Rumschlummern bis die Kappen schmelzen

Sachlich richtig Erhard Schütz liest jahreszeitgerechte Bücher über Eis, Winterschlaf und allvernichtende Kometen
Rumschlummern bis die Kappen schmelzen
Auch wenn es mit der Erderwärmung weiterhin so flott vorangehen sollte, bleibt doch der Winterschlaf

Foto: Kaisa Siren/AFP/Getty Images

Beginnen wir das neue Jahr mit guten Vorsätzen: also mit Wurst! Um die geht es in einer wundersamen Reise quer durch Deutschland, immer den Würsten nach, welche sich nach dem scheiden, a) was drin ist, (Wild-)Schwein, Hammel, Hirsch, Rind oder Strauß z. B. – oder die neue Spezies Veggie, b) nach Zutaten, z. B. Blümelein oder Blut, Leber oder Erdbeeren (ja wirklich), und, wundersamst, c) nach der Form – als Pralinen oder Zigarren, als Bischofsstab, als gordisch Verknotete (Patent Az. 302012053928.9/29), spiralig oder als Weihnachtsstollen, als Zeppelin oder – vorzumerken für die Jahrtausendfeier – „Lutherische“. Was sich so eher schrill ansieht, liest sich in Wolfger Pöhlmanns Wurstkulturführer ebenso unterhalt- wie belehrsam: die wahrscheinlich einzige wirkliche deutsche Leitkulturgeschichte, so abwechslungsreich wie die 1.500 deutschen Wurstsorten und dauerhaft wie eine Ahle Worscht aus Nordhessen – bevor sie angeschnitten ist …

Jahreszeitlich angesagt, auch wenn die Kappen schmelzen und der Italiener es ums ganze Jahr herum anbietet: Eis. Und wie viel! Eine Welteislehre. Wiewohl, wenn ich nicht eine der zighundert Fußnoten übersehen oder in frostinduzierter Umnachtung nicht ein paar Seiten mit klammen Fingern überblättert habe, findet hier nun ausgerechnet Hanns Hörbiger mit seiner Welteislehre keinen auffindbaren Platz. Doch sonst hat Andreas Homann nicht das kleinste literarische Eiskristall übersehen. Zwischen der Eismaschine des backenaufblasenden Brecht oder der von Paul Theroux in den Tropen, Helga Novaks Beobachtung eines eisschleckenden Knaben, Heiner Müllers Schrift in Eis und Goethes Strom und Bächen, vom Eise befreit, dürfte diesem fast 800-seitigen Eiswälzer nichts entgangen sein. Von Landschaften bis zu Körpern, von Gebäuden bis zu Maschinen ergibt sich der Befund, der einen vor Ehr- oder Eisfurcht erstarren lässt: Die schreibende Menschheit hat Jürgen Links Theorie von der Kollektivsymbolik eiskalt internalisiert, noch ehe der sie ausgedacht hatte. Und, nun im Ernst, es funktioniert! Man kann das wahrlich stupende Ergebnis zwar nicht am Stück zu lesen versuchen, aber wenn es eine enzyklopädische Eissymbollehre gibt, dann ist es diese.

Auch wenn es mit der Erderwärmung weiterhin so flott vorangehen sollte, bis wir Eis nur noch aus der Maschine oder vorstehender Dissertation kennen, bleibt doch der Winterschlaf – bei gar nicht so wenigen. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass der klügere Teil der Biomasse selbigen kultiviert. Die Biologin Lisa Warnecke hat gefühlt ca. 99 Prozent ihrer Energie darauf verwandt, uns Tiere näherzubringen, die bis zu 99 Prozent ihrer Energie einsparen, ohne grün zu werden. Geforscht hat sie dazu im warmen Australien, an Beuteltieren, aber auch an den heimischen Igeln, denen es infolge des Insektenschwunds langsam anzuraten wäre, auch den Sommer über durchzuschlafen. Wie inzwischen in Natursachbüchern üblich, erzählt sie viel von der Art, wie sie so forscht, wie sie ihre Fanggebiete und Probanden, zum Beispiel das Schnabeltier und den Westlichen Bilchbeutler, ausmacht und wie ihr Herz höher schlägt, wenn Letzterer sich ins Gegenteil verabschiedet. Das ist aber so herzerwärmend dargestellt, dass man’s gut lesen kann, ohne in selbigen zu verfallen.

In Daniel Kehlmanns Roman Tyll schwärmt der Dichter Paul Fleming mitten im Dreißigjährigen Krieg über die Zukunft der Dichtung in deutscher Sprache. Der Jesuit Athanasius Kircher, Moralphilosoph, Mathematiker, Sprachlehrer, Drachenforscher, widerspricht: In 76 Jahren werde die Welt untergehen. Kircher, der selbst zwischen Glauben und Aberglauben, Magie und Wissenschaft operiert, hat zuvor Tylls Vater wegen dessen Wissbegier in Sachen Magie an den Galgen gebracht. Der reale Kircher war wohl eine ähnlich zwiespältige Figur, erforschte fleißig Vorzeichen und Wunder, aber merkwürdigerweise interessierte ihn am sogenannten „Winterkometen“ und dessen Nachfolger nichts als der mathematische Größenvergleich der Schwänze.

Andere sahen das anders. Johannes Kepler prophezeite Epidemien und eben Krieg. Sehr viele andere auch. Darunter Prediger, Schuhmacher, Zinngießer und Gelehrte. Denn während Friedrich von der Pfalz, der „Winterkönig“, als Herrscher über Böhmen nur eine Sternschnuppe war, aber faktisch den Krieg auslöste, der im Mai 1618 begann, war es so recht erst der im November auftauchende „Winterkomet“, der eine Kriegshysterie verursachte. Der Krieg war ja nicht zuletzt ein Medienkrieg, Flugblätter, Gerüchte, Pamphlete und Bücher taten das ihre, zumal unter den halbwegs Alphabetisierten. Der Historiker Andreas Bähr hat diese Zusammenhänge am Beispiel der Kometenwahrnehmung und -deutung in einem faszinierenden Buch rekonstruiert. Es hat gegenüber den anderen justament erschienen, dickstleibigen Werken zum Dreißigjährigen Krieg nicht zuletzt den Vorteil, schlank und zugleich ein plastischer Eindruck jener Zeit zu sein.

Info

Es geht um die Wurst. Eine deutsche Kulturgeschichte Wolfger Pöhlmann Knaus 2017, 464 S., 26 €

Eis. Kulturwissenschaftliche Erkundungen von der frühen Neuzeit bis heute Andreas Homann W. Fink 2017, 862 S., 118 €

Das Geheimnis der Winterschläfer. Reisen in eine verborgene Welt Lisa Warnecke C. H. Beck 2017, 205 S., 19,95 €

Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg Andreas Bähr Rowohlt 2017, 304 S., 19,95 €

06:00 10.02.2018

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