Rückkehr nach Tribecistan

Ground Zero, November 2001 Rings um den größten Trümmerberg der Neuen Welt

Der polnische Taxifahrer am Flughafen Newark lehnt mit den Worten "I´m not going there!" dankend ab und überlässt die Fahrt einem indischen Kollegen. Als ich am Ausgang des Holland Tunnels neugierig die Nase aus dem Fenster strecke, begreife ich, warum mein Halblandsmann mich nicht nach Tribeca chauffieren will. Es stinkt in diesem Viertel nach fauligen Eiern und verbranntem Gummi. Der Geschmack von Betonstaub klebt wie Mehltau auf der Zunge und der giftiggelbe Rauch aus den Trümmern des World Trade Centers treibt mir die Tränen in die Augen.

Trotzdem bin ich froh, nach sechs Jahren Abwesenheit wieder den löchrigen Asphalt der Washington Street unter meinen Füßen zu spüren. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert, von den Straßensperren abgesehen, vor denen gelangweilte Cops und geschniegelte texanische Ranger patrouillieren. Vor meinem einstigen Haus am Westside Highway, wo sonst Schneefräsen auf den ersten Blizzard warteten, parkt schweres Katastrophen-Räumgerät. Vor dem Nobelrestaurant Capsouto Frères stehen wie eh und je die Stühle auf der Terrasse, nur keiner der Gäste trinkt seinen Café au lait im Freien. Ein paar Straßenecken weiter fällt mir auf, dass die Obdachlosen, die früher auf den Rampen der alten Hafenspeicher zwischen Watts und Hubert Street den Tag verpennten, nicht mehr hier wohnen. Je weiter ich mich Ground Zero, dem größten Trümmerberg der Neuen Welt, nähere, desto unerträglicher wird der Gestank. Einige Passanten tragen Staubmasken aus dem Baumarkt, andere teure Atemfilter, Made in Thailand.

Ich halte mir die Nase zu und tauche bei Bubby´s unter, um Ruhe zu bewahren und Tee zu trinken. An der Bar sitzen, wie eh und je, die Berühmten des Tribeca Film Centers und jene, die es gern sein wollen. Spike Lee telefoniert mit Hollywood und Robert de Niro schnauzt einen aufdringlichen Filmstudenten der NYU mit den Worten: "I´m busy!" an. Dem Oscar-Preisträger gehören inzwischen fast alle Häuser auf der Hudson Street und jedes zweite Restaurant. Seine Mutter ist Maklerin und sein Vater Geschäftsführer des für seine schlechte Küche berühmten Tribeca Grill. Bubby´s Apfelkuchen waren 1990 New Yorks bestgehütetstes Geheimnis und die Brunchs am Sonntag wie Frühstücken auf dem Lande. Heute kommen die Leute von Uptown und stehen Schlange, um einen Platz zu ergattern und Filmstars beim Lunchen zuzusehen. Doch die movie crowd serviert derzeit aus schlechtem Gewissen über das filmreife Attentat oder aus purem Patriotismus Sandwiches für die Arbeiter von "Ground Zero".

Draußen fährt hupend eine blank geputzte Feuerwehr vorbei. Die Männer der "Wache 8" aus der Moore Street waren am 11. September die ersten Einsatzkräfte am Ort des Geschehens und retteten viele Büroangestellte aus den Türmen. Sie verloren dabei ihren Lieutenant. Als ich später mit Kevin Dinkins, dem durch ein Foto von Richard Avedon für den Esquire bekanntesten firefighter von Amerika, spreche, erscheint "Miss USA" in der Station, um sich mit den neuen alten Helden ablichten zu lassen. Die blonde New Yorkerin sieht blass aus gegen die strahlenden, verboten gut aussehenden Jungs von "Wache 8".

