Russen in Deutschland trauen vielen Medien nicht

Polarisierung Welchen Medien vertraut die russischsprachige Community in Deutschland, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht?
Die meisten kombinieren verschiedene Quellen – und erhalten ein sehr widersprüchliches Bild
Die meisten kombinieren verschiedene Quellen – und erhalten ein sehr widersprüchliches Bild

Foto: Alexander Ryumin/Imago Images

Am Morgen des 24. Februar erwachte Europa mit der Schlagzeile: Russland ist in die Ukraine einmarschiert. Für viele in Deutschland lebende Russen und Russlanddeutsche war die Nachricht ein Schock. „Ich war voll von allen möglichen Gefühlen, Verzweiflung und Wut, und ich schrie sogar“, sagt Olga, eine Webentwicklerin, die in Potsdam wohnt. Als erste Reaktion setzte sie sich mit ihren Freunden, die in der Ukraine leben, in Verbindung, um zu erfahren, ob sie in Sicherheit sind. Trotz des andauernden Konflikts in den östlichen Regionen der Ukraine, wo von Russland unterstützte Separatisten seit 2014 gegen die ukrainische Armee kämpfen, war die Vorstellung eines ausgewachsenen Krieges zwischen Russland und der Ukraine für sie undenkbar: „Es ist schwer zu ertragen, dass Russland Zivilisten bombardiert.“

Olga ist in Ufa geboren und aufgewachsen, Russland ist sie noch immer sehr verbunden. Wann immer sie die Gelegenheit hat, kehrt sie in ihr Heimatland zurück, hauptsächlich um ihre Tochter und Bekannte zu besuchen. Politik ist ein Gesprächsthema, das Olga mit Freunden eher meidet. „Die Situation ist so schwierig, dass ich nicht mit allen meinen Freunden in Russland darüber sprechen kann. Das ist sehr belastend.“ Sie glaubt, dass diejenigen, die Putins Vorgehen nicht offen verurteilen, den Krieg nicht wirklich unterstützen, aber als psychologischen Selbstschutzmechanismus die Rechtfertigungen akzeptieren, die der russischen Öffentlichkeit präsentiert werden.

Der Konflikt in der Ukraine ist das Thema, das die russische Gesellschaft seit Auflösung der Sowjetunion womöglich am stärksten polarisiert. Die Spaltung rührt von den zwei scheinbar gegensätzlichen Realitäten her, die der Öffentlichkeit präsentiert werden – einerseits von den staatlich geförderten russischen Medien, andererseits von den wenigen verbliebenen unabhängigen Medien des Landes. Die Polarisierung wird in den sozialen Medien noch verstärkt, die gespickt sind mit Propaganda und Desinformation. In Konfliktzeiten überschlagen sich die Ereignisse, die Überprüfung von Fakten ist schwierig, und Fehlinformationen sind an der Tagesordnung. Dies bietet russischen Staatsmedien die Gelegenheit, oft wahre Geschichten als Fälschungen darzustellen. Durch diese Relativierung der Fakten entsteht ein Eindruck von Realität, der den Begriff der Wahrheit an sich infrage stellt.

„Wo warst du vor acht Jahren?“

Die aktuelle Medienlandschaft ist selbst für diejenigen schwer zu durchschauen, die Nachrichtenquellen kritisch betrachten: „Es gibt nirgendwo mehr eine Wahrheit“, sagt Daria, eine Projektmanagerin, die seit 2015 in Berlin lebt. Sie folgt den Social-Media-Accounts ihrer Freunde aus der Ukraine, findet es aber schwierig, den Informationen, die sie posten, voll zu vertrauen. „Auch sie sind der Propaganda ausgesetzt worden“, so Daria. „Früher oder später stößt man auf völlig gegensätzliche Sichtweisen. Einige Ukrainer sagen mir, dass es bei ihnen keine Nazis gibt, andere Ukrainer sagen, dass es sehr wohl Nazis gibt. Und man kann das nicht verstehen, man kann niemandem glauben. Es ist alles schwarz oder weiß, es gibt keine Nuancen dazwischen.“

Daria hat einen russischsprachigen Instagram-Blog. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sie begonnen, ihren Standpunkt gegen die russische Invasion in der Ukraine zu äußern, wodurch sie über 1.000 Abonnenten verlor. „Die erste Welle waren die Russen. Als ich anfing, mich gegen die militärische Beteiligung Russlands auszusprechen, fingen alle an zu schreien: ‚Wo warst du vor acht Jahren!‘“ Dieser Satz, der von den Befürwortern der russischen Invasion verbreitet wird, ist zu einem Meme geworden, mit dem auf Kritiker des Krieges reagiert wird. Es entstammt der offiziellen Rhetorik, wonach das Ziel der „Spezialoperation“ in der Ukraine darin besteht, die Zivilbevölkerung im Donbass vor dem „Kiewer Regime“ zu schützen. Auch von ihren ukrainischen Abonnenten schlug Daria in den sozialen Medien Hass entgegen, wenn auch in weitaus geringerem Ausmaß. „Es war in den ersten Tagen, als sie sich der Tatsache bewusst wurden, dass sie bombardiert wurden“, sagt Daria. „Es war eine verständliche menschliche Reaktion.“

