Ulrich Herb
11.02.2012 | 08:00 3

Rückkehr des Kommunitarismus

Closed Access Forscher laufen Sturm gegen Elsevier, einen der größten Wissenschaftsverlage der Welt. Es geht um Wucher, geistige Ausbeutung, Betrug. Und um die Zukunft des Publizierens

Am 23. Januar 2012 startete der Mathematiker Tyler Neylon einen Boykottaufruf im Internet: Der Titel des Unterfangens hieß „The Cost of Knowledge“ und wer sich auf der Website thecostofknowledge.com seither zu Neylons Aufruf bekennt, verspricht in Zukunft keine Artikel in den Journalen des Wissenschaftsverlags Elsevier mehr zu publizieren. Die Unterzeichner verpflichten sich zudem, keine eingereichten Artikel mehr zu begutachten oder als Herausgeber für den Verlag tätig zu sein. Als Grund für seine harsche Kampagne nennt Neylon Elseviers rücksichtslose Preis- und Verkaufspolitik – und das Verhältnis des Verlags zu offenem Wissen. Und viele Wissenschaftler teilen diese Kritik: Bereits mehr als 4.500 Forscher haben die Erklärung unterzeichnet.

Und das ist keine Kleinigkeit: Elsevier ist einer der größten und profitabelsten Wissenschaftsverlage der Welt – mit einem Umsatz von 2,37 Milliarden Euro allein im Jahr 2010. Dem bedeutendsten Zweig des niederländischen Konzerns Reed Elsevier haftet dabei der Ruf eines Preistreibers an, auch wenn die Preise für die Zeitschrift in den vergangenen zehn Jahren im Vergleich zur Konkurrenz moderat stiegen, zuletzt um fünf bis sechs Prozent. „Allerdings hat der Verlag in den davorliegenden Jahren teils Preissteigerungen von 20 Prozent durchgesetzt. Heute sichert er sich den Profit mit vorteilhafter Vertragsgestaltung, Bibliotheken dürfen Titel tauschen, aber die Umsatzsteigerung ist festgeschrieben. Bestellt eine Bibliothek Titel ab, um ihren Umsatz zu reduzieren, verliert sie die bisher gewährten günstigen Vertragskonditionen und muss für die verbliebenen Abonnements mit erheblich höheren Kosten rechnen“, erklärt Bernd-Christoph Kämper von der Universitätsbibliothek Stuttgart.

Aber längst stoßen sich nicht mehr nur die Bibliotheken an Elseviers Preispolitik. Bereits 2004 unterstellte der Senat der Stanford University den Journalen des Verlags ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis und ermunterte die Bibliotheken, diese Zeitschriften abzubestellen. Auch Herausgeber von Journalen wie Topology resignierten nach fruchtlosen Verhandlungen über Preissenkungen und wechselten zur Konkurrenz, um dort günstiger zu publizieren. Und die Preise sind nur ein Aspekt: Neylons Aufruf thematisiert vor allem Elseviers Position zu den Wertfragen der Wissenschaft. Genau sie machen den Verlag, stärker als jeden anderen, zum Angriffsziel wissenschaftlicher Proteste.

Der Soziologe Robert Merton hatte bereits 1942 vier Imperative für Qualität und Aufrichtigkeit in der Wissenschaftswelt formuliert. Universalismus bedeutet, wissenschaftliche Aussagen unabhängig von den dahinterstehenden Personen zu bewerten, organisierter Skeptizismus verlangt die unvoreingenommene kritische Prüfung. Der Kommunitarismus als erster Imperativ verlangt aber vor allem, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ein „gemeinsames Erbe“ sind. Mit „dem Namen ihres Urhebers belegte Gesetze oder Theorien gehen nicht in seinen oder seiner Erben Besitz über, noch erhalten sie … besondere Nutzungsrechte. Eigentumsrechte sind in der Wissenschaft aufgrund der wissenschaftlichen Ethik auf ein bloßes Minimum reduziert.“

Verwandt mit SOPA/PIPA

Dieses Wissenschaftsbild korreliert mit „Open Science“ und dem offenen Zugang zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen – und es kollidiert mit der Kommerzialisierung von Wissen durch Verknappung. Elseviers Hauptgeschäft besteht im Toll oder „Closed Access“, der Zugang zu wissenschaftlicher Information nur gegen Zahlung von Gebühren erlaubt. Ideologisch ist dieses Geschäftsmodell den Initiativen SOPA, PIPA oder auch ACTA verwandt: Ziel ist es, die Zugangsoptionen zu geistigem Eigentum im Sinne der Verwerter von Informationen zu reglementieren und Sanktionsmöglichkeiten zu schaffen.

Wissenschaftsverlage allerdings enteignen nicht nur die Urheber der Informationen durch den Übertrag der exklusiven Verwertungsrechte, sie enteignen auch jene, die von Beginn an investiert haben: Die Universitäten, die Forschungsförderer und letztlich die öffentliche Hand, die Forschung finanziert und die die Ergebnisse dieser Forschung über Zeitschriftenabos von den Wissenschaftsverlagen wieder zurückkaufen muss. Dass Verfasser und Begutachter wissenschaftlicher Artikel von Verlagen fast ausnahmslos keine finanzielle Entschädigung erhalten, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Mitte Dezember hat zudem die US-Verlagslobby eine Gesetzesvorlage zur Verteidigung ihrer Pfründe lanciert: Der Research Works Act (RWA) fordert die Abschaffung der Open Access-Mandate der amerikanischen Forschungsförderer. Wer etwa von den National Institutes of Health finanziell gefördert wird, muss projektbezogene Publikationen derzeit nach 12 Monaten entgeltfrei verfügbar machen. Der RWA würde solche Vorgaben hinfällig machen und die Wissenschaftsverlage könnten die staatlich finanzierten Publikationen wieder bis 70 Jahre nach dem Tod der Urheber exklusiv verbreiten. Eingebracht wurde die Gesetzesvorlage von Republikaner Darrell Issa und Demokratin Carolyn Maloney, letztere erhielt der Open-Data-Plattform MapLight zufolge 2011 zwölf Zuwendungen von Elsevier, ingesamt 8.500 US-Dollar. Anders als andere einflussreiche Wissenschaftsverlage hat sich Elsevier bislang nicht vom RWA distanziert und unterstützt als einer der wenigen auch SOPA und PIPA.