Sie setzte sich ans Fenster, von wo man auf die Türme schaut, und machte sich Tee

Weniger breitschultrig und ohne stolzgeschwellte Brust, aber mit typisch New Yorker Gelassenheit, erwartet mich Ingo Günther, deutscher Videokünstler, am Checkpoint der Chambers Street, fünf Blocks vom World Trade Center entfernt. Seit 15 Jahren lebt der gebürtige Dortmunder in Tribeca. Als Schüler von Nam June Paik wurde er zuerst in Japan bekannt, zuletzt in Germany. Heute gilt er weltweit als einer der Pioniere der Crossover-Kunst. Sein Multimedia-Projekt Refugee Republic ist das Ergebnis ausgedehnter Reisen in Flüchtlingslager der Dritten Welt. Günthers Homepage, www.Tribecistan.com, zeigt derzeit ein hochauflösendes Luftbild von Süd-Manhattan, in dem der Kollateralschaden der Flugzeugpiraten als Dantes Hölle deutlich wird. Noch immer schlagen Flammen aus dem 30 Meter tiefen Krater, in dem wie Streichhölzer geknickte Stahlträger kochen.

Ingo stand am Tag, als die Erde stillstand, auf dem Dach seines Hauses am West Broadway und filmte mit der Videokamera den Todeskampf der Twin Towers. Als sie einstürzten, wurden er und alle Mieter des Viertels evakuiert. Wochenlang durfte er nicht zurück in sein Studio. Jetzt ist der toxische Staub, der in alle Ritzen kroch, entsorgt, doch der beißende Gestank, der wie ein böser Fluch über Tribeca liegt, raubt ihm den Schlaf. Wir fahren, um durchzuatmen, mit seinem Schlauchboot vom Battery Park hinüber zu Liberty Island und werden nach einer wilden Verfolgungsjagd von den Küstenwache gestoppt, weil wir die Speerzone missachteten. Trotzdem bleiben sie freundlich und belassen es bei einer Ermahnung.

Auch das Gedränge der Schaulustigen am Battery Park, von wo jeder ein Erinnerungsfoto oder -video mit nach Hause bringen will, reglementieren die Beamten nicht diktatorisch, nur entnervt. Am Wochenende pilgern die New Yorker noch immer aus allen fünf Bezirken mit Kind und Kegel nach Downtown, um das Unbeschreibliche zu sehen. Die Atmosphäre ist pietätvoll, niemand spricht unnötig und lässt bereitwillig dem anderen den Vortritt für ein Erinnerungsbild. Ein Pensionär aus Cincinatti wechselt mit mir die Knipsposition und murmelt leise: "Ich war als Navigator über Dresden dabei und sah die Stadt im Feuer sterben. Ich will meinen Enkeln das hier zeigen, damit sie begreifen, was Krieg ist".

Iraida Icaza, Fotografin aus Panama, weiß, was Krieg bedeutet. Sie war dabei, als die Marines Ende 1989 wie die Vandalen in Panama-City einfielen, um Manuel Noriega abzusetzen, den Musterschüler der School of America oder School of Assassins, wie Iraida die Kaderschmiede der Diktatoren und Mordkommandos von Chile, El Salvador oder Nikaragua nennt. Panama-City glich einem Schlachtfeld, Hunderte unschuldiger Zivilisten kamen um bei der vom heutigen Vizepräsidenten Dick Cheney geleiteten "Säuberungsaktion". Iraida lebt seit Jahren in Tribeca und kam am 11. September morgens gerade aus London zurück. Sie setzte sich ans Fenster ihres Lofts, von wo man direkt auf die Türme des WTC schaut, und machte sich Tee. Als sie - noch im Jetleg - das erste Flugzeug einschlagen sah, glaubte sie an eine Halluzination. Ohne Kameras rannte sie auf die Straße und kam nicht mehr als dieselbe zurück. "Meine Knie zittern, wenn ich daran denke. Ich suche, es zu vergessen, doch es gelingt nicht." Gleich nach dem Anschlag verlor Iraida ihre regelmäßigen Jobs beim New Yorker und Esquire. Die 2.000 Dollar monatlich für ihr 55-Quadratmeter-Loft zahlt inzwischen das Rote Kreuz. Doch der Vermieter hat schon Mieterhöhung angekündigt, weil er die Reinigungskosten der Staublawine tragen muss. Traumatisiert vom Terroranschlag und verunsichert wegen der Rezession, packt Iraida also wieder ihren Koffer und fliegt zu ihrem Freund nach London. In einem Traum erschien ihr der jüngst verstorbene Vater und sagte: "Ich habe 800.000 Dollar gespart, mach´ dir keine Sorgen." Auch wenn die Familie in Panama nichts von dem Geld weiß, hofft Iraida, bald wieder in Manhattan leben und arbeiten zu können. Denn einen besseren Ort auf der Welt hat sie, von der Kindheit abgesehen, nirgendwo gefunden.

