesem Jahr 60.

Ich werde in diesem Jahr 60. Und ich hoffe, dass es dann ausgestanden ist, dass ich dann als Alte gelte und wieder was zu tun kriege.

Das klingt bitter. Deshalb wiederhole ich: leiden sie am Altern? Wie werden Sie fertig damit?

Ich versuche es produktiv zu machen.

Mögen Sie junge Leute?

Ja, die mag ich. Ich bin wirklich erfreut, was da immer wieder nachwächst an absolut ernst zu nehmenden, seriösen, brennenden Knallbonbons, die auf die Bühne wollen ...

Wären Sie gerne noch mal 20?

Nee.

30?

Nein.

Warum nicht? So sehr überzeugend klang das Lob des Alters noch nicht. Das müssen Sie noch lernen.

Ich bin mit meinem Alter wirklich ausschließlich aus beruflichen Gründen unzufrieden. Ich bin verliebt, ich habe jemanden, ich bin nicht alleine...

Sie sind seit 1970 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters in Ostberlin, eines traditionsreichen Hauses, das nicht nur vor der Wende als das beste Theater der DDR galt, sondern auch seither als das beste des vereinigten Deutschland anerkannt wird.

Hat sich das Theaterpublikum nicht nur seiner Wohngegend nach - jetzt gibt es auch sehr viel mehr Westbesucher - sondern auch als Resonanzboden verändert?

Ja, ganz sicher.

Erklären Sie bitte, was Sie an Veränderungen des Publikums wahrnehmen. Was Sie spüren.

Das ist sehr viel, was da anders geworden ist. Das hängt mit zwei verschieden gewachsenen Zuschauergewohnheiten zusammen. Die Zuschauer in der DDR haben uns einfach als Lebenshilfe ernst genommen, als jemand, der zu brauchen ist für ein Bewusstmachen von Dingen, die die Leute mehr im Bauch empfunden haben. Darüber wurde gesprochen, das hat sich in Bilder umgesetzt, möglichst fantasievoll, wir waren ja keine Urania-Veranstaltung, es waren schöne, emotionale, intelligente Theaterabende, jedenfalls haben wir uns darum bemüht. Und wir haben damals Leute an die Hand gekriegt, von denen ich denke, dass sie heute nicht glauben würden, dass sie jemals einen so hohen Anspruch an eine Kulturveranstaltung hätten bei sich aufbauen können. Wir haben versucht, nicht nur Bedürfnisse zu befriedigen, sondern wir haben versucht, welche zu wecken, was ich einen hohen Anspruch finde und den ich auch nicht hergeben kann.

Das hat sich geändert?

Ja sehr. Völlig. Die Leute haben eine andere Auffassung, die natürlich auch von Intelligenzgrad und von der Generation verschieden sind, die ins Theater gehen. Es ist schon mehr ein Dienstleistungsinstitut für sie, wo sie teures Geld bezahlen und dafür was geboten bekommen. Es passiert schon, dass am Ende einer Vorstellung die Haltung anders geworden ist, dass man die Leute doch öffnet und umkrempelt und für sich einnehmen kann, egal, ob sie nun lachen oder heulen oder sich einfach nur sonstwie bereichert fühlen, solche Erfahrungen machen wir natürlich auch immer wieder. Aber dass wir es mit einer anders strukturierten Zuschauerklientel zu tun haben, ist ganz offensichtlich und ganz deutlich zu merken.

Die Ihnen das Gefühl vermittelt, Du da oben auf der Bühne bist für mich nicht so existenziell wichtig wie das beim DDR-Publikum war?

Das ist so. Was aber dennoch zu schönen Abenden führen kann.

Manche Kollegen sagen: jetzt sind wir nur noch das Café Kranzler und nicht mehr das Deutsche Theater. Jetzt sind wir nur noch ein Vergnügungsetablissement. Wir sind nicht mehr ein politischer Ort.

Dafür können die Leute nicht.

Dafür kann das Publikum nicht. Wer kann dafür?

