Rückzug ins Private

Porträt Serkan Deniz ließ früher keine politische Diskussion aus. Jetzt hält er sich zurück. Er will nicht zerrieben werden
Ebru Taşdemir | Ausgabe 34/2016 8
Rückzug ins Private
„Dieses Türkei-Bashing hier geht mir auf die Nerven“

Foto: Jen Osborne für der Freitag

Sehr sorgfältig aufgereiht liegen da Totenschädel zwischen okkulten Büchern hinter dem Glas. „Die Satanistenecke“ nennt Serkan Deniz, der seine Mails gerne mit „Serkfried“ unterzeichnet, die Vitrine in seiner geräumigen Wohnung. Hell ist es hier, viel Weiß, etwas Schwarz, kein Ikea, keine Massenware, dafür viele Schädel. Sehr viele. Wer sie nicht mag, wird in dieser Wohnung kaum glücklich. Sogar auf der schwarzen WC-Matte im Gästeklo tritt die Besucherin auf einen Totenkopf samt „St.Pauli“-Schriftzug.

Deniz setzt Kaffee auf, als ob es das Normalste der Welt sei, den Flur mit Dutzenden von Totenköpfen zu dekorieren. Und das in der Wohnung eines Deutschtürken. Viel wurde über diese geschrieben in letzter Zeit. Keifende Erdoğan-Fans wurden ungeschnitten versendet, ihr mangelnder Integrationswille mikroskopiert und die doppelte Staatsbürgerschaft als integrationshemmend in Frage gestellt. Igitt, diese Deutschtürken, könnte man in diesen Tagen denken, wäre man nicht selber eine. Serkan Deniz hat seit 2001 nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Trotzdem sieht er sich „manchmal als Türke, manchmal als Deutscher, aber eigentlich als Heavy Metal hörender Berliner“. So.

An der Quelle sein

Mit 19, nach dem Abitur, war er zwei Monate lang durch die USA gereist, er lebte in New York, später auch in London: „Mir fiel es leicht, mich wie ein Londoner oder New Yorker zu fühlen. Ich habe die deutsche Currywurst vermisst und das erste Mal gemerkt, wie sehr ich doch von Deutschland geprägt bin. Deshalb das Serkfried, eine Mischung aus Serkan und Siegfried, dem deutschesten aller Namen.“

Serkan Deniz trägt viel Schmuck, vor allem Piercings. Später wird er erzählen, wie er einst in Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste vom ersten Urlaubstag an feindlich beobachtet und körperlich angegriffen wurde. Am Ende mussten Deniz und seine Frau den Urlaub abbrechen. Aber, schränkt er sich im nächsten Satz ein, wenn er das jetzt erzähle, dann sei das ja wieder Wasser auf die Mühlen der Türkeihasser und würde wieder eines der Bilder in ihrem Vorurteilskatalog bestätigen, das wolle er nicht. „Was für ein armseliges Land, die können ja noch nicht mal Demokratie!“, würden sie dann denken.

„Ich kenne genug Türken, die würden uns alle in die Tasche stecken und uns Unterricht in Demokratie erteilen“, sagt Serkan Deniz. „Die leben das, jeden Tag.“ Pauschalvorwürfe bekommen alle ab. Kommentare wie „... also was ihr da mit euren Kurden macht ...“ versuche er „je nach Kapazitätsgrenze des Gegenübers“ zu beantworten. „Manchmal stelle ich in wenigen Sätzen klar, dass die Kritik ihren Wahrheitsgehalt hat, aber zu kurz greift. Und es eher ein Demokratie-und Menschenrechtsproblem ist, unter dem vor allem die kurdischen Bürger leiden.“

Sogar sein Vater, sagt er, habe geglaubt, wenn man den Kurden erst mal Rechte gäbe, dann würden sie den ganzen Arm nehmen statt der Hand, die man ihnen reicht. „Ich will das nicht verurteilen. Aber wenn du einen Arm geben kannst, dann gibst du eben einen Arm.“

Wo der Metalhead metalci heißt

Die Geschichte des Heavy Metal beginnt in der Türkei nach dem Militärputsch von 1980 und ist anfangs ein reines Mittelschichtsphänomen – die Musik derer, die sich den Import von Alben, T-Shirts und Zeitschriften aus dem Ausland leisten können.

