Rühren im Müll

Bühne Regisseurin Katie Mitchell und Autor Martin Crimp erkunden mit „Schlafende Männer“ die Paarbeziehung als ein Krisengebiet in Zeiten des Umbruchs

Zwei Uhr nachts ist die perfekte Zeit für eine Lebensbilanz. Hätte ein Kind möglicherweise alles verändert? Wäre das Interesse aneinander dann noch da? Was viele schlaflos im Bett mit sich allein ausmachen – Julia (Julia Wieninger) spricht es aus. Nein, sie knallt es ihrem Mann Paul (Paul Herwig) an den Kopf. Die Kunsthistorikerin und ihr Partner gehen beide auf die 50 zu. Die schicke Wohnung (Bühne: Alex Eales) gleicht den anderen schicken Wohnungen des bürgerlich kreativen Milieus: Stilaltbau, Parkett, dicht bepackte Bücherregale, Mid-Century-Modern-Möbel, funktionale Hightech-Küche. Eine Traumwohnung, aber auch ein Gefrierschrank der Gefühle. Damals, in jenem Sommer auf Thasos, wo sich Julia und Paul kennenlernten und zum ersten Mal übereinander herfielen, war alles anders. Heute gibt es nichts mehr, was die beiden noch verbindet. Keine Liebe, kein gemeinsames Kind – noch nicht einmal Hass oder häusliche Gewalt, denn auch dafür bräuchte es eine Portion Leidenschaft. Andererseits: Alle Karriere-Ziele wurden erreicht, ja sogar übertroffen.

Schlafende Männer ist das jüngste Stück des eher pessimistischen britischen Dramatikers Martin Crimp. Katie Mitchell hat die Uraufführung im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses inszeniert. Schon lange bilden die beiden ein erfolgreiches Team, Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino wurde 2014 von Theater heute zum besten fremdsprachigen Stück gewählt.

Ein Spiel der Selbstentblößung

Der Titel Schlafende Männer bezieht sich auf die Malerei von Maria Lassnig. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, und Männern untereinander ist hier gezeichnet von einer zärtlichen Mischung aus Poesie und Sarkasmus. Alles scheint möglich und spielerisch leicht. Auf diese Utopie lassen Crimp und Mitchell die bittere Energie von Wer hat Angst vor Virginia Woolf? prallen. Und wie in Edward Albees Klassiker über zerplatzte Illusionen hilft auch in Schlafende Männer ein deutlich jüngeres Paar mit, den Beziehungsmüll durchzurühren und rauszubringen.

Josefine (Josefine Israel) und Tillmann (Tillmann Strauß) sehen mit Dutt und Bart aus wie zu Geld gekommene Hipster, sind aber letztlich Updates oder Nachfolgemodelle ihrer Gastgeber. Er ist Möbeldesigner mit eigener Firma, sie Julias neue Assistentin. Um zwei Uhr nachts – wieder eine Referenz an Virginia Woolf – stehen sie vor der Tür und steigen sofort ein in das Spiel der radikalen Selbstentblößung. Die Frauen geben das Tempo vor, wirken zielgerichtet und handlungsfähig. Die Männer reagieren unsicher, halten sich am Status fest, spüren, dass sich etwas verändert. Als Josefine gelangweilt auf Pauls berufliche Erfolgsstorys reagiert, schlägt er scherzhaft einen Boxkampf vor: „Sie würden gegen einen Mann kämpfen?“ „Ich würde gegen jeden kämpfen“. „Und gewinnen?“ „Ich glaub schon. Klar.“ Der Schlagabtausch endet dann mit einer blutigen Lippe für Paul.

Mit surrealen Zeitlupen-Sequenzen unterbricht die Regisseurin immer wieder kurz die Handlung. Das verstärkt die beklemmende Atmosphäre und erzeugt einen David-Lynch-artigen Sog.

Schlafende Männer kann man durchaus als „Well-made Play“ bezeichnen. Jede Zeile sitzt und die Rollen wurden den Hamburger Schauspielern perfekt auf den Leib geschrieben. Doch Crimp ist weniger an einer Dekonstruktion des Bürgertums gelegen, als das veränderte Verhältnis zwischen Männern und Frauen auszuloten.

Paul und Tillmann retten sich vor den neuen Anforderungen in ein schrulliges Nerdtum. Sie träumen von Tischen ohne Beine oder produzieren Dance-Music ohne jemals zu tanzen. Julia und Josefine hadern mit ihrer Rolle als potenzielle Mütter – doch im Job stehen sie mühelos ihren Mann. „Ich mag keine Frauen?“, raunzt Julia einmal im rüden Tonfall. „Hören Sie mal, Josefine, ich habe für Frauen gekämpft, ich habe ihnen Macht verschafft, ich habe meine männlichen Kollegen angebrüllt und beschämt, damit die Frauen an dieser Universität eine Stimme erhalten“.

Großartig, wie Julia Wieninger in ihrer Rolle versucht jeden Selbstzweifel wegzubeißen. Auch Josefine Israel entwickelt auf der Bühne eine enorme Energie. Kein Zweifel, ihr Alterego wird irgendwann den Platz der Chefin einnehmen. Wie die realen Machtverhältnisse aussehen, zeigt sich allerdings, als der prominente Künstler Marko aus Los Angeles anruft und von Julia Änderungen an einem Katalogtext verlangt. Erstaunlich schnell und kleinlaut fügt sie sich und befiehlt Josefine die gewünschten Änderungen ins Notebook zu tippen. „Gibt es ein Problem?“ „Nein“.

Was die Männer betrifft, setzen Crimp und Mitchell eher auf jene Sorte, die in den Gemälden von Maria Lassnig zu sehen ist: unbekümmerte, verspielte Typen. Vielleicht liegt ja hier die Chance auf einen Neuanfang. Wenn sich Tillmann und Paul am Ende betrunken und erschöpft in den Armen liegen, ist jedenfalls eine Zärtlichkeit zu spüren, wie sie zwischen Paul und Julia schon lange nicht mehr existiert. Doch das Ende des ebenso klugen wie unterhaltsamen Stücks ist offen und möglicherweise schrecklich. Schlafende Männer ist ein scharfsinniger Blick auf ein Krisengebiet, das sich gerade verändert.

Info

Schlafende Männer Text: Martin Crimp, Regie: Katie Mitchell Schauspielhaus Hamburg

06:00 07.04.2018

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