Rückkehr der Einzelhändler

Fallstudie Das Ende des mediengeschichtlichen Feudalzeitalters: Wie Leitmedien ihre Bindekraft einbüßen

Der Medienumbruch um 1900 etablierte mit dem Siegeszug des Kinos eine "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" - so hat der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn 1979 das Produktionsterrain genannt, auf dem genialische oder demütige, zunehmend auch kleinmütige Solitäre des Medienhandwerks anschwellenden Industriekomplexen gegenüberstanden. Als in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die andernorts längst vollzogene Kommerzialisierung des "Leitmediums" Fernsehen auch in der Bundesrepublik durchgesetzt und das Monopol des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gebrochen war, schien die Industrialisierung der Sinnproduktion einen Höhepunkt erreicht zu haben. Gleichzeitig aber zog schon ein Beben durch die Fundamente der Medienfestungen. Tektonische Verschiebungen, ausgelöst durch den Computer und die digitalen Medien, unterwanderten die alte Industrielandschaft. Heute kehren die Einzelhändler zurück, und sie besetzen ein grundlegend verändertes Terrain. Die Epoche der Leitmedien neigt sich ihrem Ende zu. Drei mehr oder weniger beachtete Ereignisse dieses Jahres beleuchteten schlaglichtartig die aktuelle Medienkonstellation.

Schlöndorff, Constantin und das Fernsehen

Im Juli 2007 kritisierte der Filmregisseur Volker Schlöndorff in der Süddeutschen Zeitung die Praxis der Zweifachverwertung großer Filmproduktionen. Er meinte damit das verbreitete Verfahren, Filme schon in der Planungsphase als Kinofilme und gleichzeitig als Mehrteiler für die Fernsehverwertung anzulegen. Die Regisseure, so Schlöndorff, seien durch diese Praxis "zum Schludern gezwungen"; keine Sequenz könne mehr "mit der für einen Spielfilm erforderlichen Sorgfalt" gedreht werden.

Schlöndorff verfolgte zu diesem Zeitpunkt ein eigenes Projekt, die Filmproduktion Die Päpstin nach dem Bestseller von Donna W. Cross. Und so geschah es dann, dass nur eine Woche später seine Produktionsfirma Constantin in der Süddeutschen Zeitung antwortete. Ihr Aufsichtsratsmitglied Günter Rohrbach wollte von Schlöndorff wissen, in welcher Welt er eigentlich lebe, wenn er heute für eine "Artentrennung von Film und Fernsehen" plädiere: "Wenn der deutsche Kinofilm überleben will, muss er sich der Wahrheit beugen, dass die große Zeit des Kinos offensichtlich vorbei ist." Wenige Tage nach dem Schlagabtausch brach die Constantin die Zusammenarbeit mit dem Regisseur ab.

Rohrbach begann seine Karriere in den siebziger Jahren beim Fernsehen und brachte es beim WDR zum Chef des Fernsehspiels. Später war er als Geschäftsführer der Bavaria verantwortlich für Großproduktionen wie Das Boot und Die unendliche Geschichte sowie für den Ausbau des Unternehmens zu einem multimedialen Produktions- und Dienstleistungsbetrieb. Auch heute noch steht Rohrbach bei der Constantin für das Label "Großproduktion" und "Mainstream-Kino" - Beispiele sind etwa die Eichinger-Filme Das Parfum und Der Untergang.

Den Medienwandel von der so genannten großen Zeit des Kinos zur Dominanz des Fernsehens hat Rohrbach selbst federführend vorangetrieben. Das Fernsehen benötigte für seine Entwicklung und Expansion dringend Filme (nicht etwa nur Spielfilme) und war somit an der Förderung, aber auch an der Beeinflussung des Filmmarktes existentiell interessiert. Aus der Sicht Rohrbachs hat besonders das gebührenfinanzierte Fernsehen in der Bundesrepublik das deutsche, teilweise auch das internationale Kino nachhaltig unterstützt und somit die Filmkultur im Lande erheblich gefördert.

