Rückzug vor der Hitze

Wohnen Das Extremklima der Zukunft fordert neue Konzepte. Traditionen aus dem Mittelmeerraum können Anregung sein
Rückzug vor der Hitze
Luftig, licht: Das katalanische Team Harquitectes hat von den alten Römern gelernt

Fotos: Harquitects

Das Problem herkömmlicher Klimatechniken ist, dass sie viel Energie fressen. Das fängt beim kleinen Ventilator im Büro an und hört noch nicht auf bei den hässlichen Klimaanlagen, die in vielen Ländern die Hausfassaden verschandeln. Die International Energy Agency bestätigte kürzlich, dass ein Zehntel des gesamten Energieverbrauchs für Klimatisierung eingesetzt wird. Tatsächlich ist der exzessive Einsatz dieser Anlagen völlig unsinnig. Australische Wissenschaftler der Griffith University in Brisbane forschen mit Phasenwechselmaterialien, die imstande sind, Wärme zu absorbieren, um sie bei Bedarf als gekühlte Luft wieder abzugeben. Solche Baustoffe müssten die Alternativen der Zukunft sein.

Unbilden des Wüstenklimas

Der Einsatz natürlicher Klimatechnik hat eine lange Geschichte, die heutzutage fast vergessen ist. In der Mittelmeerregion gibt es traditionell einfache Methoden der Kühlung durch natürliche Luftzirkulation. Es handelt sich um die Tradition der Innenhöfe, die noch heute in den südspanischen Regionen, vornehmlich in alten Patrizierpalästen, lebendig ist. Dass sich in diesen Regionen die Bauweise so gut erhalten hat, ist den 500 Jahren maurischer Kolonialherrschaft geschuldet, die auch die Architektur bis hin zu den Stadtgrundrissen tief geprägt hat. Die engen, verwinkelten Gassen erzeugen Schatten und lassen die Luft zirkulieren, vermindern damit auch die Sonneneinwirkung auf die Häuser.

Die privaten Wohnhäuser haben desgleichen ihre Ruhe- und Schattenzonen, die durch Luftzirkulation bestimmt sind. In der arabischen Kultur – die stark von großer Hitze, Winden und Trockenheit geprägt ist – war dieser Patio, der gänzlich vom Wohngebäude umgeben ist, der Rückzugsort für die Familie, er bot Schutz vor den Unbilden des Wüstenklimas. Nicht nur in den Herrscherpalästen wurden in diesen Innenhöfen Bäume gepflanzt, Brunnen und Wasserläufe angelegt, um das Mikroklima des Hauses zu verbessern. Baumeister in einigen nordafrikanischen Regionen verfeinerten das System der Luftzirkulation am wirkungsvollsten: Sie ließen die Luftströme durch Turmöffnungen über dem Wohnhaus einfangen und dann durch ein verzweigtes Röhrensystem in die unterschiedlichen Wohnräume weiterleiten.

Die Patios haben in der Mittelmeerregion eine jahrtausendealte Tradition. Die nordafrikanischen Kulturen übernahmen die Bauweise des Atriums von den römischen Kolonisatoren, woraus naturgemäß ganz eigenwillige Interpretationen erwuchsen. Die Küstenländer des Mare Nostrum haben dieses Erbe geschaffen, bewahrt und immer wieder an die regionalen Verhältnisse angepasst und damit neu interpretiert.

Diese mediterrane Bautradition ist heute unter jungen spanischen Architekten wieder lebendig. Angesichts steigender extremer Trockenheit und Hitze, nicht allein auf der Iberischen Halbinsel, ist das Wissen der mittelalterlichen Baumeister äußerst fruchtbar. Spanische Architekturbüros reaktivieren solche Bauweisen aus arabischer und römischer Zeit, die das Leben und Überleben im Klimawandel zumindest erträglicher machen können. Sie werden mit Fortschreiten des Klimawandels zunehmend auch für mitteleuropäische Länder interessant. Beispielsweise besinnt sich das katalanische Architektenteam Harquitectes auf die Tradition der Atrien, die die Römer im Wohnungsbau kultiviert hatten: Ihre Hofhäuser lassen Luft und Tageslicht hindurch. Durch Wärmerückgewinnung wird an kalten Tagen Energie für die Innenräume gespeichert; im Sommer, wenn der obere Teil des Patios erwärmt ist, wird heiße Luft über automatisch betriebene Dachfenster abgegeben, um eine Überhitzung zu vermeiden. Im Winter geben die geheizten Wohnräume warme Luft an die Patios ab, die regelmäßig angenehm temperiert sind. Die vier Gründer von Harquitectes haben sich – im Gegensatz zu vielen Kollegen – bewusst für die katalanische Provinz entschieden. David Lorente, einer ihrer Gründer: „Wir kommen alle aus den Dörfern des Vallès, dort wo die katalanische Kultur stärker verwurzelt ist. Wir haben niemals daran gedacht, auf der berühmten Architekturhochschule ETSAB in Barcelona zu studieren. Nein, wir gingen nach Sant Cugat del Vallès. Meine jetzigen Partner habe ich während des Studiums kennengelernt, nach dem Studium beschlossen wir, im Vallès ein gemeinsames Büro zu gründen. Dort, in der katalanischen Provinz, haben wir zahlreiche Wohnhäuser mit subtiler Klimatechnik gebaut.“