1986 erscheint mit Babaanne (dt. „Oma“) von Whisky das erste Album einer türkischen Heavy-Metal-Band. Im selben Jahr gründet sich im anatolischen Bursa mit Mezarkabul (dt. „Zustimmung zum Grab“) eine der erfolgreichsten Bands. In den 90ern nimmt dann selbst der öffentlich-rechtliche Sender TRT eine Metal-Show ins Programm. Der Mord an einer 18-Jährigen auf einem Istanbuler Friedhof löst 1999 in der Türkei eine Mediendebatte über Metal und Satanismus aus, Alben und Zeitschriften werden zensiert, junge Menschen mit langen Haaren verhaftet. Von einer satanistischen Terrororganisation ist die Rede.

2011 werden in Istanbul auf Anordnung des damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan fünf Metal-Fans verhaftet, weil sie einem vorbeifahrenden Auto-Konvoi den Teufelsgruß gezeigt haben. Die Geste – gestreckter Zeigefinger und kleiner Finger – ist im deutschsprachigen Raum auch als Pommesgabel bekannt. 21 Stunden werden die Jungs, die zu einem Metal-Festival gingen, in Gewahrsam genommmen, ihre Personalien erfasst. Erdoğan erklärt in einem In-terview: „Unglücklicherweise durfte ich selbst Zeuge vom Zustand unserer Jugend werden, es war deprimierend.“

Auf rund 350 Bands wird die türkische Metal-Szene inzwischen geschätzt. Eine der bekanntesten sind Moribund Oblivion. Auch sie gewann Serkan Deniz 2013 für sein Turkish Metal Battle Festival in Berlin. Christine Käppeler

Er erzählt viel Liebevolles und Zartes über die Heimat seiner Eltern. Der Abstand zur Türkei, den Deniz seit dem Putschversuch und dessen Folgen konsequent einhält, ist vielleicht Selbstschutz, gepaart mit Überdruss. So genau kann er das gar nicht sagen. Er will nur nicht zerrieben werden zwischen den Fronten und Gräben, die sich derzeit auftun.

Sie verlaufen nicht nur zwischen den „Deutschen“ und „Türken“, sondern auch durch die Communitys der Türken, Deutschtürken und Türkeistämmigen. Die Diskussionen auf Facebook etwa sind viel härter geworden. Deshalb nun: no politics.

Deniz vermeidet es, sich öffentlich auf Facebook zu äußern und kann dem verbalen Wahnsinn nichts abgewinnen. Früher war er bei jeder Diskussion dabei, dachte laut nach, zog sich mental aus und zeigte Schwäche. Heute ist er lieber offline als online. Nur als Filmfreak tauscht er sich in einer Gruppe mit befreundeten Cineasten verschiedener Couleur aus; LGBT, Menschen verschiedener Ethnien und unterschiedlichster politischer Gesinnungen. Sein Ziel dabei: auf die Gemeinsamkeiten schauen. „Letztlich wollen wir alle geliebt werden, lecker essen, Wein trinken und Filme gucken“, witzelt er. Als er vor drei Jahren über die sozialen Medien von den aufkeimenden Protesten im Gezi-Park erfuhr, war er durchgehend online, Tag und Nacht. Dann flog er spontan nach Istanbul.