Aus der Perspektive Volker Schlöndorffs stellt sich die Sachlage anders dar. Der Regisseur sieht sich als Autor und Produzent, somit als Repräsentant eines traditionellen, in der bürgerlichen Kultur fundierten Kunstsystems. Mit allen Cinéasten teilt er die Auffassung, dass die Kunst der Kinoleinwand gehört, die Massenware aber dem Fernsehen. Und soweit es um Geld und um die umkämpften Förderressourcen geht, ist Schlöndorff der Meinung, dass der Film gewiss durch Fernsehinvestitionen gefördert, umgekehrt aber auch das Fernsehen durch die Kinoförderung quersubventioniert werde.

Unter veränderten Vorzeichen, doch strukturell ähnlich wiederholt sich mit der Kontroverse zwischen ihm und Constantin der Rechtsstreit zwischen Bertolt Brecht und der Filmfirma Nero, als es 1930 um die Verfilmung der Dreigroschenoper ging. Sah sich der Stückeschreiber durch die noch junge Filmindustrie in seinen Urheberrechten als Literaturproduzent verletzt, so begehrt mit Schlöndorff ein Filmautor gegen den modernen audiovisuellen Industriekomplex mit seinen ökonomischen Verwertungsketten auf. Beiden gemeinsam aber ist die Position des Einzelhändlers auf verlorenem Posten: Kämpfte Brecht als Repräsentant der Buch- und Theaterkultur gegen ein neues Leitmedium, so gilt dies auch für Schlöndorff als Repräsentanten der Filmkultur in seiner Auseinandersetzung mit dem Fernsehen. Als Medieneinzelhändler ist Schlöndorff ein historischer Typus, seine Geschichte eine Story aus den Medienevolutionen des 20. Jahrhunderts.

Schawinski, die Quote und die Flop-Industrie

Ende August stellte Roger Schawinski, von 2003 bis 2006 Geschäftsführer des Fernsehsenders Sat.1, in Berlin sein Buch Die TV-Falle vor. Interesse verdient vor allem das Selbstbild, das Schawinski in seinem Werk entworfen hat. Die Position des externen Beobachters und der Gestus der unbestechlichen Analyse sind ihm gerade recht, um sich für den Wiedereinstieg ins Medienmanagement auf womöglich höherem Niveau zu empfehlen. Auch Schawinski ist ein Einzelhändler, ein Einzelhändler seiner selbst und seiner ihm unterstellten Fähigkeiten, der im Unterschied zu dem altmodischen Einzelhändler Schlöndorff keinen "content", sondern seine Souveränität im Umgang mit den komplexen Netzwerken des audiovisuellen Industrie-Archipels in einer Phase des Umbruchs zwischen analogen und digitalen Medienpraxen anzubieten hat.

Unübersehbar befindet sich das Privatfernsehen in Deutschland in einer Krise: die Risiken des Aufbruchs in eine digitale Zukunft setzen ihm stärker zu als den finanziell gesicherten Öffentlich-Rechtlichen. In dieser Situation ist die Performance des überragenden Geschäftsführers gefragt. Die Fixierung auf die Quote und die Angst vor dem Flop statten die Figur mit dem ambivalenten Charme des Glücksspielers aus. Schawinski repräsentiert den Typus des gut dotierten, in seiner Manövrierfähigkeit allerdings begrenzten Strategen inmitten der Verwerfungen der modernen Medienlandschaft. Manager wie er haben die ungewisse Zukunft fest im Blick, aber es ist ihr Schicksal, an die traditionellen Strukturen der "Anstalt", des Senders, allenfalls einer Senderfamilie wie ProSiebenSat.1 gefesselt zu sein.

Vermutlich haben sich diese Strukturen aber schon heute überlebt. Digitale Angebote machen uns nicht nur von der kompakten Empfangsapparatur und dem festen Empfangsort, sondern auch von der Programmstruktur und den Zeitleisten der Sender unabhängig. Fernsehen im Internet wird die traditionelle Publikumsstruktur ummodeln und über die Rückkanalfähigkeit die alte Sender-Empfänger-Relation unterminieren. Der Computer verdrängt allmählich die alten Produktionsstandorte und ihre Maschinenparks, das Internet funktioniert gleichzeitig als raumlose Fabrikhalle und ortloses Archiv. Dies ist die Stunde eines Einzelhändlers ganz neuen Zuschnitts, seine Zahl ist heute schon Legion, und man muss keineswegs Prophet sein, um von einer Invasion zu sprechen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die wirtschaftlichen Strukturen in der Medienindustrie verändern wird.

