Ruhig fließendes, dunkles Wasser

Leningrad - Stalingrad - Petersburg Die Blockade an der Newa und die Schlacht an der Wolga vor 60 Jahren - als Krankenschwester hat Anna Fjodorowna Pessina beides erlebt

Im Herbst 1941 ...


... beginnt die Blockade Leningrads, der Stadt an der Newa, durch deutsche Truppen. Am 23. August 1942 fliegt eine deutsche Bomberstaffel den ersten Angriff auf Stalingrad. Mitte September 1942 werden dort zunächst Teile des Zentrums besetzt, dann wechselt die Kontrolle über die strategisch wichtigen Punkte der Stadt täglich. Am 22. November wird die deutsche 6. Armee des Generals Paulus eingeschlossen. Zu Weihnachten 1942 sind alle Versuche, den Kessel von außen zu sprengen, endgültig gescheitert, Tod und Niederlage unaufhaltsam. Am 2. Februar 1943 kapitulieren die Reste der Wehrmacht in Stalingrad - fast zeitgleich durchbrechen sowjetische Truppen den Blockadering um Leningrad.

Die Bilder von Stalingrad hat Anna Fjodorowna noch heute vor Augen. "Die Feuersbrunst, die übereinanderliegenden Leichen von Russen und Deutschen, das schwingende Pfeifen der Raketenwerfer, dieses Drama kann man nicht vergessen, das nimmt man mit ins Grab ..."

Gäste empfängt Anna nicht in ihrer Wohnung, sondern bei einem Spaziergang durch den Park, der sich vor ihrem 20-stöckigen Plattenbau im Nordosten Moskaus ausbreitet. Ihr 98-jähriger Ehemann mag keine fremden Besucher, er sei störrisch und eigensinnig, sagt Anna, deshalb sei dieser Treffpunkt draußen vor der Tür viel besser.

Neben mir geht sehr langsam eine zierliche, kleine Frau mit schmalem Gesicht und kurz geschnittenen Haaren. Ein in Plastikfolie gewickelter Stapel mit Bildern, Briefen und Gedichten wird aufgeschnürt. "Ich habe immer Verse geschrieben, auch an der Front." Anna liest mit ruhiger Stimme vor. "Wir haben die Erde vom Feuer gereinigt, das brachte den Menschen Glück. Aber Mütterchen Russland ist müde ..."

Granaten und Brot

Damals, 1942, las sie vor verwundeten Soldaten Gedichte des Poeten Sergej Jessenin. Sie befahl "Ruhe!" und begann zu rezitieren. Verse von verschneiten Birken, vom goldenen Mond, von verschmähter Liebe. "Die Männer stöhnten, waren traurig, man musste sie irgendwie auf andere Gedanken bringen."

Im Frühsommer 1942, als Anna Fjodorowna gerade 20 alt ist, kommt sie nach Stalingrad. Sie gehört zu den 30.000 russischen Frauen, die damals als Krankenschwestern an der gesamten Front im Einsatz sind. Wer von ihnen heute noch lebt, muss sich mit kümmerlichen Renten von umgerechnet 80 bis 100 Euro über Wasser halten. Die Frauen werden gelegentlich mit Orden ausgezeichnet und zu Kriegsjubiläen eingeladen, danach vergisst das Land sie wieder.

Geboren und aufgewachsen ist Anna Fjodorowna in Leningrad. Die Medizin-Studentin hat gerade das erste Semester abgeschlossen, da beginnt die Blockade der Stadt durch deutsche Truppen. An Studieren ist nicht mehr zu denken. "In Schnell-Kursen wurden wir auf die Front vorbereitet, ohne dass wir wussten, wo man uns hinschicken würde."

Alles, was damals passiert, ist für sie bis heute eine logische Kette von Ereignissen. Es gibt keine Zweifel - Tod, Hunger, Jessenins Verse, ihre Bücher, nackter Überlebenskampf, die Reden Stalins, der Hunger, ihre erste Dienstzeit als Sanitäterin in einer Leningrader Fabrik für Artillerie-Granaten. Das alles prägt ihr Leben, nichts sonst.

"Wir wohnten damals im Zentrum der Stadt neben dem Kirow-Theater. Zur Arbeit im Norden hatte ich einen langen Weg. Ich musste an der Newa entlang, dann über die Litejnyj Brücke auf die Wyborger Seite. Der Blick auf das ruhig fließende, dunkle Wasser ließ mich manchmal für Augenblicke alles vergessen. Wenn ich Hunger bekam, aß ich vom Brot, das meine Mutter von ihrer Ration gespart und mir eingepackt hatte."