„Ich wollte mit den Leuten vor Ort reden, an der Quelle sein. So stellte ich mir meine Türkei vor. Da hingen Öcalan-Fahnen neben vielen anderen und es war positiv, dass das nicht zu Mord und Totschlag führte.“ Die Euphorie hielt nicht lange an: „Was dann kam, war nicht mehr mit mir vereinbar. Da waren die kurdenhassenden, rechts denkenden Kemalisten, die die Gezi-Bewegung als eine Anti-Erdoğan-Bewegung feierten, und linksextreme Gruppen, die ihre Agenda verfolgten. Heute sehe ich, dass da jeder seine eigene Idee zu Felde trug und nichts Gemeinsames entstand.“

Damals habe er sich von etlichen Freunden getrennt, die die harte Linie der Regierung verteidigten. Heute würde er anders reagieren. Zu Gezi-Zeiten schien alles simpler. Gut und Böse waren klar verteilt: Die Regierung ging brutal vor, die Demonstrierenden wollten Grün, ihren Lebensstil und ihren Platz im öffentlichen Raum verteidigen. Mehr nicht. Heute, drei Jahre später, redet er nur noch vereinzelt mit Freunden über Gezi und alles, was dann folgte.

Frontdenken lehnt er grundsätzlich ab: „Egal ob mein Gegenüber Gülenist, AKP-Fan, PKK-Sympathisant oder Atatürk-Anhänger ist: Ich höre mir ihre Gründe an. Ich kann es parallel scheiße finden, während ich es zu verstehen versuche. Ich bin für Akzeptieren, Kontakt, Austausch. Weniger Vorwurf. Es ist aber immer wieder deprimierend anzusehen, wie wir uns bekämpfen, nur aufgrund der Ansichten. Das ist kein Zeichen von Engagement, sondern Ausdruck der Orientierungslosigkeit.“

Serkan Deniz ist 1974 im Westberliner Stadtteil Moabit geboren und aufgewachsen. Sein Vater schuftet im Drei-Schichten-Takt bei Gühring in Berlin-Reinickendorf, er stellt Teile für Bohrmaschinen her. „Entsprechend war er entweder kaputt oder gereizt“, erinnert sich Deniz. Seine Mutter ackert im Akkord bei Bosch. Um halb fünf ist sie wach und fährt früh in die Firma, anschließend putzt sie in einer Brotfabrik. Familie Deniz ist die Hauswartsfamilie des Mietshauses. Von der siebten bis zur zehnten Klasse gehört er zu den drei Besten am Heinrich-von-Kleist-Gymnasium in Moabit, obwohl er als Elfjähriger die Stelle des Hauswarts übernimmt. „Studiere und ende nicht wie ich in der Fabrik“, lautet das Credo seines Vaters. Klassische Gastarbeitererziehung eben.

„Sommerloch“, vermutet er

Als er 16 ist, rutschen seine Noten in die Mittelmäßigkeit ab. Deniz bekommt plötzliche Angstzustände. Nach einigen Wochen sind sie zwar weg, doch die Schwermut wird ihm in den folgenden Jahren noch oft begegnen. Nach dem Abitur will er Englisch- und Deutschlehrer werden, schafft das erste Staatsexamen und geht dann nicht mehr hin. Verdient sich sein Geld als Reiseleiter und Barmann und ergreift nach fünf Jahren endlich einen bodenständigen Beruf: Er wird Projektmanager bei einem britischen Kulturinstitut in Berlin. 2014 dann der harte Cut: Er steigt aus seinem Schreibtischjob aus, geht auf Kur und kehrt im Folgejahr seinem Heimatbezirk Moabit den Rücken, zugunsten des spießigen Berliner Südwestens.