Die Situation zwingt Russen ungewollt, sich für eine Seite zu entscheiden, was oft zu familiären Konflikten führt. Darias Eltern, die in Russland leben, unterstützen das Vorgehen ihrer Regierung. Seit 2014 – als das Land im Zuge der Annexion der Krim eine Welle der nationalistischen Propaganda erlebte – hat Daria mit ihren Eltern nicht mehr über Politik gesprochen. „Seitdem konnten wir uns bei politischen Fragen leider auf nichts mehr einigen.“

Die russischsprachige Community in Deutschland ist vielfältig und multinational. Diejenigen, die in den letzten zehn Jahren aus Russland zugewandert sind, verstehen sich als Teil einer internationalen progressiven Gemeinschaft. Sie verlassen sich selten auf eine einzige Informationsquelle. „Ich versuche, Informationen aus verschiedenen Quellen zu kombinieren, um zu sehen, was die ‚Wahrheit‘ ist“, sagt Alexander, der in München als Berater arbeitet. Seine Hauptinformationsquellen sind der Economist und die Financial Times, aber er verfolgt auch Meduza, eine unabhängige Online-Zeitung, die von Lettland aus operiert und in Russland wegen ihrer unabhängigen Berichterstattung als ausländische Agentin bezeichnet wird.

Wie viele im Ausland lebende Russen schaut sich Alexander gerne populäre Blogger auf Youtube an, die eine Alternative zum staatlichen russischen Narrativ über das aktuelle Geschehen bieten. Obwohl diese Blogger nicht als verifizierte Nachrichtenquellen angesehen werden können, füllen sie eine Lücke, die die russischen Staatsmedien hinterlassen haben, die zunehmend den Bezug zur Realität verloren haben und sich schwertun, ein progressives Publikum zu gewinnen. Blogger wie Ekaterina Schulman, eine unabhängige Politikwissenschaftlerin, bieten einen nüchternen Blick auf das politische Regime im Land und informieren die Öffentlichkeit über ihre Bürgerrechte. Ilya Varlamov, ein berühmter Youtuber, reist in die russischen Provinzstädte und deckt oft Korruption und Misswirtschaft der lokalen Behörden auf. Yury Dud, ein russischer Journalist ukrainischer Abstammung, der in Ostdeutschland geboren wurde, startete im Februar 2017 seinen Youtube-Kanal, auf dem er russische Prominente ohne staatliche Zensur interviewen kann.

Obwohl die russischsprachige Bevölkerung in Deutschland auf rund drei Millionen geschätzt wird, bezeichnet sich nicht jeder, der diese Sprache spricht, als Russe. „In Kasachstan war ich Deutscher, aber hier wurde ich zum Russen“, sagt Viktor, ein Spätaussiedler, der zu Sowjetzeiten in Kasachstan geboren wurde und im Alter von 19 Jahren nach Recklinghausen zog. Viktor ist dankbar, dass Deutschland seine Familie finanziell unterstützt hat, aber er fühlte sich nicht gut in die deutsche Gesellschaft integriert. „Als wir aus Kasachstan kamen, hieß es, hier kommen die Russen. Sie wussten auch gar nicht, wer wir waren, dass wir die ganze Zeit über in der Sowjetunion die deutsche Kultur bewahrt hatten“, sagt er. Viktor ist stolz auf seine Identität, die deutsche und sowjetische Erziehung verbindet. Für ihn ist der Konflikt in der Ukraine gegen diese Werte gerichtet. „Ich bin natürlich gegen diesen Krieg.“

Alex, ein Verwandter von ihm, kam Ende der 90er Jahre aus Kasachstan nach Deutschland. Obwohl er seine Integration in die Gesellschaft als erfolgreich bezeichnen würde, hat er das Gefühl, dass Russlanddeutsche manchmal in eine Schublade gesteckt werden. „Es gab einige Situationen, in denen ich leichte Missverständnisse erlebte.“ Aus Sicht der Deutschen sind wir „alle ehemalige Sowjets und ziemlich stark im Kommunismus verwurzelt“, sagt er. „Aber tatsächlich wissen wir sehr gut, was die Nachteile der Sowjetunion waren. Wir haben diese Nachteile, wie man so schön sagt, an unserem eigenen Leib erfahren.“