Ich muss schon sagen, dass da einiges verkehrt gemacht worden ist. Was den Spielplan betrifft und was die Profilierung dieses zentralen Theaters in diesem Lande angeht. Ich meine, das war ja eine gewachsene Autorität, die war ja nicht erfunden, die war dem Theater wirklich zugewachsen, die galt es zu verteidigen und die ist jetzt schwer angeschlagen.

Wodurch?

Durch Zaghaftigkeit.

Das Theater war in der DDR immer auch ein politischer Ort, auch einer der Agitation. Die Film- und Fernsehstücke, in denen Sie spielten, hatten oft einen gesellschaftlichen Bezug. Entwickelten Sie dabei ein ausgeprägtes politische Bewusstsein oder war es eher ein allgemeines Empfinden, dass die Welt besser werden müsse, als sie ist.

Ich glaube, ich entwickelte ein politisches Bewusstsein.

Also nicht so allgemein Gutherzigkeit und: wir wollen alle zusammenwirken, dass es schöner wird, sondern ein politisches Bewusst sein. Können Sie das in Worte fassen? Waren Sie politisch organisiert?

Nein.

Was hatten Sie für ein politisches Bewusstsein in der DDR, von der DDR? Von der Welt?

Von der Welt kannte ich nicht so viel, das fand ich ja schon so blöd. Dass man immer eine Weltanschauung haben sollte und sich die Welt nicht anschauen durfte. Es gibt aber so schöne viele schöne Bücher und Bilder und Musiken, was alles einem nützen kann, wenn man auf der Suche nach Antworten ist. Und ich habe den Ansatz, das man Leute in gesellschaftliche Prozesse mit einbezieht, die nicht gedacht hatten, dass sie überhaupt so wertvoll sind, dass sie für so was zu brauchen sind, dass man das so stark wie möglich optimiert, ist nach wie vor eine Sehnsucht von mir.

Manipulation gibt es in jedem System. Empfinden Sie sich seit der Wende weniger manipuliert oder sagen Sie sich: ich muss mehr aufpassen, weil die Manipulation raffinierter ist?

Ja. Ich würde das absolut so sehen, dass ich viel mehr aufpassen muss, und ich finde es auch viel anstrengender, ein anständiger Mensch zu sein. Ich finde, dass das viel mehr Kraft kostet, als es früher gekostet hat.

Was hat Sie veranlasst, zur großen Demonstration am 4. November 1989 als eine führende Mitorganisatorin tätig zu werden?

Das war reif. Ich habe darüber schon eine Menge nachgedacht. Ich habe herausgefunden, dass ich seit 1985, eigentlich seit Gorbatschow und seit man mit dem Satz, von der Sowjetunion lernen heisst siegen lernen, sich plötzlich verdächtig machte. Der galt ja bis da. Da habe ich gedacht: jetzt ist irgendwas in Gang gekommen. Ich fing an, meine Fragen konsequenter zu stellen, ich fing bewusster an, mich nach den Fragen auf die Suche zu machen, dahinter zu kommen, wieviel von dem ist hier so schön, dass ich hier nicht weg möchte. Ich habe nicht daran gedacht, wegzugehen, aber ich fing an darüber nachzudenken, warum ich bleibe. Dabei bin ich auf etliches gestoßen, wo ich gedacht habe: wenn das nicht geändert wird, dann macht hier irgendwann der Letzte das Licht aus. Oder es passiert Schlimmeres, was ja auch hätte sein können.

Der 9. November - eine grosse befreiende Sache für viele Menschen, aber auch etwas, wovon viele, die den 4. November für den wesentlicheren Tag ansehen, sich überrascht und überrollt fühlten. Gilt das auch für Sie?

Ja. Und wenn es dann so gekommen wäre, dass es vom 4. auf den 15. November gerückt wäre, was ja möglich gewesen wäre, wenn sie auf der vierwöchigen Genehmigungsfrist bestanden hätten, dann hätte das niemals stattgefunden. Das wär doch schade, so ein schöner Tag!