Jetzt, da die Ruhe eingekehrt ist, er regelmäßig Sport macht und jeden Abend asiatisch kocht, hat er wieder Lust zu arbeiten. Nur wo, das weiß er noch nicht. Organisieren, netzwerken, die Leute bei Laune halten. Das wär’s. Um sich herum, sagt Deniz, sehe er fast nur noch Leute, die Burn-out haben oder am Rande des Burn-outs sind: „Die meisten definieren sich nur noch über ihre Jobs. Und die sind so unsicher, dass die Menschen automatisch zu Workaholics werden. Hier in Deutschland sind wir nicht frei von menschenverachtenden, entwürdigenden Attitüden. Der Markt scheint auf Verschleiß von menschlichen Ressourcen ausgerichtet zu sein.“

Ressourcen hat Deniz: 2013 organisiert er das erste Turkish Metal Battle Festival in Berlin. Whisky aus Istanbul, die 1986 das erste türkische Heavy-Metal-Album veröffentlichten, spielen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in Berlin. Death Metal, Black Metal, Heavy Metal – jedes Genre kommt zu seinem Recht. Die Bands reisen aus Istanbul, Ankara und Leipzig an. Der Berliner Volkan T. interpretiert Metal-Riffs mit der türkischen Langhalslaute Saz. Serkan Deniz und sein Freund Erol Yıldız finanzieren das gesamte Ereignis aus der eigenen Tasche, die Musiker schlafen bei ihm und seiner Mutter. Es sei ihm damals wichtig gewesen, zu zeigen, dass die Türkei nicht nur aus Şiş Kebap und Bauchtanz besteht.

Ein Brückenbauer, der ohne große Probleme sehr schnell in andere Kulturen, Sprachen und Atmosphären eintauchen kann. Deniz mag das Wort „Brückenbauer“ nicht. Zu idealisierend sei es und eine Bürde für den Einzelnen. Und vor allem: Was macht der Brückenbauer, wenn ein Brückenpfeiler weggebrochen ist?

Im Sommer vor drei Jahren hat Serkan Deniz genau das erlebt. „Als der Gezi-Park im Juni 2013 brutal geräumt wurde, saß ich beim Grillen mit Freunden und habe die Nachrichten über mein Handy mitverfolgt. Ich begann zu weinen und war verzweifelt. Ich konnte kaum fassen, dass dieser Hass so immanent ist. Bis vor ein paar Jahren war jeder Besuch eine Auffrischung. Ich fühlte mich emotional geschärft, wie ein Messer, das im Laufe des Jahres abstumpft und in der Türkei zu altem Glanz findet. Dieses Gefühl ist vollkommen weg. Das ist nicht meine Türkei, so weh mir das tut.“

Wenn die Liebe zur Türkei so schmerzt, dann ist da ja noch Deutschland. Hier ist er geboren und aufgewachsen, da müsse er die Bindung nicht betonen. Das sähe er gar nicht ein. Müssten Biodeutsche, auch wenn der Begriff rassistisch klinge, ja auch nicht. Wäre er denn auch in der Türkei glücklich geworden, wenn seine Eltern damals nicht nach Berlin gekommen wären? Bestimmt. Wohl eben deshalb geht ihm das derzeitige Türkei-Bashing, wie er es nennt, gehörig auf die Nerven.

„Dort leben wunderbare, gerechte, stilvolle Menschen, die sehr viel Verantwortung verdienen, wenn sie sie kriegen würden. Banale Vorurteile der Türkei gegenüber befeuere ich nicht. Die größten Kritiker in Deutschland sind doch diejenigen, die mit der Türkei nichts zu tun haben, und außer den paar Jugendlichen, denen sie im Bus begegnen, auch keine Türken kennen. Schade eigentlich, wir sind ja nun schon lange genug hier.“

Deniz zieht an seiner E-Zigarette und sinniert über die derzeitige mediale Beobachtung der Deutschtürken. „Sommerloch“, vermutet er lapidar. Er verfolge die Diskussion, klar – und lasse sie einfach sacken. Einfach mal keine Meinung haben müssen – für Serkan Deniz ist das zu einem wahren Luxus geworden in diesen Tagen.

Ebru Taşdemir hat 2014 mit Canset Içpınar das Buch Ein „türkischer“ Sommer in Berlin. Die Gezi-Bewegung und der Traum von Demokratie veröffentlicht

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