Rudolf Walther
Ausgabe 0516 | 17.02.2016 | 06:00

Rückenwind für Langläufer

Frankreich Ex-Premier Alain Juppé ist als Präsidentschaftsbewerber der Konservativen weit enteilt

Rückenwind für Langläufer

Nicolas Sarkozy (links) könnte im altersweisen Alain Juppé unverhofft seinen Meister gefunden haben

Foto: Charly Triballeau/AFP/Getty Images

Als Nicolas Sarkozy im November 2014 die damalige Union pour un mouvement populaire (UMP) übernahm, deren Vorsitzender er bereits bis 2007 gewesen war, taufte er die Partei um in Les Républicains (LR). Diese Namensgebung wurde sechs Monate später von einem Parteitag abgesegnet. Für kurze Zeit sah es so aus, als schaffe der Ex-Hyperpräsident Sarkozy den glatten Durchmarsch, zunächst im November 2016 bei den parteiinternen Primärwahlen zum konservativen Präsidentschaftsbewerber und dann zum Sieg bei der Wahl des Staatschefs im April 2017.

Aber dann machte ihm der passionierte Langläufer Alain Juppé, sein wichtigster Konkurrent neben Ex-Premier François Fillon und dem Ex-UMP-Vorsitzenden Bruno Le Maire, einen Strich durch die Rechnung. Zwar hat Sarkozy seine Kandidatur für die Primärwahlen bis heute nicht erklärt, aber er verhält sich seit seiner Wahl zum Vorsitzenden der Republikaner wie der „geborene“ und „auserwählte“ Präsidentschaftskandidat. Das jedoch stört Juppé überhaupt nicht. Er hat seine Kandidatur schon im Mai 2015 erklärt, den Wahlkampf generalstabsmäßig organisiert und in einer 120 Quadratmeter großen Wohnung in Paris ein Hauptquartier eingerichtet.

53 zu 46 Prozent

Vier Mitarbeiter sind engagiert, dazu ein Geldeintreiber und Unterstützerklubs im ganzen Land. Alles nach Juppés Credo: „Die wichtigsten 100 Tage sind nicht die nach den Wahlen, sondern diejenigen, die diesen vorangehen.“ Zur Wahlkampfstrategie gehören auch vier Bücher, die Juppé im Vierteljahresrhythmus seit September 2015 mit großem medialen Aufwand auf den Markt geworfen hat bzw. werfen will. Sie handeln von Erziehung, Einwanderung, Sicherheit und Wirtschaft; das vierte soll eine Synthese von Juppés Vorhaben enthalten.

Irgendwann muss Sarkozy mitbekommen haben, wie zielstrebig sein Erzrivale auf einen Sieg bei den Primärwahlen im November hinarbeitet. Als er zum Gegenschlag ausholte, war der Langläufer Juppé schon weit weg und kaum noch sichtbar. Als Parteichef der Republikaner hat Sarkozy zwar den UMP-Apparat geerbt, den er zügig einer „Sarkozysierung“ unterzog, aber finanziell kann er nur auf bescheidene Mittel zugreifen, denn zum Erbe gehörten keine vollen Parteikassen, sondern 69 Millionen Euro Schulden. Gegenüber dem als liberal-konservativ geltenden und dezent auftretenden Juppé bediente sich Sarkozy im Vorfeld der französischen Regionalwahlen 2015 seines bewährten Rezepts: Polarisieren und draufsatteln. Dabei setzte er – wie der Front National (FN) – auf die Themen Einwanderung, Sicherheit, Terrorismus und Islamismus. Er wollte Marine Le Pen auf all diesen Politikfeldern überbieten und überholen – plädierte also für die Einschränkung beim Familiennachzug für Ausländer und bei der Gewährung sozialer Leistungen, polemisierte gegen eine „laxe Justiz“ und profilierte sich mit „Reform“-Vorschlägen. Mit denen geriet er an den Rand der Verfassungsmäßigkeit und kam Positionen des Front National derart nahe, dass kaum mehr Unterschiede zu erkennen waren.

Dieser Rechtsruck Sarkozys hat sich bei den Regionalwahlen im Dezember weder für seine Partei noch für seine Person ausgezahlt. Die Quittung erhielt er mit den Umfrageergebnissen zu Jahresbeginn. Sie deuteten auf viel Rückenwind für den Langläufer Juppé: Der kann in der eigenen Partei auf 53 Prozent Zustimmung hoffen, Sarkozy auf 46, Tendenz fallend. Darüber hinaus wollen drei von vier befragten Wählern nicht, dass Sarkozy erneut kandidiert. Als Juppé im Januar eines seiner Bücher präsentierte, hatte gerade eine Umfrage zu den Primärwahlen bei den Republikanern für Juppé 38, für Sarkozy 29, für Fillon zwölf und für Le Maire elf Prozent der Stimmen ergeben. Juppé wahrte Bodenhaftung und kommentierte das Ergebnis mit dem Satz: „Sarkozy hat die Partei, ich habe die Öffentlichkeit.“

Ex-Premier Jean-Pierre Raffarin hat in der Zeitung Le Monde Sarkozy auf einen Grund für dessen Imageproblem aufmerksam gemacht: „Die Leute wollen nicht wiedersehen, was sie schon gesehen haben.“ Mit seinem Buch La France pour la vie (Frankreich für das Leben) möchte Sarkozy nun sein Image korrigieren. Als Motto dient ihm ein Zitat des chinesischen Philosophen Mengzi (370–290 v. Chr.): „Der Weise ist wie der Bogenschütze. Dieser nimmt zuerst die richtige Stellung ein und schießt dann den Pfeil ab. Wenn er trotzdem das Ziel verfehlt, gibt er nicht den anderen die Schuld, sondern sucht den Fehler bei sich.“

Schuldbewusst, selbstkritisch und reumütig trat der Autor bei der Vorstellung seines Buches wie darin selbst vor die Öffentlichkeit und räumte großzügig Defizite ein: „Das Scheitern hat mich viel gelehrt. Es hat mich menschlich bereichert.“ Sarkozys Hausblatt Le Figaro zählte 27 Eingeständnisse in allen Preislagen von Lappalien bis zu groben Fehlern wie der verpatzten Vermögenssteuerreform.

Mit wöchentlich zwei Auftritten landesweit wird sich der Ex-Präsident demnächst als reuiger Sünder präsentieren, um Vertrauen wiederherzustellen. „Eine unmögliche Aufgabe? Vielleicht“, räumt der Hyperkandidat – bescheiden geworden – selbst ein. Auch mit seiner Selbstgerechtigkeit gegenüber dem Widersacher Juppé dürfte es ein Ende haben. Letzterer spricht von Religionen immer im Plural und äußert sich differenziert zu Islam und Islamismus. Auf die Differenz zu seiner eigenen vergröbernden Diktion in dieser Hinsicht angesprochen, reagierte Sarkozy onkelhaft: „Juppé hat das Recht, seine Ideen zu äußern.“ Der Ausgang des Wettlaufs zwischen beiden ist offen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/16.