Die Renaissance der Innenhöfe ist nur eine, wenngleich nicht ganz kostengünstige Wahl. Ein ganz anderes Modell entwickelte der Kopenhagener Architekt Bjarke Ingels: Er entwarf das transportable Minihaus A45, es soll „den kleinstmöglichen ökologischen Fußabdruck mit größtmöglicher Naturnähe“ bieten. Das Raumwunder besteht aus Pressholz, recyceltem Holz, sogar wiederverwertetes Glas kam zum Einsatz. Und Renzo Piano beweist mit seinem Diogene-Minihaus, das eine Grundfläche von 2,40 mal 2,96 Metern aufweist, dass es möglich ist, dieses mit Photovoltaik-Zellen und Solarpaneelen zu versorgen.

Nachhaltiger und kostengünstiger sind Großprojekte wie das genossenschaftlichen Wohnprojekt Kalkbreite in Zürich. Hier wohnt eine 2.000-Watt-Gesellschaft, die den durchschnittlichen Tagesverbrauch pro Person auf 2.000 Watt begrenzt, was rund zwei Dritteln des durchschnittlichen Energieverbrauchs in Westeuropa entspricht. Erreicht wird der reduzierte Energieverbrauch durch eine Grundwasser-Wärmepumpe, die durchschnittliche Wohnfläche pro Person wurde auf knapp über 30 Quadratmeter begrenzt.

Die Grundbedingung bleibt, die jährlich 30 Millionen von privaten CO₂-Emissionen müssen signifikant reduziert werden. Gefordert sind hier auch neue Heizungskonzepte, um den Anteil der Gebäudebeheizung, der ein Drittel des Primärenergieverbrauchs ausmacht, deutlich zu mindern. Der Stuttgarter Forscher Werner Sobek möchte „null Energieverbrauch, null Emissionen und Rückstand“ durchsetzen. Dafür entwickelte er das „Aktivhaus“, das seinen eigenen Energiehaushalt vollkommen autonom regelt: Es vermag nicht nur den Überschuss der vor Ort regenerativ erzeugten Energie über das übliche Maß zu erhöhen, es kann sogar 200 Prozent der benötigten Energie selbst erzeugen.

Null Emmission, null Energie

Sobeks Forderung entspricht ein zukunftsweisendes Projekt für klimagerechtes Wohnen am Kopenhagener Nordhafen. Das Architekturbüro Vandkunsten bietet hier eine Alternative zum überteuerten Kopenhagener Wohnungsmarkt. Es schuf Studentenwohnungen aus Schiffscontainern – äußerst variable und schöne Wohnkuben, die aus miteinander verschraubten Containerhälften hergestellt wurden. Angesichts von 60.000 bis 80.000 Schiffscontainern, die jährlich in Dänemark aufwendig entsorgt werden, eine gute Idee. Die neuen Studentenwohnungen auf dem Wasser bieten viele Vorteile: Die geschosshohen Fenster sorgen für viel Tageslicht und fangen das ungewöhnliche Stadtpanorama ein. Die sogenannten Urban Rigger lassen sich, entsprechend der Forderung von Werner Sobek, problemlos auf- und abbauen. Zudem sorgen nachhaltige Technologien wie Wärmepumpen, hydronische Fußbodenheizung und Belüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung dafür, dass sich ein angenehmes Raumklima erhält und die Schadstoffemissionen gegenüber herkömmlichen Gas- oder Ölheizungen um 81 Prozent gesenkt werden. Die Wärmepumpe bezieht 75 Prozent der für Heizung und Warmwasser benötigten Energie aus dem Meerwasser, einer kostenlosen und sauberen Wärmequelle.

Und was kostet das Leben in dem komfortablen Öko-Haus? Durch die geringen Baukosten nur 520 Euro, und das im teuren Kopenhagen und sogar mit Meeresblick. Also sage keiner, dass niemand die Energiewende bezahlen kann. Es sind allesamt Beispiele für eine soziale Ökologie des Wohnens, die das Selbst, den Wohnraum und das Wohnumfeld einschließt. Gefordert ist, dass nicht allein Wohnende, sondern alle am Bau Beteiligten – also Bauherren und Architekten, Bauindustrie und Handwerker – das Wohnen der Zukunft erfinden. Seitdem der niederländische Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Crutzen vor einigen Jahren das „Anthropozän“ ausgerufen hat, gibt es keinen Grund mehr, in Depression und Kassandraklagen zu verfallen. Stattdessen müssen wir die Chance ergreifen, Visionen für ein neues – klimagerechtes und soziales – Wohnen zu entwickeln.

Klaus Englert ist Autor von Wie wir wohnen werden: Die Entwicklung der Wohnung und die Architektur von morgen (Reclam 2019)

06:00 29.07.2019
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