Rückgabe vor Entschädigung?

Autorentausch Nationalmarketing treibt oft Schabernack mit der Literaturgeschichte: Darf sich die Ukraine mit dem Russen Gogol schmücken, und warum ist Jonathan Swift eigentlich Ire?

Die Nachricht, dass die Ukrainer Nikolai Gogol, den großen Autor aus dem 19. Jahrhundert als einen der Ihren beanspruchen, ist weithin mit Belustigung aufgenommen worden – nicht zuletzt aufgrund der Irritationen, zu denen die Sache bei offiziellen russischen Sprechern führte. Ist das Ganze aber wirklich so lachhaft? Nationen geben viel auf das Ansehen, das sie in den Augen anderer genießen und eine literarische Ruhmeshalle ist allemal mit mehr Prestige verbunden als eine Olympia-Medaille. „Den größten Ruhm bringen einem Volk seine Autoren ein“, schrieb der englische Gelehrte Dr. Johnson im 18. Jahrhundert und hatte Recht damit. Gelänge es den Ukrainern Gogol einzuheimsen, wäre damit möglicherweise mehr für ihren Nationalstolz getan, als es dem ukrainischen Fußballstar Andrej Schewtschenko jemals gelingen könnte.

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Man braucht nur einen Blick nach Irland zu werfen, das in der Kunst der Vereinnahmung besonders bewandert ist. Dort hat man es ohne große Mühen fertig gebracht, erfolgreich Anspruch auf all jene großen Autoren zu erheben, die aus ihrem irischen Geburtsland geflohen waren – Oliver Goldsmith zum Beispiel, Joyce oder Beckett – wenngleich beispielsweise Letzterer seine größten Werke in französischer und damit der Sprache seiner Wahllheimat verfasste. Irland hat sogar die Auffassung verbreiten können, Lawrence Stern (in Irland geboren, weil sein Vater als britischer Soldat dort stationiert war) und William Congreve (geboren in Yorkshire, besuchte aber zeitweise in Irland die Schule, weil auch sein Vater als britischer Soldat dort stationiert war) seien Iren gewesen. Der größte Triumph der Iren besteht aber darin, Jonathan Swift, den vielleicht größten aller Satiriker für sich in Beschlag genommen zu haben. Dabei bezeichnete dieser sich selbst als „Engländer“ und sprach von seinem Wohnort Dublin als einem „Exil in einem mir verhassten Land“. Noch nicht einmal einen irischen Akzent hatte er. Trotzdem ist er längst zu einem großen irischen Patrioten (gemacht) geworden, der Banknoten und Tourismusbroschüren ziert.

Natürlich ist es einfacher, sich Schriftsteller anzueignen, die – anders als Swift – kooperieren. So nahm T.S. Eliot – nach dem Tennisspieler Jimmy Connors berühmtester Sohn des amerikanischen Bundesstaates Missouri – nicht nur die britische Staatsbürgerschaft an, sondern stürzte sich auch mit offenen Armen in ein Dasein als Engländer. Kein Gedanke an die Vereinigten Staaten in The Wasteland, stattdessen werden die Straßen und Gebäude Londons kartiert. Die Four Quartets meditieren, Geschichte sei „jetzt und England“. Ähnlich verhält es sich im Falle von Sylvia Plath, die zwar mehr als die Hälfte ihres kurzen Lebens in Amerika verbracht hat, deren Gedichte aber, soweit veröffentlicht, alle in England angesiedelt sind. Auch diese Dichterin hat England einnehmen können.

Diese Welle aus literarischen Nationalismus hat das Zeug für jede Menge weiterer potentieller „Gogol-Debatten“. Was ist zum Beispiel mit Muriel Sparks? Sie wurde in England geboren, wo sie auch zur Schule ging, lebte in Afrika, begann aber erst nach ihrem Unzug nach London mit dem Schreiben und verbrachte die zweite Hälfte ihres Lebens in Italien. Zu wem gehört diese großartige Romanschreiberin, damit? Wird Nordirland es sich erlauben dürfen, seine Literaten-Liste um Louis MacNeice zu erweitern, der in Belfast geboren, allerdings in ein englisches Internat geschickt wurde und später in England sesshaft war? Oder um einen Seamus Heaney, der heute Einwohner der Republik ist, aber aus Ulster stammt? Welch' einen Spaß man in bigotten Kulturkreisen bald haben wird!

Gogol seinerseits schrieb bekanntlich in russischer Sprache, womit er es ukrainischen Bemühungen ihn zu annektieren nicht gerade einfach macht. Die Dominanz der englischen Sprache hat dazu geführt, dass die Englische Literatur ihrem Wesen nach immer vereinnahmend war. Die Engländer können sich eine entspannte Haltung erlauben. Uns mag es an Komponisten fehlen, und einige Jahrhunderte lang war es auch um die Malerei nicht gut bestellt, aber wir haben jede Menge erstklassiger Schriftsteller. Uns braucht der Gedanke nicht den Schlaf zu rauben, dass W.H. Auden gerne denkt, er sei in Wirklichkeit Amerikaner (auch wenn er sich einen fiesen amerikanischen Akzent zugelegt hat). Obwohl, denkt man noch einmal drüber nach: Könnten wir bitte Swift zurück haben?

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Übersetzung: Zilla Hofman

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