Waren sie enttäuscht, dass die DDR unterging, anstatt dass man sie reformierte?

Ja.

Können Sie 10 Jahre nach der Zeit, von der wir sprechen, Ihre Gefühle von damals mit der Kunst einer Schauspielerin noch empfinden, wieder beleben, oder sind die nach 10 Jahren Erfahrung eben unter Erfahrung und Enttäuschung erstickt?

Oh nein. Das ist keine Drangsal, in dem Land hier zu leben. Es ist ja sehr vieles dazugekommen, unglaublich schöne Sachen. Das einzige, was mich richtig wirklich enttäuscht, dass ich bis jetzt noch keinen getroffen habe, der in dieser Sicht, die wir jetzt als frische Gucker in diesem Land, in dem die anderen schon sehr lange lebten, doch einfach einen sehr scharfen Blick hatten, mit einem anderen Hintergrund. Das müsste einem doch eine Autorität verleihen, dass man als Ratgeber ein bisschen ernster genommen würde, als es mir irgendwann passiert ist. Oder nicht mal als Ratgeber, sondern einfach nur als jemand, in dem sich eine Meinung zusammensetzt aus zwei Lebenserfahrungen, aus zwei gesellschaftlichen Vorschlägen. Und das ist ein sehr kränkender Vorgang. Das muss ich sagen, bis hin in die Akademie der Künste, wo Walter Jens sich wirklich unbeschreiblich eingesetzt hat, um das in die Wege zu kriegen, und wir kämpfen da und sprechen zwei verschiedene Sprachen. Und das tut mir sehr, sehr weh.

Wie erklären Sie sich das?

Das hängt auch mit einer erstaunlichen Fantasielosigkeit zusammen. Es gibt auch nicht die Bereitschaft, sich überhaupt in die andere Seite hineinversetzen zu wollen. Ich habe die, ich bin immer neugierig auf die Kollegen gewesen und war so interessiert daran, die jetzt kennenlernen zu können, und bin auf eine solche Neugier auf der anderen Seite nur ausgesprochen partiell gestoßen. Es kann natürlich sein, dass sich herausstellt, wir sind nicht so schlecht und plötzlich ist, was man früher befreundet nannte, eine Konkurrenz. Und da entsteht eine völlig neue Lebenssituation. Aber auch darüber müsste man doch eigentlich sprechen können, wenn jemand 40 Jahre Demokratie trainiert und ich immer nur Diktatur, da fühle ich mich, ehrlich gesagt, weiter.

Was war Ihre größte Illusion in der Wendezeit?

Meine grösste Illusion war selbstverständlich, dass wir die DDR in Ordnung bringen könnten. Dass die DDR ein Land ist und bleibt und jetzt ein demokratisches Land würde.

Sie haben neulich bei einer Diskussion in der Akademie der Künste sehr zugestimmt, als eine Repolitisierung des Theaters gefordert wurde. Sie sind immer noch entschlossen, sich öffentlich als eine Botschafterin zu sehen, als jemand, der etwas vermitteln will, eine Botschaft. Wie lautet die Botschaft? Sie wollen Bewusstsein schaffen?

Ja, das möchte ich so gern, aber das hat doch eigentlich auch jeder. Es kann doch eigentlich gar nicht so schwer sein. Ich weiss, wie schnell man in den Verdacht kommt, dass man eben doch eine indoktrinierte Kuh wäre, was ich nicht bin und auch nicht leiden mag. Ich glaube, dass bei der Grosszügigkeit, die ich an verschiedenartigsten Meinungen aushalten kann, ich nicht gefährdet bin, meine zu verlieren. Es geht auch nur darum, dass ich von den anderen verlange, dass sie sich dazu auch entschliessen könnten. Wenn wir nur das geschafft hätten, dann wären wir einen unglaublichen Schritt weiter. Und dazu kann Theater natürlich was beitragen.

Gekürzte Fassung eines Gesprächs, das für die ORB-Reihe "Zur Person" geführt wurde.

00:00 28.01.2000

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