Ruhe vor dem Sturm

Opel Noch ist unklar, was bei dem Verkaufsgeschäft an Peugeot herauskommt: Kahlschlag oder konkurrenzfähiges Unternehmen
Hannes Koch | Ausgabe 10/2017 11
Ruhe vor dem Sturm
Wer sind wir? Und wie lange noch?

Foto: Sascha Schuermann/AFP/Getty Images

Neue Wendung einer alten Leidensgeschichte: Nun wird Opel an Peugeot verkauft. Weil sie eigentlich nichts mitzureden haben, üben sich deutsche Politiker und Gewerkschafter in Zweckoptimismus. Was bei dem Geschäft herauskommt – Kahlschlag oder konkurrenzfähiges Unternehmen –, ist völlig offen. Für viele Opel-Beschäftigte sieht es aber nicht gut aus.

Das war schon während der vergangenen 17 Jahre so. Das Unternehmen mit seinen rund 38.000 Arbeitnehmern in Europa machte permanent Verluste. Die Werke in Antwerpen und Bochum wurden geschlossen. Unattraktive Modelle, die Finanz- und Wirtschaftskrise – das waren zwei Gründe. Ein weiterer bestand in der Konstruktion des Konzerns. Eigentümer General Motors verbot seiner Europa-Tochter, Fahrzeuge auf dem Weltmarkt anzubieten.

Nun könnte ein paar Jahre Ruhe vor dem Sturm herrschen für die rund 19.000 Arbeitnehmer in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach. Peugeot akzeptiert die tarifvertraglichen Zusagen, die GM machte. Betriebsbedingte Kündigungen sind demnach bis Ende 2018 ausgeschlossen. Spätestens dann allerdings ist mit dem Verlust von Jobs zu rechnen. Peugeot-Chef Carlos Tavares spricht keine Job-Garantie für das kommende Jahrzehnt aus. Im Gegenteil will er jährlich 1,7 Milliarden Euro in seinem neuen Großkonzern kürzen und die vollen Einspareffekte bis 2026 erreichen. Aus Frankreich berichtet die Gewerkschaft CGT, alleine zwischen 2017 bis 2019 stünden mehr als 2.100 Stellen auf der Streichliste.

Dass die Rationalisierung weitergeht, ist sicher. Zumal die globale Autoindustrie zu viele Fabriken gebaut hat. Das potenzielle Angebot an Fahrzeugen ist größer als die Nachfrage. Hinzu kommen die technischen Neuerungen der Zukunft. Wenn reiche Staaten und Schwellenländer wie China in den kommenden 20 bis 30 Jahren auf Elektroautos umrüsten, könnte das bei den Herstellern hunderttausende Arbeitsplätze kosten. Denn der E-Antrieb braucht wesentlich weniger Teile und damit Fertigungskapazitäten als die Verbrennungstechnik. Und möglicherweise bedeutet der Übergang zum automatisierten Fahren, dass künftig weniger Autos unterwegs sein werden.

Von diesen Entwicklungen sind besonders bei Peugeot und Opel erst Ansätze zu erkennen. Das hochgelobte Entwicklungszentrum in Rüsselsheim beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit fossiler Technologie. Die meisten Innovationen bei der Elektromobilität, die im neuen Opel Ampera E stecken, behielt GM – aus seiner Sicht schlauerweise – in den USA. Und Peugeot hat bereits mit seinem Miteigentümer, dem chinesischen Unternehmen Dongfeng, vereinbart, gemeinsame Plattformen für neue E-Fahrzeuge zu entwickeln. Welche Rolle Rüsselsheim dabei bleibt, ist unklar.

Eine gewisse Chance für Opel liegt darin, dass die in Deutschland, Großbritannien, Spanien oder Polen gefertigten Fahrzeuge künftig auch in Asien, Afrika und Südamerika Käufer finden könnten. Darüber lässt sich aber heute nichts Genaues sagen. Daher bleibt der Befund: Der Kauf durch Peugeot markiert eine weitere Drehung der Spirale nach unten. Möglicherweise wird für viele Opelaner bald ein neuer Vorschlag von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz relevant: längere Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I, gekoppelt mit verpflichtender Weiterqualifizierung. Facharbeiter und Ingenieure braucht die deutsche Wirtschaft garantiert auch in zehn Jahren – aber bei anderen Arbeitgebern als Opel.

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