Ruhig, warm und bedrohlich

Porträt Anne Goldmann ist eine der eigenwilligsten Stimmen der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Und sie wird von Roman zu Roman besser
Thekla Dannenberg | Ausgabe 20/2014

Sie ist nicht am Schreibtisch zur Autorin geworden, sondern in der Wirklichkeit: Die Österreicherin Anne Goldmann ist Sozialarbeiterin. Seit 30 Jahren arbeitet sie im Gefängnis, betreut Straffällige während und nach der Haft. Wenn sie von Gewalt und Verbrechen erzählt, dann tut sie das auf eine sehr geerdete Weise: mit einem warmen Wiener Klang, in allergrößter Ruhe, immer nah an der Realität. Bei ihr geht es nicht um abstrakten Begriffe wie Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, Gut und Böse. Sie spricht von Menschen und ihrer Selbstkontrolle, davon, ob sie sich im Griff haben oder nicht, wie sie sich und andere zu steuern versuchen oder wie man lernt, die immense Kluft zwischen Realität und Projektion zu überbrücken.

„Was mich an vielen Krimis stört, ist, dass dort alles so glatt und geplant läuft. Aber so funktionieren Menschen nicht. Sie handeln sehr unlogisch, irrational, sie sind getrieben von ihren Impulsen“, sagt Goldmann, die in ihren Romanen versucht, das Bedrohliche der ganz alltäglichen Welt festzuhalten. „Unser Bild von der Justiz ist ja sehr von US-amerikanischen Filmen geprägt. Als ich bei einer Verhandlung als Bewährungshelferin erschien, sagte ein Schüler, der sich das mit seiner Klasse ansah: ,Cool, und wo ist ihre Waffe?‘ Das hat ja nichts mit der Wirklichkeit zu tun.“

Vorbild Wolfgang Herrndorf

Goldmann gibt wenig auf die Regeln des Genres. Sie orientiert sich bei ihrem eigenen Schreiben weniger an großen Krimi-Autoren, sondern an ihren literarischen Vorbildern Wolfgang Herrndorf oder Ingeborg Bachmann. Eigentlich, sagt sie, lese sie kaum Krimis, und wenn, dann am liebsten die vom österreichischen Kollegen Paulus Hochgatterer, der ebenso ruhig wie sie selbst erzählt und dabei ebenfalls auf seine berufliche Erfahrung als Psychiater zurückgreift.

In ihrem Roman Triangel (Argument 2013), der vor zwei Jahren erschien, beschreibt Goldmann die Gefängniswelt einer österreichischen Kleinstadt nicht als soziales, sondern als psychologisches Drama. Sie erzählt von der Gefängniswärterin Regina Aigner, einer recht spröden, fast unsympathischen Frau, deren Vater selbst im Gefängnis gesessen hat. Zäh hat sie sich in der Männerwelt des Knasts hochgearbeitet, doch als sie von einer Freundin ein Haus erbt, findet sie wenig Freude an ihrem bescheidenen Wohlstandsleben: Gleich zwei Männer stellen Besitzansprüche, an sie und an das Haus. In ständiger Furcht vor übler Nachrede und voller Scham über die eigene Herkunft, beginnt sie, sich in einer Festung der Angst zu verbarrikadieren. Missgünstig blicken Nachbarn und Kollegen auf den schönen Wintergarten und die akkurat gestutzte Hecke.

Beeindruckend sind die Schilderungen des Gefängnisalltags. Hier stehen sich nicht Häftlinge und Wärter in einem plakativen Regime von Überwachen und Strafen gegenüber, sondern zwei Seiten der Unfreiheit. Häftlinge und Wärter teilen die gleiche Erfahrung, das gleiche Milieu, eine ähnliche Sicht auf das Leben. „Die Beamten haben im Grunde ja auch lebenslang“, sagt Goldmann. „Die einen leben im Gefängnis mit Schlüssel, die anderen ohne. Die einen können abends nach Hause gehen, die anderen nicht. Aber die müssen jeden Tag und über Jahre hinweg miteinander klarkommen.“