Jeden Abend spielt er auf seiner Steel-Guitar den Southern Blues

Mitte der Achtziger war Tribeca noch der verborgene Lichtblick im Herzen der Finsternis New Yorks. Eine terra incognita für die Geld-Schickeria. Zuerst siedelten in den heruntergekommenen Speichern des südlichen Hafenviertels Künstler, die die horrenden Mieten in Soho nicht mehr zahlen konnten. Dann eröffnete der Filmregisseur Martin Scorsese das Tribeca Film Center und zog etliche Filmfirmen in die Mean Streets am Battery Park. Roller-blades-fahrende Manager in Armani-Anzügen zogen nach, um sich das entnervende Subway-Riding zu ersparen. Damit explodierten die Mieten und Tribeca wurde ein Stadtteil von Gotham City wie alle anderen. Nach dem Inferno des 11.September verkauften einige Anwohner des WTC ihre Lofts, doch der Marktpreis fror bei 15 Prozent minus ein. 40 Restaurants machten pleite wie etwa zehn Prozent der von wochenlanger Aussperrung betroffenen Geschäfte.

Das Odeon, eines der beliebtesten Retro-Lokale, arbeitet rund um die Uhr, um die Bergungsmannschaften mit Essen zu versorgen, kostenlos. Nach der Schicht hängen die erschöpften Männer freilich lieber in den irischen Pubs am Seaport oder im Ear, der ältesten Hafenkneipe von New York. Das Nachtleben brummt mehr als je zuvor. Nighthawks aus Jersey und Brooklyn kommen herüber über die noch immer streng kontrollierten Brücken und Tunnel, um mit genüsslichem Grusel ihren Whiskey on the rocks (der gestürzten Türme) zu trinken.

Guy Martin, Kolumnist des New Yorker radelt seit Mitte September allabendlich dem Sonnenuntergang entgegen, um mit trinkfesten Kollegen das Bar-Business von Tribeca zu unterstützen. An seiner Khaki-Weste, die ihn auch ohne Stenson-Hut wie Joseph Beuys aussehen lässt, steckt eine niedliche US-Flagge aus lasiertem Metall. Für den ehemaligen Kreuzbergianer, der 1991 mehrere Monate mit Neonazis in Hoyerswerda lebte, um differenzierter als seine deutschen Kollegen über sie im Esquire zu berichten, ist es weniger ein patriotisches Symbol als ein Zeichen der Solidarität mit den Opfern. "6.000 Biografien von Menschen aus 55 Ländern, darunter etliche illegale Emigranten, die als Putzkräfte im WTC für fünf Dollar die Stunde den amerikanischen Traum träumten, endeten brutal für den strategischen Beweis, dass Amerika nicht unangreifbar ist ..."

Der Südstaatler aus Alabama trauert um jeden von ihnen, denn keiner gehörte zu den Mächtigen der Welt. Auch nicht Guy´s Schwager, dem das Restaurant Windows of the world gehörte. Der Mann ist mit den Nerven fertig, nicht nur, weil er 70 seiner Mitarbeiter zu beklagen hat. Das FBI verhörte ihn tagelang, weil er wegen des Verkehrsstaues zu spät ins Büro kam und überlebte.