    Sergej Jessenin

    Ich seh´ den Garten

Ich seh´ den Garten voll lichtblauer Tropfen
leise lehnt sich der Herbst an den Zaun,
Linden halten in grünen Tatzen
Vogelgezwitscher und leises Geraun ...
Ach, Russland, mein Russland,
ist es denn schon Herbst,
dass das Vieh auf den Weiden sich zerstreut
hat?
Ach, Russland, mein Russland,
du asiatisches Land,
ach, ihr meine Freunde, ihr Vagabunden,
ich bin wie ihr ein Verlorener,
es gibt kein Zurück mehr für mich.
(1918)

(Jessenin lebte von 1895-1925, wuchs bei einer Großbauernfamilie in Mittelrussland auf, hat in seinen poetischen Bildern immer wieder das bäuerliche Russland idealisiert, Freund Majakowskis, schied 1925 durch Freitod aus dem Leben)

Mit der Schwester steht Anna für 125 Gramm Mehl täglich Schlange. Im zweiten Kriegsjahr sterben die Eltern an Unterernährung. Bald danach ist die Schwester tot. Anna bringt ihre Mutter selbst zur Leichenhalle. "Ich bin sicher, dass sie in das große Massengrab kam, aus dem später, nach Kriegsende, eine Gedenkstätte wurde. Der Tod meiner Eltern hat mich schwer getroffen. Sicher, es starben so viele in diesen Monaten, dass es schon fast normal schien. Als ich meine Mutter zu den anderen Toten gelegt hatte, wollte ich nur noch Gutes tun."

Sie arbeitet weiter als Krankenschwester, um sich herum tödliche Erschöpfung. "Da saß jemand auf einem Holzschemel und schlief, und irgendwann wachte er nicht mehr auf. Ganze Familien wechselten sich an den Werkbänken der Munitionsfabrik ab, zur Frühschicht kam der Vater, nachmittags die Mutter, nachts der Sohn."

Sie arbeiten in wegen der Luftangriffe abgedunkelten Hallen, die vom Krach der Bohr- und Fräsmaschinen zittern. In dieser Wüstenei beginnt Anna, Gedichte zu schreiben. Dann hört sie von einem Aufruf der Partei. Wer geht freiwillig an die Front? Sie meldet sich. Sie hat niemanden mehr in Leningrad, der sie halten könnte. Sie umgeht den Blockadering der Deutschen, schlägt sich nach Süden durch - ein hölzerner Frachtwaggon erreicht Ende Juli 1942 das Ufer der Wolga bei Stalingrad. "Die Sonne schien. Eine wunderbare, ruhige Stadt. Ich ging dort zum Zahnarzt und ließ mir eine Plombe einsetzen. Die hält bis heute. Eine Woche später griffen die Deutschen an ..."

Katjuschas und Feldpostbriefe

Anna Fjodorowna wird zum Sergeanten befördert, erhält Schulterstücke und wird dem "Letutschka" Nr. 1165, einem pendelnden Sanitätswaggon mit Evakuierungs-Brigaden, zugeteilt. "Wir hatten auf den Schlachtfeldern vor der Stadt die Verwundeten einzusammeln, zu versorgen und dann in die Lazarette des Nordkaukasus zu bringen. Meistens lagen in einem Waggon 40 bis 50 Verwundete. Wir betreuten sie rund um die Uhr, ohne Ablösung, bis wir einschliefen."

Die jungen Krankenschwestern sind auch für ganz persönliche Wünsche der Soldaten da. "Um ihre Angehörigen zu beruhigen, haben wir für sie Briefe geschrieben. Die waren dreieckig und bestanden aus nur einem Blatt Papier, das einfach zusammengefaltet wurde." Anna reist eine Seite aus einer Zeitung und zeigt, wie man vor 60 Jahren Feldpostbriefe aus Stalingrad faltete. "Marken gab es nicht. Nur die Adresse, Leningrad, Tjumen und so weiter, das reichte ..."

Auch Musik gibt es auf den Verwundetentransporten. "Ohne Musik geht es bei den Russen nicht. Manche hatten ihre Ziehharmonika dabei, es gab sogar Soldaten, die tanzten und mir Komplimente machten. Ich war attraktiv." Ihr Blick richtet sich in die Ferne, als ob sie die Zeit gern zurückholen wollte. "Das war nicht so wie heute. Ich wollte einen reinen Charakter und einen reinen Körper. So wurde ich von meiner Mutter erzogen. Es gab dort keinen Mann für mich."

