Rudolf

Berliner Abende Kolumne

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Rentier und Elch? Hausen sie nicht alle irgendwie in Tundra und Taiga und helfen den Nomaden beim Umziehen? Ich bin kein Nomade, ich kenne mich da nicht aus. Aber ich habe jetzt auch eins, egal ob nun Ren oder Elch. Es heißt Rudolf, und Rudolf ist praktischerweise ein Plüschtier. Man kauft ihn bei OBI, es gibt zwei Größen, ich hab den kleineren. Rudolf ist waschbar bis 30°C und für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet. Er trägt einen niedlichen Wollschal um den Hals, denn es ist kalt, wo er herkommt. Alle unsere Freunde haben einen. Es gab ihn zu Nikolaus.

Wenn ich abends fernsehe, sitzt Rudolf jetzt immer dabei. Es weihnachtet, man ist etwas kuschliger drauf. Der Baumverkauf gegenüber heißt ja auch Tannen-Glück-Discount, und Zigarettenfirmen werben mit glitzernden Plakaten, auf denen "Rauchen kann töten" aus froh glimmender Leuchtelämpchenschrift besteht. Warum sollte ich als Einziger weit und breit nicht kitschig sein?

Ich weiß, wir sind ein niedliches Paar, wenn wir zusammen auf dem Sofa hocken, Rudolf und ich, aber noch bin ich nicht völlig verblödet, und man beiße mir bitte ein Ohr ab, falls ich ihn irgendwann frage, wie die Lösung einer Wer-wird-Millionär-Frage lautet. Unsere Freunde klären nämlich bereits ihre Beziehungsprobleme mithilfe ihres Rudolfs. Es wird puppenspieldiskutiert. "Guck nicht so!" sagt deren Rudolf und hebt, von Partners Händen geführt, fragend den Kopf: "Bist du wieder lieb?" Sie sind noch nicht 40 und haben bereits eine Vollscheibe. Geht es mit dem Kindischwerden so zeitig los?

Mahnendes Beispiel sind mir für alle Zeiten M. und seine Frau. Er ist Regisseur, sie Schauspielerin. Sie sind Mitte 60, haben keine Kinder, dafür haben sie Mimmili. Eigentlich heißt das Tier Mimmi, ein Stoffhündchen, Verzeihung: eine Stoffhündin - auf das Geschlecht wird Wert gelegt. Sie erhält mehr Zuneigung als manches Kind, im Auto sitzt sie immer hinten, dass sie bei langen Fahrten schön rausgucken und die Landschaft genießen kann. Wenn das Paar uns besuchen kommt und verschwitzt und erschöpft aus dem Wagen steigt, begrüße ich sie und freue mich ehrlichen Herzens, die beiden endlich wiederzusehen. Dann würge ich kurz und beuge mich ins Auto und frage Mimmi, die im Font darauf zu warten scheint: "Na, Mimmili, wie war die Fahrt?" Und dann strahlen unsere Theater-Freunde. Es ist das schönste Geschenk, das ich ihnen machen kann.

Einmal, als ich durch diese an die Kotzgrenze gehende Heuchelei meine Herzenswärme bereits ausführlich zur Schau gestellt hatte, fiel mir auf: Mimi hatte ein Ohr verloren. Was war passiert? "Was ist dir denn passiert, Mimmili?", hörte ich mich scheinheilig fragen und verbog mich weiter: "Wo hast du denn dein Öhrchen?" Ich blickte besorgt in die Runde.

M., unser Freund, verzog sich murrend, und seine Frau vertraute uns jene Geschichte an, die als Warnung vor allzuviel weihnachtlichem Gefühlsdusel hier mitgeteilt sei.

Es begab sich zu W., wo er inszenierte und sie spielte. Sie wohnten in einem Hotel, sie kamen nach der Probe in ihr Zimmer. Mimi war weg. Mimi hatte natürlich nachts mit ihnen im Bett geschlafen, hatte tagsüber auf dem Kissen geträumt. Jetzt war sie weg. Es wurde Alarm geschlagen, die Zimmerfrau des Diebstahls bezichtigt, der Hotelmanager eingeschaltet. Die Sache klärte sich schnell: Mimi war mit der Bettwäsche entsorgt worden. "Keine Chance", sagte der Direktor; die Wäsche war längst im Keller zu großen Haufen getürmt und dann zu Paketen verschnürt worden, fertig für die Fahrt in die Wäscherei, "tut mir Leid." Damit war die Sache für ihn erledigt. Glaubte er.

Aber jetzt ging unsere Freundin auf ihn los, und auch M. stand zu seiner Frau und zu Mimi und verlor jede Beherrschung (und er ist berühmt für seine laute Stimme). Damit das Hotel nicht in den Ruf geriet, Kinder zu schlachten und an ihre Gäste Hundefleisch zu verfüttern, fand der Manager sich schnell bereit, die beiden in den Wäschekeller zu lassen. Hier wühlten sie einen Abend lang in schmuddeligen Tüchern, benässten Kissen und vollgewichsten Laken. Und zogen schließlich Mimi hervor. Sie war zerzaust und ihr fehlte ein Ohr. Dennoch flossen Freudentränen, die Familie war wieder vereint.

Unsere Freundin hat ihre Karriere einst 17-jährig als Faustens Gretchen begonnen. Böse Menschen am Theater behaupten, alle Schauspielerinnen, die mit Gretchen starten, hätten selbst später irgendwann eine Meise. Aber das ist Quatsch. Es gibt ein paar Gegenbeweise. Dennoch: Wachsamkeit ist geboten, gerade vor Weihnachten, wo Ren und Elch so niedlich gucken. Wer könnte diesem Charme widerstehen? Ich weiß, wovon ich rede. Nicht wahr, Rudolf? Wie süß er schon wieder daliegt! Seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt. Mein armer Kopf ist mir verrückt, mein armer Sinn ist mir zerstückt. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer. Rudolf, mir graut vor dir!


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00:00 24.12.2004

Ausgabe 38/2020

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