Pünktlich wie immer erschien Steve Winningham, Anwalt der Steuerbehörde, am 11. 9. in seinem Büro im 25. Stock des WTC-Komplexes. Er trank gerade seinen Morgenkaffee, als das erste Flugzeug oben im Turm einschlug. Plötzlich regnete es, wie bei der Steuben-Parade, Papierschnipsel vom Himmel und Glasscherben. Dann flogen Menschen an seinem Fenster vorbei. Da rief Steve seine Freundin an und sagt: "Schätze, ich werde wohl heute früher nach Hause kommen". Später versorgte der Anwalt die in Panik über die Brooklyn Bridge flüchtenden Angestellten und Bewohner von Downtown mit Wasser und feuchten Laken. Auf die weiße Wand seiner Dachterrasse am Seaport hat der New Yorker aus Virginia eine US-Flagge im Stil von Jasper Jones gemalt, weil er die handelsüblichen Plastikfahnen scheußlich findet. Jeden Abend spielt er auf seiner Steel-Guitar den Southern Blues und denkt darüber nach, wegzuziehen. Nach Amsterdam, wo die Luft besser ist, oder nach Hawaii, wo es keine Hochhäuser gibt, in die entführte Flugzeuge stürzen. "Manhattan ist ein verfluchter Ort", ist Steve überzeugt. Früher warfen sie am East River tödlich verunglückte, schwarze Hafenarbeiter einfach auf den Müll, weshalb die Gegend Dead Nigger´s Dump Area hieß. Heute wohnen hier bevorzugt weiße Banker in gläsernen Penthäusern und Straßen mit Namen wie Pearl Street. Doch mit jedem Neubau kommen die Knochen der Untoten zum Vorschein.

Einige haben sich umgebracht, weil sie das Trauma nicht verarbeiten konnten

Empört sind die New Yorker darüber, dass viele Händler von Chinatown am 11. September so taten, als gehe sie das alles nichts an. Der Preis für eine Flasche Wasser stieg in Kürze um das Zehnfache. Manche der vom Staub und Rauch des WTC Dehydrierenden zahlten gar mit Hundert-Dollar-Noten, die kein vernünftiger Verkäufer wechselt. Inzwischen haben die New Yorker jedoch andere Sorgen. Vor einer Woche wurde die Hauptpost von Manhattan wegen Spuren von Anthrax geschlossen und kein Brief mehr ausgeliefert. Trotzdem geht das Leben weiter und der New York Marathon am Wochenende brach alle Rekorde.

Ich kehre erschöpft von den Bildern des Grauens und der Zuversicht mit Hautausschlag von Dioxin-geschwängerter Luft nach Berlin zurück und trage eine niedliche Brosche mit der US-Fahne am Revers. Nicht aus patriotischem Gefühl, sondern aus symbolischem Mitgefühl mit den Opfern, deren Zahl um ein Vielfaches steigen wird, wenn die Trümmer des WTC beseitigt sind. Schon jetzt sind Hunderte Entkommener mit psychischen und anderen Gesundheitsschäden krank und arbeitsunfähig. Einige haben sich umgebracht, weil sie das Trauma nicht verarbeiten oder den Verlust eines Geliebten nicht verwinden konnten. Oder weil sie Angst vor neuen Anschlägen haben und ahnen, dass der 11. September 2001 zum Beginn eines neuen Zeitalters der großen Plagen und Sünden werden könnte. Kaum ein New Yorker glaubt mehr, dass Kriege nur woanders passieren. Darum demonstrieren nicht mehr nur notorische Pazifisten am Washington Square gegen die Strafexpedition ihrer Regierung in Afghanistan.

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00:00 09.11.2001

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