Am furchtbarsten seien in Stalingrad die Artillerie-Gefechte gewesen, "die Katjuscha - ich glaube bei den Deutschen hieß sie ›die Stalinorgel‹ - wurde unsere wichtigste Waffe. Wo die stand, gab es kein Durchkommen. Wer bei den Deutschen den Beschuss mit Katjuschas überlebte, auf den wurde mit Maschinenpistolen und Gewehren gefeuert, es gab sogar Faustkämpfe, so erbittert waren die Schlachten damals. Und danach - wohin man den Kopf auch drehte, überall Leichen. Wir schleppten nur die Russen vom Schlachtfeld, die Deutschen blieben liegen. Wir haben gesagt, lasst uns alle einsammeln, aber es hieß, das geht nicht. Das ist der Feind. Der hat uns angegriffen."

Die Siegesfeier an der Front wartet Anna nicht ab, kaum ist der Krieg zu Ende, fährt sie wieder in ihre Heimatstadt. Sie ist hart geworden, hat gelernt, Entschlüsse zu fassen. Nach Leningrad zurückgekehrt, findet sie die elterliche Wohnung unversehrt. Zwei Jahre später, 1947, lernt sie bei einem Konzert Michail, ihren späteren Mann, kennen. "Er saß neben mir und wollte mich unbedingt nach Hause begleiten, doch das war mir unangenehm. Und so ließ ich mich zu einem anderen Haus in einer anderen Straße bringen."

Töchter und Enkel

1984 stirbt Michail Markowitsch Pessin, mit dem sie zwei Töchter hat. Wieder ist Anna Fjodorowna allein, die Kinder sind längst erwachsen, wieder fühlte sie sich einsam, wird ihr die Stadt Leningrad zu eng, wieder hat sie das Bedürfnis zu helfen. Es folgen Jahre als Krankenschwester in Touristen-Zügen. Sie will die Weite ihres Landes erfahren, die ganze Sowjetunion bereisen. "Das ist mir fast gelungen. Ich war viel in Zentralasien unterwegs, kam bis nach Turkmenistan und war oft im Kaukasus."

Dann heiratet sie Anfang der neunziger Jahre einen Cousin ihres verstorbenen Mannes, weil es bei der Familie ihrer ältesten Tochter in der Petersburger Wohnung zu eng wird. "Dass ich deshalb nach Moskau gezogen bin, war wohl der verhängnisvollste Schritt meines Leben. Ich lebe jetzt mit einem Großvater zusammen, der sich allein fühlt und ständig umsorgt sein will." Annas Gesicht wird traurig. Sie möchte zurück in ihre Geburtsstadt und hofft sehr, dass Sina, die älteste Tochter, sie eines Tages wieder aufnehmen wird, obwohl ihr eher das Gegenteil glaubhaft erscheint. "Sina hat einfach meine Wohnung in St. Petersburg verkauft, ohne mich zu fragen, doch was soll ich mich aufregen. Vielleicht kann ich später wenigstens auf der Datscha wohnen."

Das Leben ist ungerechtet, findet die alte Dame. Hat sie denn den Töchtern nicht alles gegeben, was ihr die eigenen Eltern geben wollten, aber durch den Krieg nicht konnten? Das Vermächtnis der Eltern war für Anna das ungeschriebene Gesetz ihres Leben. Als könnte sie dadurch die Jahre der Zerstörung und des Sterbens ungeschehen machen. Annas Vater war Arzt, sie wurde Krankenschwester, die jüngste Tochter Marina wurde ebenfalls Ärztin. Beide Töchter lernten Fremdsprachen und Klavierspielen, ein Traum von Annas Mutter Maria Schdanowitsch, die einst das Leningrader Konservatorium besucht hatte. - Langsam schlurft sie durch den Park vor ihrem Moskauer Wohnhaus, Zentimeter um Zentimeter, gestützt auf ihren Stock. Wie ein Fluch liegt der Krieg über ihrem Leben. Seit sie Verwundete auf den Schlachtfeldern Stalingrads geschleppt hat, sind ihre Gelenke stark in Mitleidenschaft gezogen, aber es erscheint zwecklos, auf ein paar Wochen in einem Sanatorium zu hoffen.

"Mein ganzer Stolz ist Lawr, mein Enkel. Der ist heute so alt, wie ich es war, als ich an die Front ging. Er studiert in Petersburg Mathematik, besucht Konzerte und Theater. Er lebt in der Kultur", erzählt sie mit bedeutungsvollem Gesicht, "er erinnert mich sehr an meine Mutter, Lawrs Urgroßmutter, auch sie hat so gelebt, bis der Krieg kam und alles vorbei war. Nein, nicht alles ..." Und sie schenkt mir zum Abschied ein gebundenes Heftchen mit ihren Gedichten aus der Zeit der Blockade Leningrads.n

00:00 27.12.2002

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