Ruhe gibt es nicht

Action Dennis Gansel debütiert in Hollywood mit reinem Genrekino – „The Mechanic 2: Resurrection“
Lukas Stern | Ausgabe 34/2016

Etabliert wird die Situation durch die riesige Christusstatue mit den ausgebreiteten Armen in Rio de Janeiro. Unter ihr schlängelt sich vor dem Abendhimmel friedlich die Copacabana an der Küste entlang, begleitet von einer harmlos beliebigen Melodie. Eine Vorabend-Idylle. Arthur Bishop (Jason Statham) wünscht sich nichts mehr, als hier Ruhe vor der eigenen Vergangenheit zu finden. Im Vorgängerfilm The Mechanic von 2011 musste sich der kantige Auftragskiller nämlich gehörig durch die Gegend prügeln.

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Die ersten Minuten des Sequels, dessen Untertitel Resurrection genauso christologisch überzogen ist wie seine erste Einstellung, wirken wie eine absurde, blasphemische Farce: Erst sehen wir den auferstandenen Heiland aus massivem Stein, dann sehen wir Bishop (der tatsächlich auch noch so heißt) aus noch massiverem Muskelgewebe. Auf einem kleinen und ziemlich geputzten Boot, das gemütlich im Wasser schaukelt und bescheiden neben massigen Yachten im Hafen ankert, legt dieser Kraftprotz eine Schallplatte auf, macht sich eine Tasse Kaffee und liest Zeitung. Die Sonne scheint, das Licht ist angenehm.

Allein solche Bilder bringen einen zum Schmunzeln; tatsächlich ist es, als träumte hier das Actionkino vom Vorabendfernsehen; vom ereignislosen Alltag mit aufgeknöpftem Hemd. Zwar muss Bishop, wenn er das Boot verlässt, vorsichtshalber einen Selbstzerstörungsmechanismus aktivieren, aber selbst das geschieht mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

In der nächsten Szene sitzt er in einer Bar, trinkt ein Bier, begrüßt die anderen. Man kennt sich. Und nach einem werbetauglich zu sich genommenen Schluck ist dann schon Schluss mit lustig. Die Vergangenheit kehrt zurück und zwar in Form einer bewaffneten Frau und gleich mehrerer starker Typen, mit denen Bishop alsbald entweder das Buffet abräumt oder den Grill zischen lässt – aber einer nach dem anderen, bitte. Das Actionkino ermächtigt sich, putscht die warm illuminierte Idylle aus dem Amt. Schnelle Schnitte und Reißschwenks zerhacken den malerischen Raum, torpedieren seine trägen Bewegungen.

Durch das Panzerglas

Diese komische Exposition macht großen Spaß. Durch sie wird nämlich nicht einfach das Actiongenre bedient; durch sie setzt es sich selbst erst einmal ins Recht – gewaltsam und schroff wie seine Hauptfigur. Die versprochene Auferstehung ist nichts anderes als Reinstallation und Selbstermächtigung des Prügelkinos – wieder ein irgendwie witziger blasphemischer Schabernack, vielleicht weil er so unnötig ist.

Und damit zum eigentlichen Geschehen, das natürlich um nichts anderes kreist als um solche Selbstermächtigungen: Bishop, den man aufgrund seiner präzisen Killerarbeit den Mechaniker nennt, soll für einen Großkriminellen drei andere Großkriminelle töten und zwar so, dass jeder Tod wie ein Unfall aussieht. Darauf hat der kaffeetrinkende Mechaniker zwar wenig Lust, da aber bald eine junge Frau (Jessica Alba), in die er sich aus zunächst taktischen Gründen verliebt, mit auf dem Spiel steht, muss er den Auftrag wohl oder übel annehmen. Bei den Opfern handelt es sich um ebenso größenwahnsinnige wie übertrieben bewachte Waffenbarone und Menschenhändler, die gleich ganze Kontinente kontrollieren.

In Malaysia muss sich Bishop in ein Hochsicherheitsgefängnis einschleusen, in Sydney muss er einen freischwebenden Swimmingpool im höchsten Gebäude der Stadt von seiner panzerverglasten Unterseite knacken, in Varna muss er es in einen hochgesicherten U-Boot-Bunker schaffen. Eine tolle und für diesen Film paradigmatische Szene.

Selbstverständlich handelt es sich bei dem Bunker und dem damit verbundenen Tötungsauftrag gegen einen Mafiaboss (Tommy Lee Jones) um die schwierigste Mission. Bishop schmuggelt sich mit einem Rettungshubschrauber aufs Gelände, wirft zwei, drei Handgranaten in einen Aufzugschacht und hat, eine Einstellung weiter, schon Platz genommen in dem mit meterdickem Stahl gesicherten Schutzraum. Wenn es drauf ankommt, kann Bishop – und in diesem Sinne ist er eben ein Techniker – einfach Platz nehmen, ohne sich den Platz erstreiten zu müssen. Derart Herr über die Materie, dass er nicht einmal zerschlagen muss, was er durchbricht, verwirklicht die Figur des Arthur Bishop eine totale Ermächtigungsfantasie.

Regisseur Dennis Gansel hatte bereits in seinen deutschen Produktionen Interesse am amerikanischen Genrekino durchschimmern lassen. Filme wie Napola, Die vierte Macht oder der Schulunterrichtsfilm Die Welle (der um Mechanismen der Ermächtigung kreiste) sind unter seiner Regie entstanden. Mit The Mechanic 2: Resurrection, seiner ersten Hollywood-Arbeit, steht nun das entsprechende Instrumentarium bereit, die Genrevision einlösen zu können. Es ist die Vision von einem im Grunde konfliktlosen Kino.

Das gesamte Aktionsgeschehen ist in Arthur Bishop gebündelt. Jedes Problem hat er immer schon gelöst. Alles, was ihn umgibt und wogegen er operiert, ist nur unterschiedlich dichte Materie, niemals aber in irgendeiner Form Bedrohung – eine Gefängniswand, eine Panzerglasscheibe oder eine Armee bewaffneter Kampfsöldner, selbst der halbnackte Körper von Jessica Alba. Er knackt alles und nichts knackt ihn. Eine endlose Ermächtigungsbewegung über alles und jeden, Szene für Szene. Und das in einem Kino, das sich selbst dazu gebracht hat: eine perverse Fantasie, in ihrer Konsequenz aber auch eine spannende.

Info

The Mechanic 2: Resurrection Dennis Gansel USA/FRA 2016, 99 Minuten

06:00 26.08.2016

Ausgabe 21/2020

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