Rückkehr zur 40-Stunden-Woche

Erwerbstätigenbefragung Aufschlussreiche Momentaufnahme der deutschen Arbeitswelt

Jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland beurteilt seinen Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht. So das jetzt vorliegende Ergebnis der fünften Erwerbstätigenbefragung durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)* und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Die repräsentative Recherche, bei der im Vorjahr 20.000 Beschäftigte befragt wurden, vermittelt einen Eindruck, wie derzeit die Arbeitsbedingungen in Deutschland empfunden und verkraftet werden.

Als Trend zeichnet sich eine weitere Flexibilisierung von Arbeitszeiten ab. Mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen, fehlende Informationen, Termin- und Zeitdruck überschatten oft den Arbeitsalltag. Arbeit im Stehen, Zwangshaltungen sowie das Heben und Tragen schwerer Lasten tun ein Übriges. Insgesamt bekunden die Befragten dennoch eine hohe Arbeitszufriedenheit.

Da wirtschaftliche Aspekte die wahrgenommene Qualität einer Arbeit beeinflussen, wurden auch Fragen zu Einkommen und sozialer Sicherheit gestellt. So plagt jeden achten Befragten die Angst vor dem Jobverlust, nur 55 Prozent bewerten die ökonomische Lage des eigenen Betriebes als gut und sehr gut. Es zeigt sich auch: Mehrheitlich wird länger gearbeitet als vereinbart. 61 Prozent leisten mehr als 40 Wochenstunden ab, obwohl nur etwa ein Drittel (35,4 Prozent) über Verträge mit diesen Arbeitszeiten verfügt. Viele Beschäftigte gehen zudem Nebentätigkeiten nach, so dass jeder Fünfte - 21,4 Prozent sind es genau - über 48 Stunden in der Woche erwerbstätig ist. In Schichtarbeit arbeitet zumindest gelegentlich jeder Vierte. An Wochenenden fällt des öfteren für 70 Prozent der Samstag und für 40 Prozent der Sonntag als Ruhetag aus - jeder fünfte Arbeitnehmer leistet Bereitschaftsdienst und muss stets abrufbar sein.

Hinsichtlich physischer Belastungen nennen die Befragten "Arbeit im Sitzen" (53,4 Prozent) oder "Arbeit im Stehen" (56,4) am häufigsten. Bedingungen wie das Heben und Tragen schwerer Lasten, Lärm sowie Kälte oder Nässe finden mehr als 20 Prozent an ihrem Arbeitsplatz vor. Für die beiden letztgenannten Umstände zeichnet sich seit der letzten Befragung 1998/99 ein Anstieg ab.

Wie auch immer - der Großteil der Befragten fühlt sich den beruflichen Anforderungen gewachsen. Angesichts der erworbenen Qualifikation glaubt sich jeder Siebte unterfordert, während jeder Sechste angibt: Ihn überfordere das Arbeitspensum. Mehr als die Hälfte der Interviewten (53,5 Prozent) ist Termin- und Leistungsdruck ausgesetzt - fast zwei Drittel davon empfinden das als belastend, wenn zudem vorgegebene Mindestnormen sowie ein hohes Arbeitstempo eine Rolle spielen.

Bei mehr als der Hälfte der Befragten wiederholt sich der gleiche Arbeitsgang häufig in allen Einzelheiten, fast 60 Prozent müssen oft mehrere Vorgänge im Auge haben. Allein im Hinblick auf diese Belastungen für eine Mehrheit der Arbeitnehmer zeigt sich, dass die Rente mit 67 eine Kopfgeburt von der realen Arbeitswelt entrückter Politiker und Wirtschaftsexperten ist.

Etwa drei von vier Befragten leiden darunter, wenn ihnen eine Entscheidung zu spät mitgeteilt wird oder die notwendigen Informationen fehlen. Nur auf jeden zweiten Chef ist immer Verlass, wenn seine Mitarbeiter Hilfe brauchen. Mangelnder Beistand durch Kollegen (6,1 Prozent) und Vorgesetzte (16,1) wird zwar seltener beklagt, erhöht aber vorhandene Belastungen zusätzlich.

Nur jeder dritte Betrieb hat in den vergangenen zwei Jahren gesundheitsfördernde Angebote unterbreitet - war das der Fall, wurde dies durch zwei von drei Befragten genutzt. Hingegen konnte nur etwa jeder Vierte die Frage bejahen, ob eine Gefährdungsbeurteilung an seinem Arbeitsplatz vorgenommen wurde: 15 Prozent waren sich nicht sicher - 60 Prozent antworteten mit Nein.

(*) Alle Ergebnisse auch auf der BAuA-Homepage


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