Lav Diaz, die Filipinos und das Internet

Anfang September lief als Abschlussfilm der Filmfestspiele von Venedig die Produktion Death in the Land of Encantos des philippinischen Regisseurs Lav Diaz - mit mehr als zehn Stunden einer der längsten Filme der Festivalgeschichte. Diaz dreht mit einer handlichen Digitalkamera und schneidet seine Filme auf einem G4-Macintosh-Rechner. Um die Filme auf einer großen Leinwand zeigen zu können, muss das Material nur auf ein Videoband überspielt werden. Die Produktionsmittel gehören ihm selbst, nicht einem arbeitsteiligen und hierarchisierten Filmstudio. Zur "Befreiungstheologie" (Diaz in einem Interview mit Tilman Baumgärtel) wurde die neue Technik für zahlreiche Filmemacher im gesamten südostasiatischen Raum - damit für neue Einzelhändler außerhalb der etablierten Filmindustrie. Sie sind die Protagonisten einer globalisierten Kinematografie - nach dem Umbruch von den analogen zu den digitalen Medien. Als Eigentümer ihrer Produktionsmittel sind sie wirkliche Independents, sie sind international orientiert und untereinander vernetzt.

Diaz kann es sich leisten, seine eigenen ästhetischen Maßstäbe zu etablieren. Material und Herstellung sind billig; der Autor allein bestimmt, dass seine Filme eine langsame Erzählweise erfordern und acht oder zehn Stunden lang sein sollen. Er dreht politische Experimentalfilme, Collagen aus dokumentarischen, fiktionalen, traumhaften und militant politischen Sequenzen, die sich an das einheimische Publikum wenden, aber auch an eine internationale Community neuer Cinéasten, die ihre Wahrnehmungserlebnisse nicht mehr ausschließlich im Kino, schon gar nicht vom Fernsehen, sondern zunehmend aus dem Internet bezieht.

Schon um 1985 veränderten Kassettenrekorder und Videokassette einschneidend den Markt und erschütterten die Hegemonie des Kinos als einziger Amortisationsstätte der Filmproduktion. Heute geht es in der Branche abermals um neue Vertriebskanäle. Alle wollen am DVD-Geschäft, aber auch an den Filmen und Fernsehserien im Internet mitverdienen - und an den Downloads, die für die Nutzer von Handys und iPods angeboten werden. Die alten Leitmedien Kino und Fernsehen lösen sich mit der Vielfalt der Vertriebskanäle, ebenso mit der Vielfalt der Nutzeroptionen allmählich auf. Jeder nutzt das Handy oder das Internet anders, und jeder individuelle Zugriff auf die neuen Medien schwächt die Sogkraft, die mit dem Prinzip des Leitmediums einmal verbunden waren.

Metaphorisch kann man die Epoche der Leitmedien als das Feudalzeitalter der Mediengeschichte bezeichnen. Die Massenpresse, das Radio, Kino und Fernsehen haben viel für die Selbstreflexion, aber auch für den Zusammenhalt der alten Industriegesellschaften in der Zeitspanne etwa zwischen 1850 und 1990 geleistet. Der gegenwärtige Medienumbruch besiegelt das Ende des Medienfeudalismus. Es ist richtig, dass erst das Fernsehen uns gelehrt hat, die Frage, was ein "Leitmedium" sei, präzis auf den Begriff zu bringen. Doch ebenso gilt: die allmähliche Auflösung der Megamaschinen Kino und Fernsehen mit ihren generalisierenden Sinnstiftungsangeboten verweist auf die Auflösung des Prinzips "Leitmedium" überhaupt, auf sein Verschwinden aus der Geschichte. Die Invasion der neuen, digital gerüsteten Einzelhändler, die sich derzeit auf YouTube begegnen, wird nicht etwa die bewährten Medien abschaffen. Aber das Prinzip des "Leitmediums" ist im Begriff, seine Bindekraft einzubüßen und seine Faszination zu verlieren.

Der Text ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Autor auf der Jahrestagung "Leitmedien" des Siegener DFG-Forschungskollegs "Medienumbrüche" gehalten hat.

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