Fake-Journale gegen Geld

Auch die Haltung zu Mertons viertem Imperativ der Wissenschaft ist mehr als zweifelhaft: Die Uneigennützigkeit untersagt es, Ergebnisse im Interesse der Auftraggeber zurechtzubiegen. Dabei reklamieren ausgerechnet Closed-Access-Verlage für sich, die Qualität wissenschaftlicher Publikationen zu sichern, sie sehen darin die Legitimation für die Abopreise. Zugleich spricht insbesondere Elsevier den Open-Access-Journalen eine Fähigkeit zur Qualitätssicherung ab. Teile der Verlagslobby – darunter Elsevier – engagierten einen gewissen Eric Dezenhall (den Nature als „pit bull of public relations“ charakterisierte), um Open Access als unseriös und qualitativ minderwertig zu verunglimpfen. Umso mehr war der Verlag bloßgestellt, als bekannt wurde, dass Elsevier gegen Zahlungen des Pharmaunternehmens Merck ab 2002 das nur scheinbar unabhängige Australasian Journal of Bone and Joint Medicine herausgegeben hatte. Einziger Zweck war die Publikation von Artikeln, die getarnt als unabhängige, objektive und qualitätsgeprüfte Veröffentlichungen die Wirksamkeit von Merck-Präparaten anpriesen – unter anderem des Schmerzmittels Vioxx, das Merck wegen des Verdachts auf schwere, zuvor unbekannte Nebeneffekte 2004 vom Markt nahm.

Laut The Scientist legte Elsevier insgesamt sechs solcher Fake Journals auf, die mehr oder minder reine Pharmawerbung betrieben. Erst vergangene Woche veröffentlichte Science zudem eine Untersuchung über die unlautere Einflussnahme von Journalen auf Zitierungen: Letztere bilden die Berechnungsgrundlage des Impact Factors, der wiederum den Rang einer Publikation abbildet. In 7.000 Fällen wurden Forscher dazu genötigt, die Journale, in denen sie erscheinen wollten, selbst zu zitieren. Vier der fünf am häufigsten betroffenen Journale gehören zu Elsevier.

Der Umut über den Verlag zieht daher Kreise. Die Zahl der Unterzeichner unter dem Boykottaufruf wächst stetig. Unter ihnen ist auch der Oxford-Professor Timothy Gowers, ein Gewinner der Fields-Medaille, der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung in der Mathematik. Gowers Blog-Post Elsevier - my part in its downfall hatte Tyler Neylon zu seinem Boykot-Aufruf angeregt. Neylon beschreibt seine Motivation so: „Ich trage sehr gern dazu bei, dass wir in eine bessere Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens schauen – und es würde mich nicht überraschen, wenn Elsevier nicht Teil dieser Zukunft wäre.“

Robert Merton hätte wohl ein ähnliches Statement gewählt. Und vielleicht trägt die Boykott-Initiative ja Früchte: 2008 zog sich Reed Elsevier zum Beispiel aus der Organisation von Waffenhandelsmessen zurück – aufgrund des wachsenden Drucks von Aktionären, Journalherausgebern und Wissenschaftlern, vorrangig aus der Medizin.

Ulrich Herb ist freiberuflicher Wissenschaftsberater und betreut die Bereiche Open Access und Electronic Publishing an der Universitäts- und Landesbibliothek des Saarlandes

Kommentare (3)

Det2012 12.02.2012 | 01:52

Wir müssen gar nicht in die Ferne schweifen ... das Elend liegt hier auch ganz nah: Der Wissenschaftsverlag Springer ist da nicht besser und ich weiss definitiv, dass der wbv-Bertelsmann-Verlag genau nach dem im Artikel beschriebenen Muster sein Geschäft macht. Wissenschaftliche Autoren kriegen kein Honorar, müssen alle Rechte an den Verlag abtreten und oftmals muss für die Veröffentlichung das Institut, bei dem man arbeitet, für die Publikation noch extra bezahlen, sprich: Steuergelder werden hier vergeudet für den Profit eines Verlegers.
Liebe Wissenschaftler/Innen, lasst euch nicht weiter ausbeuten und verarschen! Veröffentlicht eure Werke entweder bei Verlagen, die es gut mit euch meinen oder im Internet!

schmoove operator 13.02.2012 | 16:06

Jeder möchte gehört werden und seinen Teil beitragen; auch Wissenschaftler. Man möchte deswegen z.B. in einem angesehenen Journal auch mal was reinschreiben dürfen...

Eitelkeit (und Dienstgrad) hat sicherlich seine Daseinsberechtigung, sollte aber -gerade bei den Philosophen- nicht an erster Stelle stehn'.

Wissenschaftler, die etwas Sinnvolles zu veröffentlichen haben, müssen nicht das Gemeinnützige dem Geltungbedürfnis opfern. Sie finden Beachtung für ihre Arbeit sicher auch im entsprechenden İnternetforum, Blog oder dem lokalen Wochenblatt...da vielleicht sogar am meisten.