Alex bevorzugt traditionelle Medien und nutzt keine sozialen Netzwerke, um Nachrichten zu erhalten. Seine Familie hat drei Fernsehgeräte zu Hause. Alex’ Tochter schaut deutsches Fernsehen, und es ist bei ihnen Tradition, die Abendnachrichten auf ARD oder ZDF anzusehen. Der Haushalt hat auch Zugang zu russischen und kasachischen Sendern. „Ich finde es großartig, dass die Menschen in der Lage sind, verschiedene Informationsquellen zu vergleichen, Fakten zu vergleichen, Schlussfolgerungen zu ziehen und Analysen durchzuführen.“ Während des Krieges in der Ukraine achtet Alex besonders auf das ukrainische Fernsehen, da er den Informationsquellen vor Ort am meisten vertraut. „Wenn die Leute erzählen, dass Bomben auf ihre Köpfe fallen, dann bin ich geneigt, ihnen das zu glauben.“ Er versucht es zu vermeiden, sich die russischen politischen „Krikuni“ – wörtlich übersetzt Schreihälse, der russische Ausdruck für Propagandisten – anzusehen. Er glaubt aber, dass es solche Medienpersönlichkeiten in allen Ländern gibt.

Viktor hingegen hegt ein allgemeines Misstrauen gegenüber Medien und versucht, Nachrichtensender gänzlich zu meiden. 2014 hielt er sich in einem Hotel auf, in dem er Zugang zu russischen und deutschen Sendern hatte. „Ich bemerkte, dass das deutsche Fernsehen das, was auf Russisch gesagt wurde, nicht richtig übersetzte. Ich habe erkannt, dass man den Medien nicht trauen kann, weil es immer eine interessierte Partei gibt und sie die Nachrichten von ihrer Seite aus präsentieren.“

Die einseitige Darstellung Russlands hält in der Tat viele Russen von den deutschen Medien ab. Irina, die Anfang der 1990er im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie aus der russischen Stadt Tjumen nach Deutschland gezogen ist, identifiziert sich nicht als Russin, aber auch nicht als Deutsche, obwohl sie die meiste Zeit ihres Lebens hier gelebt hat. Ihr Vertrauen in das deutsche Fernsehen hat sie verloren, nachdem sie mehrere Reportagen über Russland gesehen hat, die sie als einseitig empfand. „Und auch die Übersetzung war falsch, sie war immer so negativ, die Leute drückten sich ein bisschen anders aus, das sind Nuancen, aber diese Nuancen waren immer negativ.“

Bei einigen Russlanddeutschen geht die Haltung gegenüber westlichen Medien über ein einfaches Misstrauen hinaus. Artur, ein Verwaltungsangestellter, der ebenfalls seit den 90ern in Deutschland lebt, findet, dass die deutschen Medien einseitig berichten und einige ihrer Zuschauer einer Gehirnwäsche unterziehen. „Man bildet sich eine Meinung und nimmt sie für bare Münze, ohne darüber nachzudenken“, fügt er hinzu. Artur schaut sich auf Youtube Blogger an, die, wie er es nennt, alternative Positionen zu den in Deutschland etablierten Ansichten vertreten. Er vertraut vor allem auf russische Quellen. Seiner Meinung nach ist Putins Vorgehen in der Ukraine gerechtfertigt: „Wenn es wirklich so ist, wie es uns in den russischen Quellen dargestellt wird, und es einige echte Faschisten gibt, die die Einheimischen terrorisieren, dann muss das unterbunden werden.“

RT Deutsch spielt keine Rolle

Das Sendeverbot für russische Staatsmedien wie RT in der EU werten einige als Versuch, die Meinungsvielfalt einzuschränken. Obwohl Artur selbst RT Deutsch nicht schaut, zeigt das Verbot für ihn, dass diejenigen, die es verhängt haben, „Angst vor alternativen Blickwinkeln haben“. RT Deutsch zählt nicht zu den Medien, die Russen in Deutschland bevorzugt nutzen. Für diejenigen, die russischen Nachrichtensendern grundsätzlich nicht vertrauen, ist das Verbot ein logischer Schritt. „Es hat sich gezeigt, dass Propaganda eine mächtige und gefährliche Waffe ist. Das Verbot ist also vermutlich sinnvoll“, sagt Olga, die vor zehn Jahren aufgehört hat, russische Nachrichtensender zu sehen.

Irinas Mutter ist Deutsche und ihr Vater ist russischer Abstammung. Obwohl sie seit vielen Jahren in Deutschland leben, haben Irinas Eltern hauptsächlich Freunde in der russischsprachigen Community. Ihre Hauptinformationsquelle sind russische Medien, aber sie machen sich keine Illusionen über das, was im russischen Fernsehen gezeigt wird. „Mein Vater findet, es ist alles Propaganda“, sagt Irina. „Meine Eltern sind Pazifisten, sie waren anfangs pro Putin, aber im Laufe der Zeit wurden sie immer kritischer und sind jetzt völlig anti Putin.“

Elizaveta Kuznetsova forscht am Davis Center for Russian and Eurasian Studies der Harvard University zu Propaganda und Public Diplomacy

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