Die 1961 geborene Anne Goldmann ist in Kärnten aufgewachsen. Niemals würde ihr einfallen, das Leben in der Provinz zu verklären. Dort trauen sich die Menschen viel weniger, weil sie ihrer Umgebung so viel näher sind als die Menschen in der Großstadt. Sie sind unfreier und verstrickter. Aber was die Menschen vom Dorf denen aus der Stadt voraushaben, meint Goldmann, das sei der genaue Blick. „Davon hat schon Ingeborg Bachmann geschrieben. Der Blick von Großstädtern geht nach vorn, der von Kleinstädtern geht auch nach oben. Hoch zu den Giebelfenstern.“

In ihrem aktuellen Krimi Lichtschacht (Argument) wendet sich Goldmann vom Kleinstadtleben ab. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, Lena, die in Wien ein neues Leben anfangen will. Lena hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, die sie an der Pinnwand im Biosupermarkt findet. Sie hütet Wohnungen, versorgt Katzen und gießt Blumen.

Eines Abends beobachtet sie, leicht benebelt von Alkohol und Cannabis, eine verstörende Szene. Auf einem Dach, 50 Meter von ihrer eigenen Terrasse entfernt, sitzen drei Menschen, trinken Sekt und amüsieren sich. Auf einmal fehlt die Frau aus der Mitte, das übrig gebliebene Paar feiert weiter, als wäre nichts geschehen. Mord oder erstes Anzeichen einer schlimmen Kifferparanoia?

Noch nicht angekommen in der Großstadt, laviert die junge Frau hilflos zwischen neuen Freunden und alten Zwängen. Die Einsamkeit nährt die Furcht, die Unsicherheit und den Zweifel. Immer panischer wird ihre Angst selbst vor den Menschen, denen sie sich nahe fühlt: „Musste man jedem misstrauen?“ Am wenigsten, das merkt sie bald, kann sie sich auf sich selbst verlassen.

Dabei beweist Goldmann einen schönen Sinn für Suspense. In gegenläufigen Bewegungen schildert sie einerseits, wie Lena in ihrem neuen Leben ankommt, Freunde findet, sich verliebt. Andererseits beschreibt sie das große manipulative Geschick des Mannes, der seine Freundin wie nebenbei vom Dach gestoßen hat. Man verfolgt, wie er der ahnungslosen Lena immer näher kommt, aber man weiß nicht, wer er ist: der Nachbar, der Chef, der Freund? Man erfährt aber, wie gut er mit Frauen kann, vor allem wenn sie zickig werden: „Sofort eine Grenze ziehen. Das war der ganze Zauber.“

Manische Vorstellungen

Wie Margaret Millar oder Celia Fremlin erzählt auch Goldmann mit ihren Psychothrillern immer auch Geschichten der Emanzipation, wenn vielleicht auch nicht mit der gleichen Eleganz und bestimmt noch nicht mit der Perfektion. Doch mit psychologischer Raffinesse entwickelt Goldmann wahre Studien über den manipulativen Charakter, der sich an der Schwäche der anderen nährt und in ungleichen Beziehungen gedeiht. Goldmann lotet die inneren Befindlichkeiten ihrer Figuren aus, ihre Unfreiheit, ihre Ängste und ihre Scham. Selbst den Sturz der Frau vom Dach verfolgt sie geradezu skrupulös: „Begriff man in diesem Augenblick, was geschah? Dass man sterben wird? Schrie man? Verlor man die Stimme, den Verstand, während man auf den Boden zuraste und aufschlug? Spürte man den Aufprall?“ So schreibt kein versierter Profi, so schreibt jemand, dem vor einem Mord ernstlich graut.

Tatsächlich ist Anne Goldmann als Erzählerin und als Person Zynismus fremd. Ganz schrecklich findet sie ihn: „Damit wappnen sich Menschen, um Macht auszuüben, über eine Situation oder über Menschen“. Das soll aber nicht heißen, dass sie beim Erzählen nicht die Daumenschrauben anziehen kann. Der Thrill entwickelt sich bei dieser Autorin jedoch nicht aus dem ungelösten Verbrechen, sondern aus manischen Vorstellungen oder aus den Momenten, in denen Menschen eine Entscheidung treffen müssen, ohne sich auf sich selbst und das Gefühl für andere verlassen zu können.

Sie stellt aber noch klar: Nur weil sie Sozialarbeiterin ist, packt sie ihre Leserschaft noch lange nicht in Watte. Niemand hat sie zur Fürsorglichkeit verpflichtet.

Thekla Dannenberg schreibt die Kolumne Mord und Ratschlag bei perlentaucher.de

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06:00 14.05.2014

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